Nicht der Postmessepost

(Ich verspreche, ein kurzer Messebericht mit vielen bunten Bildern kommt noch, aber mir fehlt gerade ein Kabel, und stattdessen habe ich zu viele Gedanken. Hier sind ein paar.)

Das Büro, in dem ich arbeite, ist nicht gerade die Speerspitze der Innovation. Dementsprechend arbeiten hier wenige karriereorientierte junge Giganten, sondern mehr so … normale Leute. Menschen, die nach dem Büro nach Hause gehen und froh sind, dass man ihnen für den Monatslohn nur selten ein Körperteil abschneidet. Nicht mehr die Jüngsten. Menschen, die gelernt haben, Kompromisse einzugehen – wenn man Familie (oder wenigstens Kinder) hat oder die Angehörigen krank und pflegebedürftig sind, wenn die eigene Ausbildung aus dem Heimatland vom Staat nicht anerkannt wird oder man aus diversen Gründen kaum Anspruch auf Unterstützung hat, dann arbeitet man halt, beispielsweise hier, und macht das Beste aus der Situation.

Keine Sorge, das ist kein Jammer-Beitrag. Nur, damit ihr euch die Leute hier vorstellen könnt. Wir kommen morgen her, stempeln ein, arbeiten bis Feierabend, trinken zwischendurch einen Kaffee oder Tee und vergessen alles, was im Büro passiert ist, sobald wir am frühen Abend das Gelände verlassen. Wir sind nicht „die Elite“, nicht „die Großen von Morgen“, keine „Wunderkinder“.

Unter diesen völlig normalen, langweiligen Menschen gibt es allerdings viele, die im fortgeschrittenen Alter noch schnell ihre Kreativität entdecken – und da wird es spannend. Die Dame aus der Buchhaltung, die mit knapp 50 Jahren anfängt, Saxophon zu lernen (denn das allein aufgezogene Kind ist endlich aus dem Haus und sie hat jetzt etwas Zeit für sich). Der Laufbursche, der in seiner Freizeit Schmuckvögel züchtet, seit er  endlich einen kleinen Garten hat. Die Fahrerin, die Abends noch Kleider näht, weil sie es möchte. Diese Liste ließe sich fortsetzen. Einige designen, andere spielen Theater, singen, …

Wenn man da so drüber nachdenkt, wundert einen das vielleicht im ersten Moment. Diese Leute, die nie irgendwas „Künstlerisches“ gemacht haben, entdecken plötzlich ihre schöpferische Ader? Was soll das – Midlife-Crisis? Füllen sie mit der „Kunst“ die Leere, die nach der Nestflucht der Kinder (oder dem Verblassen der eigenen Jugendträume) übrigbleibt?

Nö. Also, ich glaube das nicht. Meiner Meinung nach gibt es ein anderes Problem, das viele Leute trifft: Wenn wir aufwachsen, wird uns weißgemacht, dass „Kunst“ etwas sei, was man machen kann, wenn für alles andere gesorgt ist. Wenn man einen festen Job hat, ein Haus, wenn die Familie versorgt ist, der Autokredit abbezahlt, die Küche sauber – und wenn man DANN noch Energie hat, kann man ja mal so ein bisschen Kunst. Es sei denn, man gehört zu den Genies, denen alles von klein auf in die Wiege gelegt wurde. Die erkennt man am Glorienschein und der Muse auf der Schulter oder so.

Dabei ist Kunst eigentlich überlebenswichtig. Bilder, Skulpturen, Texte und Musik sind die ältesten Ausdrucksformen. Schon immer wollten Menschen ausdrücken, was in ihnen war, und es für die Nachwelt hinterlassen (sogar wenn die Nachwelt davon vielleicht nie etwas mitbekommt). Ich spreche jetzt mal für mich selbst: Wenn ich ein paar Tage nicht geschrieben habe – und ich bin weder ein Genie noch berühmt, die Zeit fürs Schreiben ist von den „wichtigen“ Alltagsdingen gestohlen – werde ich unleidig. Glücklicherweise sind künstlerische Hobbies in meiner Familie weit verbreitet. Auch wenn immer gesagt wurde, ich solle mich erst um einen vernünftigen Job kümmern, ehe ich an meiner Schriftstellerkarriere arbeite, wurde ich nicht aktiv entmutigt. Wir Kinder hatten Zugang zu Büchern, Stiften und Papier und, soweit das Budget es zuließ, zu Musikinstrumenten. Alle meine Schwestern haben immer irgendwas geschaffen, was vorher nicht da war. Trotz Kindern, Häusern, Jobs. Und wir sind, trotz aller Begrenzungen, behaupte ich mal, gerade dadurch glücklichere Menschen.

Also: Für mehr Kunst. Ohne Berücksichtigung von Genie, Talent oder wirtschaftlicher Plausibilität. Für mehr Kunst, weil Kunst wichtig ist. Und vor allem für mehr Kunst, die „nichts bringt“, einfach, weil man es möchte.

Ergibt das außerhalb meines Kopfes überhaupt Sinn? ^^

 

2 Gedanken zu “Nicht der Postmessepost

  1. Stimm ich sehr zu, dass Kunst ein Breitensport zu sein hat, beim Schreiben, beim Musizieren, beim Malen, überall. Der blöde Geniekult dass nur Leute die sich vor einer Jury mit Köpfen und Knöpfen „beweisen“ müssen und von dieser abgesegnet werden oder nicht, irgendwas künstlerisch tun dürfen, nervt.
    Allerdings würde ich sagen geht es auch nicht gleich allen „Normalos“ so, dass sie diesen künsterischen Drive verspüren, etwas „rauslassen zu müssen“, und das hat vllt. nicht mal unbedingt etwas mit Talent zu tun. Also ich mache z.B. ja sehr, sehr gerne Musik aber einen Drang, da produktiv zu sein, dass ich da nach Tagen des Nichtmusizierens unleidlich würde, verspüre ich einfach selten. Ich wünschte manchmal durchaus, das wäre anders und ich hätte so ein dringendes Bedürfnis. Ich glaube das ist dann vielleicht schon noch ein besonderes Merkmal, aber eins welches wesentlich öfter vorkommt als eben viele denken – wie du eben sagst.

Los, gebt es mir!

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