Geschichte: Spalter

Neon

Foto von Drew Graham, gefunden auf Unsplash

In einer Welt, in der alles normiert ist, gibt es natürlich auch Regeln für die Abweichler. Darüber denkt Billy in seinem Versteck hinter der Neonreklame hoch über den Straßen nach, während er auf seine Chance wartet. Er kann nichts für sein Anderssein, doch daran hat die Gesellschaft sich noch nie gestört.

Alles ist hochgradig rational. Schon vor seiner Geburt kamen zwei Frauen in anthrazitfarbenen Kostümen und unterbreiteten seinen Eltern ein Angebot – gewisse … Vergünstigungen, falls sie sich umstimmen ließen. Von Frau zu Frau, ganz privat. Ihre Argumente klangen gut. Zwölf Milliarden Menschen auf der Welt, sogar nach all den Kriegen und Katastrophen. Es besteht nicht wirklich Bedarf. Die meisten Dinge laufen vollautomatisiert, und auch ohne die Freuden der Elternschaft kann man in den Sphären ein erfülltes Leben führen.

Billy wurde trotzdem geboren und im Rahmen des Angemessenen mit allem versorgt, was die Gesellschaft für einen wie ihn übrig hatte. Nahrung, Kleidung, Schule. Lektionen über die unhaltbaren Zustände vor dem großen Wandel, vor den Sphären und der globalen Verwaltung. Klügere Menschen als er hatten sich Gedanken gemacht – darüber, wie die Gesellschaft funktionieren könne, was der Mensch nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen für ein erfülltes Leben brauche, wie man all diese Massen ernähren und versorgen könne. Technischen Fortschritt gab es zu Hauf. Nur Leute wie Billy stören die Idylle.

Natürlich ist man viel weiter als im barbarischen zwanzigsten Jahrhundert. Problematische Subjekte werden nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Auf genetischen und soziokulturellen Analysen basierend werden ihre Bedürfnisse nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt. Und jeder weiß, dass man nicht diskriminieren darf.

Abweichler.

Freak.

Angespannt lauscht Billy auf die Geräusche der Sphäre. Die Kuppel summt leise, als der UV-Filter aktiviert wird. Das Licht bekommt eine andere Qualität. Das Neonschild erlischt. Ein unaufdringlicher Gong ruft die Frühschicht auf den Plan. Bald werden die Straßen so voll sein, dass er sich ohne Probleme bewegen kann. Er muss es nur bis zur Schleuse schaffen.

Es gibt speziellen Unterricht für Leute wie Billy. Sie sollen lernen, mit ihrem Anderssein, ihren genetischen Abweichungen umzugehen. Sein Talent ist selten, und die Gesellschaft ist sich der Probleme bewusst, die es mit sich bringt.

Billy ist ein Spalter. Er kann an mehreren Orten gleichzeitig sein. Das perfekte Alibi. Und natürlich gilt die Unschuldsvermutung, wo kämen wir sonst hin? Fachleute haben unzählige Szenarien entworfen. Er könnte mit Freunden zusammensitzen und gleichzeitig eine Bank ausrauben. Oder in einem Café vor einer Überwachungskamera sitzen, während er einen Mord begeht. Nicht einmal genetische Beweise würden zur Überführung reichen. Unschuldsvermutung.

Das eigentliche Problem der Gesellschaft lautet: Wer ist der echte Billy?

Billy kennt die Antwort, doch er hat nicht vor, sie zu verraten. Lautlos schlüpft er aus der Lücke hinter dem Neonschild und hangelt sich an der Feuertreppe entlang auf die Erde hinunter. In seinem verdreckten Overall sieht er aus wie ein Mitglied der Stadtreinigung auf dem Weg ins Quartier. Die städtischen Mitarbeitern wohnen in eigenen Vierteln am Rand der Sphäre. Von dort ist es nicht mehr weit. Und da die Mikrochip-Scanner in den frühen Morgenstunden ausgefallen sind (vielleicht ist es ein Zufall; vielleicht ist aber auch ein junger Mann im Schutz der Dunkelheit auf die Scannereinheit geklettert und hat Limonade in eine nicht korrekt abgedeckten Kühleinheit gegossen), können die Menschen innerhalb der Sphäre sich unbehelligt bewegen.

In früheren Zeiten hätten die Autoritäten bei so einer gravierenden Fehlfunktion direkt einen Alarm ausgelöst, doch das ist gar nicht nötig. Der Kriminalitätsindex ist über die Generationen stetig weiter gesunken, und die Überwachung findet mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit statt. Natürlich gibt es überall Kameras, aber die stören niemanden, und kaum einer von den Wachleuten schaut hin. Sonst hätte schon längst jemand die entsprechenden Einheiten darüber informiert, dass eine erfassungstechnisch relevante Person auf Videoaufzeichnungen in der Nähe des Bahnhofs gesehen wurde. Oder dass diese Person plötzlich zu verschwimmen schien, ehe sie sich in Luft auflöste.

Seit seinem sechzehnten Lebensjahr hat Billy heimlich geübt. Hat sich gespalten, Projektionen trainiert, experimentiert. Er weiß, dass die anderen Ichs sich verletzen und sterben können. Weiß auch, dass ihre Erfahrungen körperlich auf ihn zurückfallen – abgeschwächt, wie gefiltert. Sein Aktionsradius hat sich mit fortschreitendem Training erweitert. Es gibt keine Handbücher für seine Mutation, und die Wissenschaftler, die sich sein ganzes Leben lang mit seiner Familie zusammengesetzt haben, sind nicht am Verstehen interessiert. Sämtliche lebensfähigen Mutationen sind ausreichend untersucht und erfasst, und den Trägern der entsprechenden Gene wird nahegelegt, eine alternative Form der Familie zu gründen. Eine Patenschaft zu übernehmen oder ein Haustier zu halten. Zwölf Milliarden Menschen sind wirklich fast schon zu viel. Es gibt keinen zwingenden Grund, Kinder zu bekommen, und warum sollte man es ihnen unnötig schwer machen?

Aber Billy hat die Schnauze voll. Er hat die Quartiere der städtischen Mitarbeiter erreicht. Der Menschenstrom stadtauswärts ist ausgedünnt. Stattdessen kommen ihm immer mehr Leute entgegen. Leute in Overalls, wie er einen trägt – nur sauber. Jetzt kommt es darauf an. Wenn er die Hauptstraße verlässt und sich hinter den Wohneinheiten entlang drückt, kann er es zur Schleuse schaffen.

Er hat sie zufällig entdeckt – ein außer Betrieb genommenes Türensystem für die Wartungscrews, das nicht weiter beachtet wird. Wer sollte freiwillig die Sphäre verlassen? Draußen gibt es wilde Tiere, Strahlung, wahrscheinlich keine weiteren Überlebenden. Und wenn, dann sind es Freaks.

Wie er.

Es ist eine Chance.

Ein breiter, asphaltierter Streifen zieht sich innen an der Kuppel entlang einmal um die Sphäre. Den zu überqueren ist das größte Risiko. Überall gibt es Kameras. Billy hat sich das gut überlegt. Es ist nicht verboten, die Sphären zu verlassen. Nur auf das Öffnen der Barriere stehen harte Strafen. Wegen der Kontaminationsgefahr. Aber er muss sie ja nicht öffnen. Nur dicht genug herankommen. Sobald es eine winzige Öffnung gibt, kann er sich hindurchspalten. Niemand konnte ihm sagen, was ihn draußen erwartet.

In den Sphären ist es sicher. Jeder kriegt alles, was er braucht.

Die Scharniere an der alten Schleuse sind unter der Strahlung verwittert. Nicht viel – nur genug, um eine winzige Öffnung zu schaffen.

Seine Schulkameraden sind darüber informiert worden, was Billy für einer ist. Dass er sich weigert, die nötigen Bestrahlungen vornehmen zu lassen. Dass er einer von denen ist, die besonderes Verständnis brauchen, und die konstante Aufmerksamkeit der entsprechenden gesellschaftlichen Organe, um seinen Platz besser zu verstehen.

Um trotz allem ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein. Seine Mutation müsse kein Nachteil sein. Er dürfe sie nur nie einsetzen, dann könne er sein wie alle anderen. Sogar ein Karriereupgrade sei drin. Nur ein Vertrag, eine inoffizielle Abmachung, alles unter Verschluss. Schließlich könne er nichts dafür, wie er geboren sei.

Leider, so steht es in seiner Akte, war Billy nicht besonders kooperativ.

Jetzt muss es schnell gehen. Ungefragt schießen sämtliche Informationen über die Situation außerhalb der Sphären durch Billys Hirn. Ungeklärte Strahlungslevels. Schwere Kontamination. Wilde Tiere, über Generationen hinweg mutiert – Monster.

Die Barriere befindet sich direkt vor ihm. Das Summen ist hier lauter und dröhnt in seinen Knochen.

Er konzentriert sich, spürt die Trennung wie einen Schnitt durch die Mitte. Hört hinter sich das Surren des Elektrofahrzeugs auf dem Asphalt. Sieht für einen Moment doppelt.

Den nächsten Trick hat er nie jemandem gezeigt. Er verschiebt sich innerlich, durch den Spalt, und plötzlich schmeckt die Luft anders, während er gleichzeitig wie aus großer Ferne eine künstlich verstärkte Stimme hört: „Treten Sie sofort von der Barriere zurück!“

Psychologen zufolge sollte die Bewusstseinsverlagerung unmöglich sein. Billy hat es trotzdem geschafft. Er spürt den unebenen Boden unter den Füßen, das trockene Unkraut reicht ihm bis zur Hüfte. Er geht in Deckung. Der andere Billy ist wie eine entfernte Erinnerung an der Rückseite seines Schädels. Er kann ihn schwach spüren, wie er sich von der Barriere entfernt und direkt vor das Elektrofahrzeug tritt. Der Druck wird beinahe unerträglich, ehe er verschwindet, und Billy fühlt sich plötzlich allein.

Er könnte jederzeit auf dem gleichen Weg in die Sphäre zurückkehren.

Hinter dem getönten Glas beugen sich mehrere Personen über eine dunkle Form auf dem Boden.

Billys Herz rast.

Ein leichter Wind streicht über seinen schweißnassen Nacken.

Die Sonne schiebt sich über das Gebirge. Ihr Licht wird von der Sphärenkuppel reflektiert.

Die Baumkronen rauschen ein Willkommen.

Ohne zu zögern verschwindet Billy im Unterholz.

Sein Verschwinden macht die Gesellschaft ein bisschen normaler.

Kurze Zeit später wird seine Akte geschlossen.

Los, gebt es mir!

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