Warum macht sie das eigentlich – und warum erzählt sie mir davon?

Völlig überraschend hat mich nach dem Hindernislauf im Regen der traditionelle Rotz ereilt. Keine Sorge, diese Autorin ist stabil gebaut. Aber da ich nichts Aufregendes vom Schreiben oder aus meinem Leben erzählen kann, habe ich stattdessen überlegt: Warum mache ich das alles überhaupt? Und was kannst du daraus lernen?

In einem kargen Flur aus Beton liegen mehrere große, unregelmäßig geformte Objekte, teilweise ausgehöhlt. Die Objekte erinnern entfernt an Wirbelkörper.
Foto von Andrea De Santis, gefunden auf Unsplash.

Wenn du dir überlegen solltest, an einem Hindernislauf teilzunehmen, was würdest du als erstes tun? (Außer dir deinen Kopf untersuchen lassen, denn vernünftige Menschen kommen gar nicht erst auf solche Ideen!) Genau, du überlegst dir einen Plan. Sammelst Informationen darüber, was dich wohl erwartet. Überlegst, was du dafür alles können musst. Und das trainierst du dann.

Diese Vorgehensweise empfiehlt sich für viele Herausforderungen im Leben – auch fürs Schreiben. Aber oft sehe ich, dass Leute erwarten: „Hey, ich habe eine tolle Geschichte im Kopf. Die wird ganz bestimmt ein Bestseller, ich muss sie nur fix aufschreiben. Und schreiben kann ich seit der ersten Klasse, wie schwer kann das schon sein?“

Zuerst einmal: Eventuell hat es seit deiner Schulzeit möglicherweise eine Rechtschreibreform gegeben. Und wie fit bist du mit Satzzeichen? Genau, da fängt es schon an. Und dann gibt es natürlich einige Tricks, um aus einem Text einen guten Text zu machen. Keine Sorge, die zähle ich jetzt nicht erschöpfend auf – das Internet ist voll mit guten und schlechten Tipps, und die, die zu dir passen, musst du schon selbst raussuchen. Aber es gehört eben ÜBUNG dazu, einen guten Text zu schreiben … einen, der im Ohr bleibt, den Leute gerne lesen, bei dem sie innehalten und denken: „Wow, könnte ich das doch nur auch!“

Klar hätte Tolkien schreiben können: „Ein paar Typen mit haarigen Füßen gingen zum Schicksalsberg. Sie gingen sehr lange. Am Ende warfen sie den Ring ins Feuer.“ (Sorry, Spoiler!) Inhaltlich völlig korrekt, aber minimal weniger spannend als die Originalversion von „Herr der Ringe“, wie wir sie kennen. Und das nicht nur, weil ich ein oder zwei Details ausgelassen habe.

Gute Texte sind eine Frage des Timings, der Stilmittel, der Wortwahl. Der Erzählstruktur und des richtigen Tempos. Der Vergleiche und der Überraschung. Unter anderem. Und ich schwöre: Egal, wie gut eine schreibende Person ist, es gibt immer noch etwas, was sie dazulernen kann. Auch ich. Sogar ich! Und diese Zeit muss man sich als schreibende Person auch immer mal wieder nehmen. Übungstexte schreiben, die nur dazu da sind, dass man an ihnen wächst – ohne dass sie parallel schnell Preise gewinnen oder in den Roman wandern. Wörter nachschlagen, Synonyme und Antonyme lesen, Zeichensetzung üben. Ich weiß ja nicht wie es dir geht, aber ein, Buch in dem – Zeichen willkürlich! gesetzt sind, lege ich schneller, wieder weg als du gucken kannst …

Und wenn man das alles regelmäßig übt und immer weiter macht und nie aufgibt, kommt man beim Schreiben des ultimativen Bestseller-Romans auch (fast) ohne Schwierigkeiten über die Hindernisse, die einem unterwegs begegnen.

Soviel zu meinen philosophischen Erkenntnissen für heute. Womit könnte man das Schreiben denn noch alles vergleichen?

Die „Tricks of the Trade“ (ein kurzer Rant)

Als schreibende Person liebe ich Schreibratgeber. Manchmal lese ich sie sogar. Und natürlich durchforste ich auch das Internet, wenn ich prokrastiniere, gerne nach Tipps dazu, wie ich besser werden kann.

Immer wieder finde ich dabei Tipps oder Tricks, wie man das „unweglegbare“ Buch schreibt und Leser langfristig an sich bindet … und da ich auch gerne lese, kenne ich viele dieser Tricks auch von der anderen Seite. Und weißt du was? Die meisten von ihnen machen mich madig.

An oberster Stelle steht dabei der „Cliffhanger“, über den immer wieder gern diskutiert wird. In geringer Dosis eingesetzt, hat er durchaus seine Berechtigung, denke ich, aber so Tipps wie „Lasse jedes Kapitel mit einem Cliffhanger enden, damit die Lesenden das Buch nicht beiseite legen können!“ sind einfach nur ätzend. Möglicherweise nicht für alle, aber ICH MUSS MORGEN ARBEITEN. Am Ende eines Kapitels werde ich das Buch weglegen, das Licht ausmachen und schlafen. (Oder noch ein wenig mit dem Kater spielen, damit er bis zum Morgen Ruhe gibt.) Wenn ich also das Gefühl habe, das die Kapitel keine Sinneinheiten sind, sonder sozusagen willkürlich an der ungünstigsten Stelle beendet werden, nervt mich das. Außerdem, finde ich, zeigt es einen Mangel an Selbstvertrauen bei der schreibenden Person. Wenn die Geschichte und der Schreibstil gut sind, lese ich nämlich das Buch gerne weiter, auch wenn die Charaktere (angeblich ein „no-go“) am Ende eines jeden Kapitels schlafen gehen.

Ebenfalls unnötig finde ich es, konstant „den Einsatz zu erhöhen“. Klar, die Spannung sollte im Verlauf der Geschichte steigen, aber häufig sieht es so aus, dass Situationen immer noch absurder und noch unrealistischer werden – ein höherer Einsatz um jeden Preis! Dann ist nicht nur das Kind schwer krank und das Auto kaputt, sondern am Krankenhaus, wenn man endlich ankommt (auf einem dreibeinigen Muli), gibt es Bombenalarm und der leitende Arzt in der Notaufnahme ist der fiese Ex, der das Kind nur sterben lassen würde, um der Protagonistin einen reinzuwürgen, ohne zu wissen, dass er der Vater des Kindes und möglicherweise auch Halbbruder der Protagonistin ist. Klar, Manche Daily Soaps funktionieren so, aber es gibt einen Punkt, an dem so eine Geschichte nur noch lächerlich wirkt. Extra-Punktabzug dafür, wenn „gigantische Probleme“ sich mit einem einzigen Anruf aufklären ließen oder Figuren aus völlig vorgeschobenen Gründen nicht miteinander reden und das Missverständnis beinahe die Menschheit auslöscht. „Meine Güte, jetzt hätte ich beinahe den roten Weltvernichtungsknopf gedrückt, weil ich dachte, du hasst mich, dabei hattest du nur dein Telefon in der anderen Handtasche vergessen und konntest mir deswegen nicht Bescheid sagen, dass du dich fünfzehn Minuten verspätest!“

Ein zweischneidiges Schwert sind die „sympathischen Charaktere“. Klar, ich lese am liebsten über Leute, deren Motivation ich nachvollziehen kann und mit denen ich zur Not auch ein Wochenende in einer einsamen Blockhütte verbringen würde. Aber zwei Standardlösungen, um Charaktere sympathisch zu machen, sind:

  1. Der Charakter ist ein „Underdog“ und/oder Ausgestoßener mit einem furchtbaren Geheimnis.
  2. Der Charakter ist etwas Besonderes und von allen anderen missverstanden (ein Klassiker: Das „nicht wie alle anderen Mädchen“-Trope).

Um diese Dinge so richtig klarzumachen, sind alle anderen herablassend bis gemein zu ihnen. Und da denke ich mir als Leserin: Wieso zum Henker sollte ich meine kostbare Lesezeit in einer Welt verbringen, in der alle furchtbar zueinander sind? Sogar Aschenputtel hatte ihre singenden Mäuse (oder einen guten Dealer)!

Ebenfalls zweischneidig der Rat: „Enthalte Informationen vor“. Ja, bitte, dringend, je nach Geschichte mehr oder weniger – sonst wäre es kein Mystery, sondern ein Aufsatz in chronologischer Reihenfolge. Aber wenn dieser Kniff plump angewandt wird und konstant etwas angedeutet wird, das wahrscheinlich alle Leute bis auf die lesende Person wissen, wird es schnell langweilig und man merkt, dass damit nur eigentlich nicht vorhandene Spannung ausgestopft werden soll.

Ach so, noch ein stilistischer „Tipp“, den ich persönlich hasse: Kurze Sätze.

Sind leichter zu verstehen.

Leute mögen das.

Die kann man schneller lesen.

Aber merkt ihr es? Der Rhythmus des Textes geht dadurch kaputt, und das Lesen macht keinen Spaß mehr. Klar, wer nicht (auch) wegen der Sprache da ist, wird sich da nicht dran stören. Für mich ist schön eingesetzte Sprache wichtig. Dazu gehören nicht nur gut gewählte Wörter und Ausdrücke, sondern auch ein ordentlicher Rhythmus. In Action-Szenen sind kurze Sätze nützlich, um das Atemlose im Moment auszudrücken. Ruhige Momente vertragen längere Sätze und weiche Silben. Meistens kommt es darauf an, die richtige Mischung zu finden.

Der Mann hat einen Ratschlag, den er gern wiederholt: „Don’t learn the tricks of the trade – learn the trade“ (in etwa: Anstatt Hacks auf einem Gebiet zu lernen, arbeite dich lieber richtig in das Gebiet ein.) Und das finde ich gut und richtig – auch beim Schreiben. Klar gibt es Dinge, von denen man sagen kann: Die funktionieren, wenn du deinen Text leichter lesbar/unterhaltsamer/spannender/… machen willst. Aber anstatt sich mit Abkürzungen und Tricks aufzuhalten, sollte man sich lieber darauf konzentrieren, erst einmal eine wirklich, wirklich gute Geschichte zu schreiben.

Jetzt bist du dran: Hab ich mich da in etwas verrannt? Oder habe ich vielleicht sogar etwas vergessen? Welche „Schreib-Hacks“ hasst du, welche sind nützlich – oder überflüssig?

Der Autor als soziales Wesen

Dass Autoren eher introvertiert sind, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Sonst würden sie ja nicht im sitllen Kämmerlein hocken und sich wirre Geschichten ausdenken, sondern auf Bühnen stehen und die Leute mit ihrer Brillianz in Person begeistern. Manche zeigen niemals jemanden auch nur eine einzige Geschichte, weil sie Angst vor negativen Kommentaren haben. Andere ertragen die Aufmerksamkeit, solange sie sich mit niemandem auseinandersetzen müssen. Für fast alle ist der Leser ein unheimliches Fabelwesen, von dem sie zu gleichen Teilen erschreckt, angeekelt und fasziniert sind. Die Leser-Autoren-Beziehung ist ein sehr empfindliches Ökosystem, das – bis auf in wenigen Ausnahmen – nur ein geringes Maß an Interaktion verträgt.

Dass Autoren auch miteinander häufig nur schlecht auskommen, wundert mich hingegen immer wieder. Wir tun uns schwer damit, Ideen zu teilen, konstruktive Kritik zu üben, Vorschläge zu machen, gemeinsame Werbe-Aktionen zu starten. Beispielsweise existieren viele Facebook-Gruppen offiziell zum professionellen Austausch, aber wenn man reinschaut, sieht man nur eine lange Liste von Werbung: „Kauft mein Buch!“. Und dann nix. In anderen, etwas erfolgreicheren Foren findet man schon die eine oder andere konstruktive Frage, aber nur wenige Reaktionen.

Sicher. Wir haben nur wenig Zeit, und die verbringen wir am liebsten mit Schreiben. Dann ist da das echte Leben, in dem Wäsche gewaschen und der Müll rausgetragen werden will. Wenn wir uns Zeit aus unserem Tagesplan nehmen, dann höchstens für die obligatorische Werbung, von der uns immer wieder gesagt wird, wie wichtig sie sei. (Und wenn ich noch einen Twitter-Account sehe, auf dem einfach dreimal pro Tag gepostet wird: KAUFT MEINEN ROMAN!, muss ich weinen.)

Aaaaaaber. Aus dem Austausch mit anderen Autoren habe ich schon unglaublich viel gelernt. Ich mag es, Ideen auszutauschen oder meine eigenen zwei Cent zu der Plot-Idee eines Freundes dazuzugeben. Ich diskutiere gerne Cover-Entwürfe oder wäge die Vorteile verschiedener Schreibprogramme gegeneinander ab. Und mal im Ernst, nicht einmal die Leute, die uns aufrichtig lieben, haben den Nerv, sich mit diesen Sachen stundenlang zu beschäftigen. Zu guter Letzt: Wer versteht die Verzweiflung über eine schlechte Rezension oder die Scham, wenn man beim Wieder-Lesen eines bereits veröffentlichten Werkes einen wirklich großen Schnitzer findet, besser als ein anderer Autor?

„Und was, wenn der andere meine Idee klaut?“

Die Frage findet man immer wieder, und ich fürchte, sie ist die Wurzel allen Übels. Jetzt mal im Ernst. Erstens ist die eigene Idee höchstwahrscheinlich nicht die genialste seit der Erfindung der Currywurst, und der andere Autor wird in seine eigene Idee ungefähr genau os verliebt sein.

Zweitens bin ich davon überzeugt, wenn man zwei Autoren eine Ausgangssituation und drei Plot-Punkte gibt, werden sie zwei völlig unterschiedliche Geschichten schreiben. (Beispielsweise kamen damals „The Graveyard Book“ von Neil Gaiman und „Her fearful symmetry“ von Audrey Niffenegger ungefähr zur gleichen Zeit, beide hatten magische/übernatürliche Elemente und handelten von Kindern auf einem Friedhof; beides waren erfolgreiche Bücher, und vor allem völlig unterschiedliche.)

Und drittens: Natürlich kommt es vor, dass Geschichten gestohlen werden. Gerade in Zeiten des Internets. Ein Bekannter hat seinen Schwule-Vampire-Roman gerade auf einer Drittanbieter-Seite zum kostenlosen Download gefunden. Die Geschichte einer anderen Autorin, die sie als Fanfiction ins Internet gestellt hatte, wurde marginal verändert – ich glaube, man hat die Namen der Personen ausgetauscht – und dann bei Amazon als eBook angeboten. Falls einem so etwas auffällt, sollte man mit allen vorhandenen Mitteln dagegen vorgehen. Aber in diesen Fällen geschieht der Diebstahl meistens nicht durch Freunde und Bekannte, sondern durch zufällige Personen, die einfach eine günstige Gelegenheit nutzen.

Langer Rede kurzer Sinn – An alle meine kreativen und vor allem Schreib-Freunde: Ich liebe euch und würde euch um nichts in der Welt eintauschen! Mich mit euch austauschen, hingegen… möchte ich wirklich nicht missen.