Das Schwiegersohnlächeln

Vor einigen Tagen bog ich vorschriftsmäßig mit Blinken im Schrittempo an der dafür vorgesehenen Stelle auf den Parkplatz unseres lokalen Supermarktes ein.

Ein junger Mann, die Nase fest am Smartphone-Bildschirm, lief mir einfach in die Spur, ohne zu gucken.

Er bemerkte mein (bremsendes) Auto, sah auf und knipste ein 300-Watt-Schwiegersohn-Lächeln an.

In dem Moment erkannte ich den jungen Mann.

Er ist der Spitzenkandidat einer konservativen Partei für die anstehende Landtagswahl. Dieses Lächeln sieht man hier aktuell auf gigantischen Plakatwänden.

Und um ehrlich zu sein: Leute, die auf Kommando so lächeln können, sind mir ein wenig unheimlich. Echtes Lächeln ist immer ein wenig „goofy“, mit Falten und Zähnen und einem etwas dusseligen Gesichtsausdruck. Das Schwiegersohnlächeln muss man üben. Wahrscheinlich kann man Personal-Schwiegersohnlächeln-Trainer bestellen. Wer so lächelt, verfolgt einen Zweck und will bitte unbedingt sympathisch rüberkommen.

Wie so ein Staubsaugerverkäufer.

Wie dem auch sei, er ging beiseite, ich habe ihn nicht überfahren und ihn später im Vorbeigehen am Wahlwerbestand seiner Partei vor dem Supermarkt gesehen. Da war das Smartphone natürlich verschwunden, das Lächeln festgetackert und mindestens drei ältere Damen sehr eingenommen von der ehrlichen, warmherzigen Art des jungen Mannes, der doch bestimmt auch sehr kompetent sei.

Möglicherweise ist er das sogar.

Möglicherweise hat er diesen Eindruck aber auch nur trainiert, wie das Schwiegersohnlächeln.

Yoga? Bitte nicht!

Ich hab’s versucht. Wirklich. So viele Leute schwärmen mir konstant davon vor. Leute, die ich für ihre Gelassenheit und Gesundheit bewundere, machen Yoga.

Yoga hat so viele wunderbare Vorteile – muss ich nicht aufzählen, kann man nachlesen.

Wichtig für mich ist nur: Ich hasse Yoga. Jede Sekunde, die ich damit verbringe. Kurse habe ich versucht, Videos, anleitende Apps. Ein Jahr habe ich mir selbst gegeben, um herauszufinden, ob Yoga etwas für mich ist.

Ist es definitiv nicht.

Was soll das noch gleich bringen?

Man verbiegt sich auf möglichst anmutig aussehende Weise und versucht, weder umzufallen noch zu pupsen. Das kann ich in der Bar auch haben – und da gibt es dazu noch Cocktails.

Ich bin nicht bewegungsfaul, mitnichten. Ich gehe gerne wandern, laufen, und Fahrrad-Sebastian (inklusive der Ente Krummbürzel) bekommt regelmäßigen Auslauf. Im Sommer schwimme ich öfter mal im Freibad – und ich hänge nicht nur im Wasser herum, ich mache Bahnen. Langsame Bahnen, aber Bahnen. Sogar für das Fitnessstudio haben wir uns jetzt in der Corona-Auslaufphase mal wieder angemeldet.

Und ehe jemand fragt: Krafttraining finde ich auch nicht so ultraspaßig. Aber da sehe ich relevante Vorteile – vor allem für meinen Rücken, der seit knapp zwanzig Jahren versucht, in Rente zu gehen. Manche Körperteil sind da offenbar schneller als andere. Rückenübungen kann ich nachvollziehen. Und als ich regelmäßig im Studio war, konnte ich bei Umzügen etc. richtig nützlich mit anpacken. Stellt euch also ruhig vor, wie ich die ganze Zeit beim Training „leise“ fluche und schimpfe … aber ich gehe immer wieder hin.

Bei Yoga will ich das nicht, weder aus Vernunft noch aus Begeisterung.

Seltsam, bei Pilates war es damals das gleiche. Ein Jahr bin ich artig fast jeden Sonntag Morgen in den Kurs gedackelt, und im Dezember habe ich es immer noch gehasst.

Irgendwie glaube ich nicht, dass Sport, zu dem man sich immer wieder hart zwingen muss, einen echten gesundheitlichen Vorteil bringt. Dann lieber Bewegung finden, die Spaß macht und sich leicht in den Alltag integrieren lässt.

Und wenn du mich also irgendwann mal in einer merkwürdigen Pose in der Gegend herumbiegen siehst, heb mich bitte auf – das war ein Unfall, denn Yoga mache ich freiwillig nicht.

Fehlerfreikultur? Nicht mit mir!

Das Wochenende war lang, anstrengend und emotional herausfordernd. Wir hatten gleich mehrere mittelprächtige Familienkatastrophen. Entspannend war das nicht, wenn ich ehrlich bin. Als dann am Dienstag morgen im Büro eine Kollegin aus einer anderen Abteilung sich dienstlich in unsere Vorgänge eingemischt hat, hab ich sie angeranzt, und mal so richtig nicht-schön.

Kurze Zeit später bin ich bei ihr vorbeigegangen, um mich zu entschuldigen.

Warum erzähl ich euch das? Damit ihr mir auf die Schulter klopft und mir versichert, wir seien alle nur menschlich?

Nicht unbedingt. (Ihr dürft klopfen, wenn ihr wollt.)

Nee, ich will auf etwas anderes hinaus: Normalerweise habe ich sehr, sehr hohe Ansprüche an ethisch korrektes Verhalten und setze das auch bei anderen voraus. Mir ist diffus bewusst, wie man sich generell Mitmenschen und Kolleg*innen im Besonderen gegenüber verhalten sollte.

Trotzdem gibt es Situationen, in denen ich meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werde. Und ich habe auch andere schlechte Eigenschaften und Charakterfehler. Beispielsweise kann ich wunderbar gehässig sein, habe wenig Geduld und ziehe vor, dass mein Umfeld ohne große Diskussion einfach das tut, was ich bestimme. Manchmal muss ich über rassistische, sexistische oder ableistische Witze lachen, obwohl mir natürlich klar ist, dass sie thematisch problematisch sind.

Mit anderen Worten: Entgegen allem, was ihr bis jetzt dachtet, und zur allgemeinen Verwunderung bin ich nicht unfehlbar.

Das gilt wahrscheinlich für die meisten Menschen.

Und deswegen ärgert es mich sehr, wenn – gerade (aber nicht nur) in den „sozialen“ Medien – Diskussionen mit einem Totalitätsanspruch und einem ethischen Absolutismus geführt werden, der keinen Raum für Fehler und Lernen lässt.

Jemand versteht nicht, was es mit trans Personen auf sich hat? Beschimpft ihn*sie!

Jemand stellt Fragen zum Thema Ableismus? Was für eine schlechte Person!

Eine blonde Person trägt Dreadlocks? Schimpf und Schande über ihre Kuh!

Und schaut mal dort, jemand hat nicht korrekt gegendert oder die Bildbeschreibung an einem Tweet vergessen!

Es mag in der Natur des Menschen liegen, aus aufrechter Empörung heraus Mobs zu bilden und „die gute Sache“ zu verteidigen. Für einige ist diese gute Sache der Katholizismus. Für andere vegane Ernährung oder die autofreie Innenstadt. Ich will da auch gar nicht werten. Aber diese aktuelle „Diskussions“-Kultur führt dazu, dass kaum jemand Fehler eingestehen mag – und folglich auch niemand aus diesen Fehlern lernen kann. In manchen Kreisen gelten so hohe Ansprüche, dass nicht einmal das Liebeskind von Jesus und dem Dalai Lama ihnen gerecht werden könnte, wenn es bei Wonderwoman in die Schule gegangen wäre.

Und mal im Ernst: Das ist doch Blödsinn.

Ich bin nicht perfekt (siehe oben).

Ihr seid nicht perfekt – nehme ich an.

Wir alle wollen und brauchen Chancen, uns zu irren und Quatsch zu reden. Wir müssen uns gelegentlich irren dürfen, kontroverse Positionen einnehmen und auch mal zurückblicken und feststellen, dass wir früher Unsinn gedacht haben.

Stattdessen wird gestritten, angeschuldigt, nach Dreck gewühlt und laut geschrien.

Im Ernst? Ich bin zu alt, für so etwas habe ich keine Zeit.

Und Disclaimer, weil ich vermute, dass irgendwer auch das hier falsch verstehen wird: Anderen Leuten die Menschenwürde oder gar die Existenz abzusprechen gehört nicht unter den Mantel der Meinungsfreiheit.

Ich bin retro!

In den letzten Tagen durfte/musste ich einen Mietwagen fahren. Es war das letzte Fahrzeug, das die Vermietung vorrätig hatte. Ich hatte also Glück. Der Mann bestätigte mir auch, was für ein Glück ich hatte, denn mein Mietwagen war eine luxuriös ausgestattete Spitzenlimousine mit allem nur erdenklichem Schnickschnack: Natürlich Automatikgetriebe. Tempomat. Sitzheizung. Sicherheitsabstandswarnung. Ambience Light. Blinklichtern an den Außenspiegeln, wenn sich etwas neben dem Fahrzeug aufhält. Einer Armaturenbrett mit mehr Bildschirmfläche, als der Mann üblicherweise mit sich herumträgt. Eine „Sie fahren zu schnell“-Nörgel.

Der Mann war sehr traurig, dass er aus Zeitgründen nicht einmal eine kleine Spritztour machen konnte.

Für mich hingegen … ich kann die meisten Dinge fahren, wenn sie einen Motor haben, und man merkte dem Fahrzeug schon an, dass es solide und durchdacht gebaut war. Allerdings war mir langweilig.

Langweilig?

Ja, die Frau klingt verrückt. Sagt mein Vater auch immer.

Ich fahre wahnsinnig gerne. Und ich habe gemerkt, wieviel Spaß es mir macht, diese ganzen kleinen „Handgriffe“ – schalten, Schulterblick, … – selbst zu erledigen. Mit einem derart ausgestatteten Auto ist ordentliches Fahren ja keine Kunst mehr, da kann das jeder.

Beim Nachdenken habe ich gemerkt, dass ich bei vielen Dingen so bin. Klar kann man fertiges Brot kaufen. Waschlappen muss man nicht häkeln, man kann sie fertig kaufen. Und wer zum Henker flickt heute noch seine Sachen?

Ich mag es, nützliche Dinge zu können – egal, was alles Maschinen schon übernehmen. Der Mann meint, Künstliche Intelligenzen könnten bereits überzeugende Romankapitel schreiben. Kein Grund für mich, damit aufzuhören! Möglicherweise ist das so eine retro Hipsteridee, alle möglichen Dinge selbst können zu wollen … und es verschafft einem eine gigantische Befriedigung.

Eine Sache fand ich allerdings doch ganz praktisch: Die Rückfahrkamera. Vor allem beim Einparken, das kann ich nämlich(noch) nicht so gut. ^^

Geteiltes Leseleid ist halbes Leseleid? Mitnichten!

Wie ich schon das eine oder andere Mal erwähnt habe, halte ich mich unter meinem eigenen Namen mit Rezensionen meist zurück. Nicht, weil ich zu vornehm für so etwas wäre, sondern weil man sich als schreibende Person mit Rezensionen ganz schön in die Nesseln setzen kann:

Rezensierst du zu gut, bist du eine Gefälligkeits-Bitch, die die Bücher ihrer Freund*innen herumpimpt.

Rezensierst du zu schlecht, bist du ein Neidstinktier.

Rezensierst du irgendwo in der Mitte, hast du wahlweise keine Meinung oder keinen Geschmack.

Und überhaupt, deine Meinung ist ganz falsch!

So oder so ähnlich konnte man das gerade erst wieder auf Twitter beobachten, wo sich einige Leute darüber zerlegten, dass eine Autorin eine Rezension veröffentlichte und die Autorin des besprochenen Buches die Rezension nicht so geil fand. Ich war einmal nur am Rand dabei, holte mir etwas Popcorn und beobachtete mit Befremden, wie Leute, die eigentlich das gleiche wollen (Diskriminierung reduzieren und gute Bücher schreiben) einander an die Gurgel gingen – unterstützt von ihren Freund*innen und Follower*innen, die eifrig mitmischten und beliebig persönlich wurden, auch wenn der ursprüngliche Text es gar nicht hergab.

Jetzt verstehe ich ja beide Seiten.

Wenn ich die Möglichkeit hätte, narrensicher (ich kenn mich ja) ein geschlossenes Pseudonym zu pflegen, würde ich so manche Rezension schreiben, die mit Schimpfwortwarnungen gespickt wäre.

Schreibt hingegen jemand etwas Fieses über meine Bücher, bin ich erst einmal geknickt.

Das eigene Buch ist immer das Schönste und Beste, wie das eigene Kind – und wenn jemand dir sagt: „Dein Kind ist hässlich und stinkt“, ist das eine schwer zu schluckende Kröte.

Jetzt müssen wir Autor*innen allerdings manchmal Profis schauspielern. Dazu gehört, weder fremde Bücher noch Rezensent*innen oder andere Autor*innen unter der Gürtellinie anzugreifen und gleichzeitig Kritik an uns abperlen zu lassen. Eigene Meinungen sollten wir allerdings äußern dürfen, ohne dafür geteert und gefedert zu werden.

Als garstige alte Frau bin ich beispielsweise ein großer Fan vom „Jealous Haters‘ Book Club“, in dem aktuell beliebte Bücher mit problematischen Inhalten durch den Kakao gezogen werden. Würde eines meiner Bücher da auftauchen, wäre ich natürlich auch empört – und diese Empörung würde ich im Kreis guter Freund*innen zelebrieren, die verstehen, dass Autor*innen manchmal Leute mit der stumpfen Feder aufspießen wollen. OFFLINE. Schimpftiraden und Gewaltfantasien gegenüber rezensierenden Personen gehören nicht ins Internet.

Mir ist völlig klar, dass nicht jede Geschichte jeder Person gefallen kann. Wie langweilig wäre das denn? Und mir ist auch klar, dass Leute dazulernen – manche meiner älteren Geschichten würde ich heute auch wieder anders schreiben. Wenn es eine schlechte Rezension gibt, schaue ich: Ist sie konstruktiv? Kann ich etwas daraus lernen? Und dann mache ich weiter, so gut ich kann.

(Sollte man mit so einem Vorgehen Probleme haben, spricht auch nichts dagegen, einfach gar keine Rezensionen anzuschauen. Rezensionen sind nämlich gar nicht für schreibende Personen, sondern für andere lesende Personen.)

Wenn allerdings mal irgendwer auf irgendwen sauer ist oder der Meinung ist, etwas sei bei einer Rezension o.ä. schiefgelaufen und müsse angesprochen werden, hätte ich für die Zukunft mal eine Idee: Wieso setzen wir uns nicht alle gemeinsam hin, akzeptieren, dass ALLE fehlbar sind (Anwesende eingeschlossen) und besprechen solche Dinge dann konstruktiv und mit Respekt? Dieses Ding mit den Lagern und den Mobs und dem „Wenn du mit dem befreundet bist, darfst du nicht mehr mit der befreundet sein!“ finde ich nämlich viel zu anstrengend.

Mein Fahrrad

Vor einem Mehrfamilienhaus steht ein dunkelblaues City-Damenrad mit tiefem Einstieg. Auf dem Lenker erkennt man eine gelbe Quietscheente mit Helm. Am Gepäckträger hängt eine gelbe Tasche.
Darf ich vorstellen? Sebastian.

Manchmal funktioniert mein Hirn ein wenig merkwürdig. Dann will es etwas unbedingt, obwohl es andere günstigere/bessere/einfachere Methoden gäbe, vergleichbare Ergebnisse zu erzielen.

Ein neues Fahrrad beispielsweise. Also nicht nur ein neues Fahrrad, sondern ein „neues“ neues Fahrrad. Frisch aus dem Laden.

Sowas hatte ich nämlich noch nie.

Oder fast noch nie. In der Grundschule bekamen wir drei von unseren Großeltern Gazelle-Räder, die dann anschließend fleißig in Verwandtschaft und Bekanntschaft herumvererbt wurden. Ich denke, als die bei uns ankamen, waren die ganz neu. Aber das war auch in den späten Achtzigern.

Man könnte natürlich ein gebrauchtes kaufen. Sogar ein gebrauchtes aufgemöbeltes. Wäre auch viel sinnvoller, so oft, wie die geklaut werden.

Aber mein Hirn hat darauf bestanden. Und da ich noch einen Teil meines letzten Jahresbonusses für wahlweise Fahrrad oder Notfall beiseitegelegt hatte, war es jetzt also soweit.

Natürlich habe ich ganz artig lokal gekauft, in einem Laden, in dem ich schon früher mit Rad-Wehwehchen war. Und das nicht nur, weil ich mal so überhaupt keine Ahnung von Fahrrädern habe, sondern auch, damit ich immer eine Werkstatt an der Hand habe. Bin letzte Woche hin, hab ihm mein Leid geklagt (dicke Frau will Fahrrad ohne Batterie, um damit auf den Berg zu fahren, auf dem sie wohnt) – und der junge Herr hat fleißig beraten, bis wir uns einig waren. Ging eigentlich ganz leicht, wir haben einige Räder angeschaut, und das erste, das ich ausprobiert habe, passte schon gut. Helm etc. hatte ich noch zuhause von dem Leihrad, das ich letztes Jahr hatte (schließlich musste ich ausprobieren, ob ich tatsächlich blöd genug wäre, regelmäßig mit dem Rad die zwei Kilometer Steigung in Angriff zu nehmen – und ja, ich bin so blöd). Nachdem wir uns einig waren, wurden noch einige Schrauben nachgezogen, die Reifen überprüft, ein spezielles Schloss montiert – und heute durfte ich Sebastian dann endlich abholen.

Warum Sebastian? Tja, daran sind die Prinzen schuld.

Kettensägenmassaker!

Wenigstens in Gedanken, innerlich, so ein bisschen.

Wer mir schon einmal begegnet ist, weiß: Ich bin manchmal eher ein wenig still. Vor allem, wenn es um wichtige Themen geht. Erst denken, dann über das Gedachte nachdenken, dann reden. Und zwischendurch auch immer gut zuhören!

Leider führt das dazu, dass manche Leute mir nicht zuhören. Oder das, was ich sage, nicht ernstnehmen, denn es ist ja so leise.

Tja, und nun?

Wenn ich lange genug auf ein Problem hingewiesen habe – egal, ob beruflich oder privat – und die Leute das immer wieder abtun, mache ich mir irgendwann ein Protokoll und eine Notiz und lasse das alles auf sich beruhen.

Für den großen Moment.

Den „Ich hab’s euch ja gesagt!“-Moment.

Der dauert nie besonders lange. Dann krempeln wir die Ärmel hoch und machen uns daran, ein Problem zu beseitigen, dass es (so) wahrscheinlich gar nicht gäbe, wenn man nur direkt auf mich gehört hätte.

Leider gibt es dafür keine Auszeichnungen. Und auf den Lerneffekt – dass jemand sagt: „Oh, die war in der Vergangenheit sehr schlau! Wir sollten auf sie hören!“ – warte ich auch noch vergeblich.

Sagen wir so: Ich hege großes Mitgefühl mit Kassandra von Troja. ^^

Mein Buchproblem

Etliche aufgeschlagene Taschenbücher auf einem wilden Haufen.
Foto von Gülfer ERGİN, gefunden auf Unsplash

Ich habe ein Buchproblem. Gut, gaaaaaaanz langsam wird es besser. Aber nach wie vor fällt es mir schwer, mich von Büchern zu trennen. Auch solchen, bei denen ich weiß, dass ich sie nicht (noch einmal) lesen will.

Du musst wissen, ich war schon immer eine Leseratte. Als ich vielleicht zehn war, kaufte meine Mutter mir irgendwann verzweifelt eine dicke Ausgabe von „Der Graf von Monte Christo“ – in der Hoffnung, dass ich damit einen Sommer lang beschäftigt sei. Ich liebe das Buch bis heute, besitze diese Ausgabe immer noch … und natürlich hat sie nicht für den ganzen Sommer gereicht. Ich war eines dieser Kinder, die tausend Seiten an einem Sommertag im Garten lesen können, anstatt mit anderen Kindern ins Freibad zu fahren.

Leider gab es kein ausreichendes Budget, um mit dieser Lesewut mitzuhalten. Und auch die kleine Stadtbibliothek, in die wir jeden Sonntag einfallen durften, war ihr nicht gewachsen. Anstatt nach Büchern zu suchen, die ich lesen wollte, suchte ich nach Büchern, die ich noch nicht gelesen hatte – oder alternativ nach solchen, die ich gemocht hatte und auch noch einmal lesen wollte. Die Mitarbeiterinnen (alles Damen aus der Gemeinde, die aushelfen wollten) hörten schnell auf, mich aus dem Erwachsenenbereich zu scheuchen, denn ich las die Bücher schneller, als sie sie anschaffen konnten.

Es war ein Festtag, wenn ich Geld übrig hatte, um in den Buchladen einzufallen. Und bei begrenztem Budget konnte ich stundenlang nach der besten Ausbeute fürs kleine Geld graben.

Inzwischen ist mein Buch-Budget nicht mehr so begrenzt. Ich bin nicht unendlich reich, aber ich kann mir rein theoretisch die meisten Bücher, die ich haben möchte, in dem Moment kaufen, in dem ich sie haben möchte. Nur hat mein Unterbewusstsein noch nicht so ganz mitbekommen, dass das inzwischen viel mehr Bücher sind, als ich Zeit zum Lesen habe. Und auch, dass es so viele Bücher auf der Welt gibt, wenn das Budget stimmt, dass ich sie niemals alle in einem Leben lesen kann.

Rein theoretisch könnte ich mir also leisten, wählerischer zu werden. Da ich das aber noch nicht so wirklich verinnerlicht habe, sind Buchhandlungen mein Endgegner. Ich kann innerhalb weniger Minuten gigantische Stapel für mich lesenswerter Bücher zusammentragen, ohne mich zu entscheiden, und kaufe Bücher, wie andere Leute Shots trinken (im Rausch und mit bösen Konsequenzen).

Die müssen natürlich dann auch nach Hause getragen werden. Und gelesen. Und in Bücherregale einsortiert. Und der Platz in Regalen ist begrenzt.

Also miste ich gaaaaaanz langsam meine Bücherregale aus. Wenn ich ein Buch anlese und es mir nicht gefällt, kommt es auf den Stapel. Ein Buch, das ich einmal gelesen habe und nicht wiederlesen werde, kommt auf den Stapel. Bücher, die ich in einem schwachen Moment irgendwoher mitgebracht habe, ohne sie wirklich je lesen zu wollen, kommen auf den Stapel.

Und gelegentlich trage ich diesen Stapel zum nächsten öffentlichen Bücherschrank – in der Hoffnung, dass sie dort in die Hände anderer Leseratten fallen, deren begrenztes Budget ihnen nicht erlaubt, unbegrenzt neue Bücher nach Hause zu tragen.

Rein theoretisch habe ich mir selbst schon vor einiger Zeit eine Buchkaufverbot auferlegt. Natürlich mit Ausnahmen: Wenn ein neues Buch von einem*r meiner Lieblingsautoren*innen rauskommt. Wenn ein Titel total spannend klingt. Wenn ich eine Aufmunterung brauche. Wenn ich die Chance habe, ein spannend klingendes Buch mit Autogramm zu bekommen. Oder auch einfach mal nur so.

Wie managst du deine Bücherflut?

Die Hexe und der Anti-Grinch

Es war einmal eine Hexe, die zu Frühlingsbeginn sämtliche Weihnachtsdekoration in den Keller verbannte.

Jepp, das bin ich. Schon im März will ich von Schneeflocken, Weihnachtsdörfern und dicken Männern in roten Mänteln nichts mehr sehen.

Ziemlich engstirnig, oder?

Der Mann ist allerdings ein richtiger Weihnachtsfan. Für ihn ist das die einzige schöne Zeit im Jahr.

Tja, das haben wir Hexen dem Rest der Bevölkerung voraus – für uns ist jede Jahreszeit feierwürdig.

Auf jeden Fall muss ich irgendwie das Weihnachtsdorf in den Keller kriegen, ohne dass er mir auf der Treppe auflauert.

Ist schon ungünstig, dass ausgerechnet ich an einen Anti-Grinch geraten bin!

Bei der Gelegenheit verstaue ich dann, der Fairness halber, auch die letzten Halloween-Dekorationen. Damit er nichts zu meckern hat. Dabei weiß doch jeder, dass das etwas ganz anderes ist! Halloween ist kein Feiertag, sondern ein Lebensgefühl.

Na ja, dann bin ich in den nächsten Monaten eben das Unheimlichste in unserer Wohnung.

Im Vordergrund ein schwarzer Plastik-Kessel mit einer abgetrennten Hand aus Gummi und einer riesigen künstlichen Spinne. Dahinter verschiedene Deko-Elemente mit weihnachtlichen Motiven: Eine Lichterkette, ein Windlicht, ein Türkranz, ein kleines Weihnachtsdorf aus Kunststoff mit einem Kabel. Dahinter Chaos.
Alles für den Keller

Zu Gast im Interview (nicht nur) bei Lea Korte

Lea ist diejenige, die Schuld hat. Indirekt. Und auch nur an „Andrea die Lüsterne und die lustigen Tentakel des Todes“. In ihrer Romanschmiede ist diese Geschichte damals entstanden, und wohin das geführt hat, weißt du ja.

(Falls nicht, solltest du das Buch dringend lesen. Es enthält eine ausgewogene Mischung aller Buchstaben, die man im Alltag braucht.)

Auf jeden Fall durfte ich bei Lea im Interview zu Gast sein und ihr ein wenig davon erzählen, was sich seit Andrea und Bob bei mir so getan hat. Das Interview kannst du hier lesen.