Der Autor als soziales Wesen

Dass Autoren eher introvertiert sind, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Sonst würden sie ja nicht im sitllen Kämmerlein hocken und sich wirre Geschichten ausdenken, sondern auf Bühnen stehen und die Leute mit ihrer Brillianz in Person begeistern. Manche zeigen niemals jemanden auch nur eine einzige Geschichte, weil sie Angst vor negativen Kommentaren haben. Andere ertragen die Aufmerksamkeit, solange sie sich mit niemandem auseinandersetzen müssen. Für fast alle ist der Leser ein unheimliches Fabelwesen, von dem sie zu gleichen Teilen erschreckt, angeekelt und fasziniert sind. Die Leser-Autoren-Beziehung ist ein sehr empfindliches Ökosystem, das – bis auf in wenigen Ausnahmen – nur ein geringes Maß an Interaktion verträgt.

Dass Autoren auch miteinander häufig nur schlecht auskommen, wundert mich hingegen immer wieder. Wir tun uns schwer damit, Ideen zu teilen, konstruktive Kritik zu üben, Vorschläge zu machen, gemeinsame Werbe-Aktionen zu starten. Beispielsweise existieren viele Facebook-Gruppen offiziell zum professionellen Austausch, aber wenn man reinschaut, sieht man nur eine lange Liste von Werbung: „Kauft mein Buch!“. Und dann nix. In anderen, etwas erfolgreicheren Foren findet man schon die eine oder andere konstruktive Frage, aber nur wenige Reaktionen.

Sicher. Wir haben nur wenig Zeit, und die verbringen wir am liebsten mit Schreiben. Dann ist da das echte Leben, in dem Wäsche gewaschen und der Müll rausgetragen werden will. Wenn wir uns Zeit aus unserem Tagesplan nehmen, dann höchstens für die obligatorische Werbung, von der uns immer wieder gesagt wird, wie wichtig sie sei. (Und wenn ich noch einen Twitter-Account sehe, auf dem einfach dreimal pro Tag gepostet wird: KAUFT MEINEN ROMAN!, muss ich weinen.)

Aaaaaaber. Aus dem Austausch mit anderen Autoren habe ich schon unglaublich viel gelernt. Ich mag es, Ideen auszutauschen oder meine eigenen zwei Cent zu der Plot-Idee eines Freundes dazuzugeben. Ich diskutiere gerne Cover-Entwürfe oder wäge die Vorteile verschiedener Schreibprogramme gegeneinander ab. Und mal im Ernst, nicht einmal die Leute, die uns aufrichtig lieben, haben den Nerv, sich mit diesen Sachen stundenlang zu beschäftigen. Zu guter Letzt: Wer versteht die Verzweiflung über eine schlechte Rezension oder die Scham, wenn man beim Wieder-Lesen eines bereits veröffentlichten Werkes einen wirklich großen Schnitzer findet, besser als ein anderer Autor?

„Und was, wenn der andere meine Idee klaut?“

Die Frage findet man immer wieder, und ich fürchte, sie ist die Wurzel allen Übels. Jetzt mal im Ernst. Erstens ist die eigene Idee höchstwahrscheinlich nicht die genialste seit der Erfindung der Currywurst, und der andere Autor wird in seine eigene Idee ungefähr genau os verliebt sein.

Zweitens bin ich davon überzeugt, wenn man zwei Autoren eine Ausgangssituation und drei Plot-Punkte gibt, werden sie zwei völlig unterschiedliche Geschichten schreiben. (Beispielsweise kamen damals „The Graveyard Book“ von Neil Gaiman und „Her fearful symmetry“ von Audrey Niffenegger ungefähr zur gleichen Zeit, beide hatten magische/übernatürliche Elemente und handelten von Kindern auf einem Friedhof; beides waren erfolgreiche Bücher, und vor allem völlig unterschiedliche.)

Und drittens: Natürlich kommt es vor, dass Geschichten gestohlen werden. Gerade in Zeiten des Internets. Ein Bekannter hat seinen Schwule-Vampire-Roman gerade auf einer Drittanbieter-Seite zum kostenlosen Download gefunden. Die Geschichte einer anderen Autorin, die sie als Fanfiction ins Internet gestellt hatte, wurde marginal verändert – ich glaube, man hat die Namen der Personen ausgetauscht – und dann bei Amazon als eBook angeboten. Falls einem so etwas auffällt, sollte man mit allen vorhandenen Mitteln dagegen vorgehen. Aber in diesen Fällen geschieht der Diebstahl meistens nicht durch Freunde und Bekannte, sondern durch zufällige Personen, die einfach eine günstige Gelegenheit nutzen.

Langer Rede kurzer Sinn – An alle meine kreativen und vor allem Schreib-Freunde: Ich liebe euch und würde euch um nichts in der Welt eintauschen! Mich mit euch austauschen, hingegen… möchte ich wirklich nicht missen.

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2 Gedanken zu “Der Autor als soziales Wesen

  1. Meiner Erfahrung nach sind nicht alle Autoren unbedingt introvertiert. Sozial inkompetent vielleicht ;), aber eines haben die meisten gemeinsam: Mitteilungsbedürfnis. Ich erkenne das an mir selbst und schmunzele immer wieder darüber, wenn ich mich mit anderen Autoren live unterhalte. Da geraten einige, mich eingeschlossen, gerne mal ins Schwadronieren, vor allem, wenn es um aktuelle Buchprojekte geht.
    Aber das ist nur eine Randbetrachtung, ansonsten muss ich Dir voll und ganz zustimmen. Ich mag meine Autorenbekanntschaften und wiederhole gerne: Ein einsamer Autor steht auf verlorenem Posten. Wir sind keine Konkurrenz zueinander. Wir sind gegenseitig unsere besten Werbeträger und Unterstützer. Oder kennt ihr jemanden, der nur ein einziges Buch besitzt? 😉

  2. der austausch mit kompententen mitschreibern ist eine großartige sache… nirgendwo lernt man so viel (und kriegt den eigenen mist so gnadenlos um die ohren geschlagen). ich möchte gar nicht dran denken, wo ich wäre, wenn ich keine solchen kontakte und kritiker hätte 😀 oh wei, doch, ich muss nur an meine ersten texte denken, die ich unbesehen toll fand. dabei sah ich weder schwachstellen, noch potential – da brauchte es viele jahre, bis ich nicht nur zeigen, sondern auch weiterbearbeiten konnte. fundierte kritik ist wirklich das beste!

    @Matthias: keine konkurrenz, sondern mitstreiter… das hast du schön gesagt!

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