Er-Schöpfer von Welten

Gerade, wenn man Fantasy, sei es Urban Fantasy oder High Fantasy, vielleicht auch Horror oder Science Fiction schreibt, kommt eine Menge Arbeit auf einen zu, von der man im Buch am Ende nichts merkt. Wenigstens, wenn der Autor es richtig gemacht hat.

Ich rede natürlich vom Weltenschaffen.

Welten? Auch bei Urban Fantasy?

Überraschenderweise ja.

Und vor allem: Es ist bei Weitem nicht so einfach, wie es scheint.

Nehmen wir einmal an, ich will einen High-Fantasy-Roman schreiben, der in einer mittelalter-ähnlichen Welt spielen soll. Der Hauptkonflikt ist der zwischen zwei verfeindeten Stämmen, und es geht um eine Quelle, denn seit langem herrscht Trockenheit in der Region, in der sie leben.

Klingt ganz einfach, oder?

Tja … der eine Stamm besteht in erster Linie aus Bauern. Behaupte ich mal. Bietet sich ja auch an. Bauern brauchen Wasser. Bauern brauchen allerdings auch Felder. Meinen Plan, eine Schlacht im Gebirge direkt an der Quelle stattfinden zu lassen, kann ich also vergessen, oder?

Halt. Vielleicht bauen die Bauern eigentlich eine Art Reis an. Oder sie leiten das Wasser über Schächte hinunter ins Tal. Ja, das gefällt mir. Meine Bauern leben in einem Tal, in dem zunehmende Trockenheit herrscht, und aus irgendeinem Grund gibt es nur noch an einer Stelle im sie umgebenden Gebirge Wasser.

Der andere Stamm besteht aus Ziegenhirten. Das bietet sich an, denn Ziegen leben gerne im Gebirge. Vielleicht reiten sie gerne lange Strecken auf ihren Kamelen, um – nee, Kamele kommen im Gebirge nicht gut klar. Elefanten übrigens auch nicht, das hat Hannibal schon ausprobiert.

Worauf ich mit diesem abstrusen Beispiel hinaus will: Wer Welten bauen will, muss die Regeln dieser Welt kennen. Er muss wissen, wie das Klima ist, welche Pflanzen wachsen und wie sich die Kulturen, über die er schreibt, zusammensetzt. Sind es kriegerische Völker, Nomaden, ist es eine Schriftkultur? Verstehen sie Geld oder pflegen sie Tauschhandel? Was für Religionen gibt es? All diese Dinge spielen nämlich eine Rolle dafür, wie meine Charaktere sprechen. Was sie anziehen – in einer Eiswüste trägt man andere Kleidung als in einem Regenwald, und die Frauen eines Reitervolkes sind wahrscheinlich eher selten in knöchellangen, hautengen Kleidern anzutreffen. Sprichwörter beziehen sich auf Kulturen, und schon die Frage, ob ein Charakter „Oh Gott“ oder „Oh Göttin“ oder „Bei den Göttern“ sagt, verrät viel über die jeweilige Kultur.

Und wenn ich eine Urban-Fantasy-Geschichte in der realen Welt spielen lassen will, gelten ähnliche Regeln. Meine Erfindungen müssen plausibel sein. Es gibt nun einmal in einem Süßwasserteich keine Meerjungfrauen – oder wenigstens nicht lange, denn der Aufenthalt in Süßwasser dürfte sie ziemlich schnell dahinraffen. Grabende Fantasiewesen werden nicht in Sümpfen oder in felsigen Gebirgen leben, und Eisdämonen nicht in Koblenz.

Oft, wenn ich die ersten Entwürfe von Fantasyautoren lese, stolpere ich genau über solche Sachen – und ich habe das am Anfang ähnlich dumm gemacht. In den frühen Fassungen des Hirschkönigs war immer mal wieder die Rede von Sekunden und Minuten, dabei hatten diese Zeiteinheiten für die alten Germanen gar keine Bedeutung. Wenn mir also in einer bunt gemischten Versammlung lauter Charaktere begegnen, die alle gleich – vielleicht auch noch möglichst gestelzt und pseudomittelalterlich – sprechen, wenn Bettler in einem Infodump detailliertes Wissen über die Politik ausbreiten oder die bäuerliche Gesellschaft ihre Weizenfelder in den Sümpfen Katzoniens liegen hat, dann stört mich das. Dann denke ich nämlich: Dieser Autor hat sich von seiner Fantasie hinreißen lassen. Er ist von seiner eigenen Kreativität verführt worden. Und vor allem hat er dabei nicht eine Sekunde lang darüber nachgedacht, ob irgendwer ihm diesen Unsinn abkauft.

Und falls sich jemand diese ganze Arbeit macht, besteht direkt das nächste Problem: Wie soll der Leser wissen, das wir uns so viel Arbeit gemacht haben? Da werden dann elaborierte Stammbäume aufgestellt, historische Abrisse als Vorwort oder „einleitende Erklärung“ verfasst oder ganze „Schaut nur, wie  klug ich bin!“-Absätze geschrieben. Dabei sollte es uns Autoren eigentlich genug des Ruhmes sein, wenn der Leser vergisst, dass wir diese Welt aus einer Laune heraus geschaffen haben, weil sie so in sich logisch aufgebaut ist, dass er uns einfach glauben MUSS.

Denn letztendlich müssen wir Autoren ja nicht nur Er-Schöpfer von Welten, sondern auch ziemlich gewiefte Lügner sein.

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3 Gedanken zu “Er-Schöpfer von Welten

  1. Ich stimme dir absolut zu, dass es wichtig ist, eine in sich konsistente und logisch-nachvollziehbare Welt zu schaffen. Ich denke aber auch, dass mehr möglich ist, als was du hier so einschränkend beschreibst. Natürlich kann man auch in einem Sumpfgebiet Weizen anpflanzen. Nur zeigt das sicherlich nicht den entsprechenden Erfolg. Wenn die Bauern entsprechend arm dran dargestellt werden und sich immer wieder über das steigende Grundwasser und die gefluteten Felder beschweren – kein Ding, kaufe ich ab.
    Auch können „Merrjungfrauen“ durchaus auch im Süßwasser angetroffen werden. Die anike Mythologie unterscheidet hier zwischen Najaden, Nereiden und Okeaniden sowie weiteren Differenzierungen, wo hübsche Wasserjungfrauen noch so auftreten können.
    Möglich ist viel – ich würde sogar behaupten – alles, man muss es nur logisch in die Geschichte einfügen und plausibel erklären können 😉

    • Da hast du natürlich Recht, die Beispiele waren etwas arg pauschal. Wenn jemand es gut erklären kann, glaube ich einem Autor tatsächlich jeden Blödsinn. (Kennst du „Fortunately, the milk“ von Neil Gaiman? Völlig logische Geschichte. ^^ )

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