Oh schleimiger Tannenbaum

(Seit einigen Tagen stelle ich mir vor, wie Andrea und Bob wohl Weihnachten gefeiert haben. Und einen Teil der Antworten auf diese Frage findet ihr heute hier. Viel Vergnügen beim Lesen!)

„Halt! Wieso baust du das alles schon wieder ab?“ Panisch hüpfend versuchte Bob, sich zwischen Andrea und den Weihnachtsbaum zu werfen. Jedes Mal, wenn er auf den Boden titschte, machte es ein Geräusch, als spiele jemand mit einem nassen Tennisball.

„Weil hier schon alles voller Nadeln liegt! Außerdem – Weihnachten ist vorbei!“ Andrea bemühte sich, das Lametta von den Zweigen zu sammeln, ohne über ihren tentakelbewehrten Mitbewohner zu stolpern. „Sven, hilf ruhig auch mal, wenn du mit Ausruhen fertig bist.“

Ihre spitze Zunge konnte gegen Sven nichts ausrichten. Er war vor dem Feiertagswahnsinn bei seinen Eltern einmal mehr in ihre Wohnung geflohen und residierte auf dem Sofa, wo er konzentriert auf den Knöpfen seiner neuen Mini-Spielekonsole herumdrückte.

Bob war immer noch nicht bereit, klein beizugeben. „Aber er ist so schön! Können wir ihn nicht das ganze Jahr über behalten?“

„Nein!“ Jetzt war Andrea dankbar, dass sie ihm nichts von künstlichen Tannenbäumen erzählt hatte. Sie schnipste gegen einen tiefhängenden Ast und ließ einen duftenden Nadelregen auf Bob niedergehen. „Noch ein paar Tage, dann ist das Ding komplett kahl.“ Sie versuchte es mit Bestechung. „Wenn wir schnell fertigwerden, hole ich uns eine Käseplatte im Supermarkt.“ Unter normalen Umständen hätte sie sich ja gar keinen Baum in ihre Zweizimmerwohnung gestellt. Die Dinger brachten nur Dreck und Arbeit und Parasiten mit sich. Aber nach drei Jahren, in denen Bob jeweils den ganzen Dezember über gebettelt hatte, war sie schwach geworden. Ein einziges Mal, hatte sie sich selbst geschworen, nur für die kulturelle Erfahrung. Hatte einen Baum besorgt, einen Ständer, einen Tisch für unter den Ständer – das alles natürlich auf drei Trips zum Baumarkt aufgeteilt. Woher sollte man auch beim ersten Versuch wissen, was man für einen Weihnachtsbaum alles brauchte? Auf teure Kinkerlitzchen hatte sie verzichtet. Lametta glitzerte genug, und Glaskugeln hätte Bob sowieso nur fallenlassen. Stattdessen hatte sie ihn mit einer anderen Tradition aus Kindertagen bekanntgemacht: Der gute alte selbstgebastelte Schmuck. An allen vier Adventswochenenden hatte sie zwischen Deadlines und Pressemeldungen versucht, ihn aus Tesafilm-Fallen und Glitter-Abgründen zu befreien, während Sven im Internet „zu Recherchezwecken“ bei TikTok vergammelte.

Immerhin hatten die beiden es irgendwie geschafft, in diesen schweren Zeiten dennoch über Videostreams und Fan-Aktionen eine Art Einkommen zu generieren. Schließlich hatten die Vergnügungsparks seit Monaten geschlossen. Auch deswegen hatte sie den Baum besorgt, zur generellen Aufmunterung. Bob war untröstlich, seit er nicht mehr regelmäßig mit Fans im Phantasialand für Fotos posieren konnte. Die Bauchrednernummer hatte sich zu einem Überraschungserfolg entwickelt, und er vermisste die täglichen Nebeneffekte des Ruhms. Aber jetzt musste es allmählich gut sein. In drei Tagen war der zweite – und letzte – Abholungstermin. Sie hatte wirklich keine Lust, den Baum mit dem Wagen zum Grünabfallsammelplatz zu schaffen.

Während sie ihren Gedanken nachhing und weiter Lametta pflückte, hatte Bob die meisten Nadeln von seiner schleimigen Haut geschüttelt. Auf dem Boden klebten winzige Schaumflocken. Heute war er handlich klein und klang ein wenig quietschig – eine Folge seiner Feiertags-Käse-Exzesse. Nur das mit dem Raclette wäre beinahe schiefgegangen. Für glitschige Tentakel waren diese winzigen Pfännchen einfach nicht das Richtige. Aber die Erinnerung daran, wie sich Bob selig schöpflöffelweise geschmolzenen Käse in den gierigen Schlund kippte, entschädigte sie auch für den Brandfleck in der guten Tischdecke.

Gute Tischdecken waren sowieso ein Relikt des letzten Jahrtausends.

Wenn sie in diesem Tempo weitermachte, stand das Ding noch am Valentinstag hier. So kamen sie nicht weiter. „Sven, kannst du uns ein paar Back-Camemberts besorgen? Und Cheddar? Und was zum Dippen?“ Wenn er schon nicht mit aufräumen wollte, sollte er sich eben anders nützlich machen.

Widerwillig legte er die Konsole beiseite. „Klar, hast du Geld?“

„Ich dachte, du wolltest dich für das Feiertagsessen revanchieren?“

Einen Moment lang sah es so aus, als wolle er widersprechen, doch dann gewannen seine Überlebensinstinkte die Oberhand. „Natürlich. Was auch immer die Frau Hausobermarschall sagt. Es ist mir eine Freude.“

Wenn er glaubte, dass die Sticheleien sie störten … „Und nimm das Altglas mit zum Container!“

Vor dem Fenster wurde es bereits wieder dunkel. Die Straßenlaternen erwachten zum Leben. Auch einer der Nachbarn hatte seiner Nordmanntanne den Kampf angesagt. Gebannt beobachtete Andrea ihn dabei, wie er den erbarmungswürdig kahlen Baum durch das weit geöffnete Wohnzimmerfenster zerrte. Die meisten Nadeln entschieden sich dafür, in der guten Stube zu bleiben.

Bob hüpfte auf das Fensterbrett. „Unserer ist sowieso viel schöner.“

„Ich glaube, im Januar ist das nicht mehr so wichtig.“ Sie machte sich daran, die Papiersterne von den Zweigen zu sammeln.

„Was machst du da?“, quäkte Bob entsetzt. „Den habe ich extra für dich gemacht!“

Verwirrt sah Andrea auf das zerkrumpelte Papier in ihrer Hand. „Was soll ich denn sonst damit machen?“

„Aufbewahren natürlich.“ Und schon wuselte der kleine Quälgeist davon, um einen leeren Schuhkarton zu finden. „Fürs nächste Jahr. Aber da werden wir einen größeren Baum brauchen, ich habe viele tolle neue Ideen! Habt ihr schonmal daran gedacht, Sterne aus Käserinde auszustechen?“

Das konnte ja heiter werden.

Los, gebt es mir!

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