Das Wohlfühl-Magazin

IMG_1987„Was, du liest die FLOW?“ Die Bekannte guckt ungläubig.

Ich nicke. Leugnen wär auch unsinnig, ich hab das Magazin aufgeschlagen auf dem Tisch liegen.

„Von dir hätte ich das nicht erwartet“, sagt sie und klingt ein wenig enttäuscht. „Das ist so ein … na, so ein Wohlfühl-Magazin.“

Da könnte ich jetzt eine Menge zu sagen. Dass die FLOW eine Mischung aus Kunst, Psychologie und Lifestyle schreibt. Ein wenig wie die typischen Frauenmagazine, nur ohne Kosmetiktipps, Diäten oder Klamottenwahn. Stattdessen mit wunderschönen Bildern, Buchtipps und Reiseberichten. Und wenn Rezepte drin sind, steht da garantiert nicht neben: „Schöne Haut und pappsatt mit diesen 30-Kalorien-Sellerie-Keksen!!!“

Stattdessen denke ich an gestern.

Gestern morgen bin ich um sechs Uhr aufgestanden, um vor dem normalen Bürojob noch ein wenig schreiben zu können. Sonst passt das oft nicht in meinen Tag. Stattdessen hab ich dann allerdings vierzig Minuten das Wohnzimmer geputzt, denn beide Katzen waren krank – eine hatte Durchfall, die andere hat alles vollgekotzt. Offenbar etwas falsches gefressen. Oder zuviel. Oder zuviel falsches. Während Ronja keinerlei schlechtes Gewissen zeigte, sah Greebo ganz elend aus. Nach dem Putzen also den Mann geweckt. Der hat Home-Office, kann folglich die Biester besser morgens zum Tierarzt fahren als ich. Den Kater musste trotzdem ich in die Transportkiste hexen, denn meine beiden Männer kommen nicht gut miteinander aus. Inzwischen war jedenfalls der Zeitplan komplett im Eimer. Schnell noch Frühstück gemacht, Mittagessen in die Tasche gepackt und Richtung Bus gehetzt. Mit viiiiiiiel Glück gerade noch rechtzeitig gekommen – und von einem Haufen Arbeit begrüßt worden.

Während der Arbeit natürlich immer mit einem Auge auf dem Telefon, was denn jetzt wohl mit dem armen Kater sei. Berge von Papier bearbeitet, in der Mittagspause den Einkaufszettel geschrieben, denn einige elementare Dinge fehlten in unserer Küche.

Nach der Arbeit vepasste ich natürlich prompt die erste Bahn. Zum Glück wartete der Supermarkt – wo soll er denn auch hin? Allerdings war er nicht der einzige, der wartete. Die Kunden schlängelten sich von der Kasse einmal quer bis ans andere Ende. Auch nicht zu ändern. Dann hatte natürlich noch der Bus Verspätung.

Zuhause warteten zwei hungrige Katzen und ein hungriger Mann. Es gab Pizza. (Für die Menschen, wohlgemerkt.) Dann kriegte ich den Zettel mit den Futter-Empfehlungen für die Katzen in den nächsten Tagen – also noch einmal raus zum Laden, denn wir hatten weder Tartar noch Hähnchenbrust im Kühlschrank, und so ein empfindlicher Katzenmagen will natürlich verwöhnt werden.

Um kurz vor acht Abends war ich wieder zu Hause und konnte mit der Kochorgie für die Katzen anfangen. Und parallel für den nächsten Tag vorkochen, denn mit den Kolleginnen war ein Outing geplant, und spätes Abendessen passte nicht in den Terminkalender.

Schnell noch Nachrichten lesen, denn ich will ja informiert bleiben: Unbekannte haben unten im Ort in einer Bankfiliale einen Automaten gesprengt. Viele Deutsche jammern über die grausame Realität des Sommermärchens, das wohl ein Bezahl-Abenteuer war. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht, worüber hunderttausende andere Menschen aus verschiedenen Gründen nicht glücklich.

Inzwischen war es zwanzig nach neun, und ich hatte noch nicht ein Wort zu meinem aktuellen Projekt geschrieben. Die Wohnung roch dezent nach Katzenausscheidungen und gekochtem Reis, und der Mann kam gerade erst von seinem Schreibtisch weg, wo er wegen des Tierarztbesuchs am Morgen länger als üblich festgesessen hatte. Um den Tag nicht völlig abzuschreiben, schaltete ich noch schnell den Computer ein und schnitt mir fünfhundert Wörter aus den Rippen. Besser als nichts, nicht wahr? Dann schlief ich völlig erschöpft auf dem Sofa ein, um kurz nach Mitternacht zombiegleich Richtung Bett zu schlurfen.

Ja, ich lese ein Wohlfühl-Magazin. Und ich finde das auch gar nicht verkehrt.

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Ein Gedanke zu “Das Wohlfühl-Magazin

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