Über-Trieben, Über-Dreht, Über-Setzt

Übersetzer sind ein merkwürdiges Volk. Sie sind sehr wortgewandt, verbringen aber die meiste Zeit allein am Schreibtisch. Sie sammeln Wissen in unzähligen Fachgebieten oder sind extrem spezialisiert, wenden dieses Wissen allerdings selten aktiv an. Und obwohl sie mindestens zwei Sprachen fließend sprechen, haben sie beruflich nur selten selbst etwas zu sagen.

Unter den Leuten, die mit mir im Übersetzerstudium saßen, gab es mindestens ein halbes Dutzend, die eigentlich lieber Bücher schreiben wollten. Eine gewisse Liebe zur Sprache ist beiden Berufen nun einmal eigen. Und obwohl man es auf den ersten Blick nicht erwartet, ist auch das Übersetzen eine erstaunlich kreative Tätigkeit. Eine gute Übersetzerin erreicht Stellen, da kommt Google Translate niemals hin.

Übersetzer haben dann auch so einige Eigenarten, an denen man sie schnell erkennen kann:

  1. Sie sind sprachliche Korinthenkacker. Ich kann die Gelegenheiten nicht mehr zählen, bei denen zuhause ein Streit ausgebrochen ist, weil entweder der Mann etwas ungenau formuliert hat (also anders, als er es meinte) oder er nicht auf meine exakte Formulierung geachtet hat. Wir wissen das beide, aber es lässt sich nur schwer abschalten. Beim Übersetzen kommt es auf die Feinheiten an.
  2. Sie erweitern konstant ihren Wortschatz. Wenn wir eine Serie oder Dokumentation auf Deutsch gucken, in der medizinische Fachbegriffe vorkommen, schaue ich einzelne Szenen oft noch einmal auf Englisch, um mein Fachvokabular zu erweitern oder bestimmte Redewendungen aus dem medizinischen Bereich aufzuschnappen. (Ich arbeite als Übersetzerin für medizinische Texte.)
  3. Sie freuen sich über gelungene Untertitel. Alternativ zerlegen sie Untertitel, die ihnen nicht gefallen, bis aufs letzte Staubkörnchen. Und entgegen dem, was man sonst von Nörglern denkt, könnten Übersetzer es in diesem speziellen Fall wirklich oft besser.
  4. Sie stolpern über unsaubere Formulierungen in übersetzten Medien und spekulieren darüber, was der Originalwortlaut war. Manchmal vergleichen sie unterschiedliche Übersetzungen des gleichen Originals und freuen sich über die verschiedenen Formulierungs- und Interpretationsmöglichkeiten.
  5. Sie sammeln Wissen aus den absurdesten Randgebieten und schaffen es irgendwie, das auch in alltäglichen Unterhaltungen einzubinden.
  6. Trotzdem wird ihnen oft ein bestimmter Begriff nicht in der gerade verwendeten Sprache einfallen, so dass sie auf eine andere Sprache ausweichen müssen. Am Anfang dachte der Mann, das sei so eine Poser-Gewohnheit. Inzwischen versteht er, dass mein Gehirn in unterschiedlichen Sprachen unterschiedlich funktioniert und nicht immer das geeignete Vokabular zur Verfügung stellt.

Zu meinen persönlichen Spleens gehört, die Ärzte, die ich persönlich aufsuche, nach Fachvokabular zu fragen und um Wörterbuchempfehlungen zu bitten. Das hat schon dazu geführt, dass meine Gynäkologin im Computer für mich einen Fachbegriff nachgeschlagen hat, während ich, nun ja, in Bereitschaftsposition saß. Aber was tut man nicht alles für einen spannenden Job?!

Wie ihr euch übrigens denken könnt, stehen bei medizinischen Texten die inhaltlichen Informationen im Vordergrund. Trotzdem bereitet es mir besondere Freude, wenn ich den Stil eines schön ausformulierten Textes in der Übersetzung nachgestalten kann. Ich glaube zwar nicht, dass irgendwer, der das Ergebnis liest, solchen Dingen tatsächlich Aufmerksamkeit schenkt, aber ich kann mir eben nicht helfen.

Übrigens denke ich, dass mich das Übersetzen – und vor allem das Wissen um das Übersetzerhandwerk – auch zu einer besseren Autorin macht, denn dort muss man mitunter genau so knüsselig an Formulierungen knabbern wie bei Übersetzungen. Und wenn ich dazu komme, „Magie hinter den sieben Bergen“ ins Englische zu übersetzen (ich weiß, sechs Bände fehlen noch!), ist das wie eine zusätzliche Überarbeitungsrunde.

Mein liebster Übersetzungsfehler stammt übrigens aus der Dokuserie „Medical Detectives“: In einer Folge wurde von einem Brief erzählt, der in einem „china cupboard“, also einem Geschirrschrank gefunden wurde. Allerdings gab es wohl eine Art Übersetzungsschluckauf, denn auf Deutsch besaß die Familie, um die es ging, plötzlich einen „chinesischen Schrank“. Ihr könnt euch ja vorstellen, wie ich geguckt habe.

Habt ihr ähnliche Anekdoten? Oder sind euch besonders gelungen übersetzte Formulierungen im Gedächtnis geblieben?

 

Los, gebt es mir!

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