Fortsetzungsroman: Das Ziegenmädel

In unregelmäßigen Abständen veröffentliche ich in meinem Newsletter, den ihr übrigens hier abonnieren könnt, kapitelweise diesen idyllischen Heimatromantik-Roman, der garantiert ohne finstere Geheimnisse oder Dämonen auskommt – oder etwa nicht? ^^

Ziegenmädchen

Coverbild BLAUE ZIEGE: (c) 2017, Oliver Jung-Kostick, unter Verwendung von Seal of Baphomet von Arbeiterreserve (Lizenz)

 

KAPITEL 1

Es war ein schöner Oktobermorgen. Hoch oben unter einem strahlendblauen Himmel drehten die Vögel ihre Kreise, als wollten sie die Sonne für dieses Jahr verabschieden. Eine milde Brise trug den Geruch frisch gepflügter Erde den Hang hinauf. Das Geräusch zweier Traktoren hallte von den Berghängen wider wie eine beruhigende Melodie. In einiger Entfernung ästen zwei Rehe am Waldrand, mit nervös zuckenden Ohren. Als könne kein Unheil diese Idylle trüben.
Mit einem zufriedenen Seufzer beendete Marlene ihre Brotzeit. Sie warf einen Blick gen Himmel – strahlender Sonnenschein, hoffentlich für den ganzen Tag. So spät im Jahr war das ein überraschender Segen. Vor allem, wenn sie überlegte, wie viel es noch zu tun gab. Mit wenigen Handgriffen räumte sie Brot und Käse von dem schmalen Holztisch vor der Tür ihrer kleinen Hütte nach drinnen auf die Anrichte. Das Kerngehäuse des Apfels, den sie heute Morgen frisch gepflückt hatte, steckte sie ein für Bertha. Die freute sich immer über kleine Zuwendungen. Außerdem war die Kaschmirziegendame hochträchtig und hatte es deswegen verdient, ein wenig verwöhnt zu werden.
Bertha war nur eine von zwei Kaschmirziegen, die Marlene gekauft hatte, als sie nach ihrem Studium von München nach Wendingen gezogen war. Der Ort war wie geschaffen für die Ziegenzucht. Umso merkwürdiger fand sie es, dass außer ihr noch niemand auf die Idee gekommen war, auf den steilen Wiesen mit dem harten Gras, das hier wuchs wie in norddeutschen Vorgärten das Unkraut, Ziegen zu halten. Aber gut, das bedeutete weniger Konkurrenz. Mit dem kleinen Erbe, das sie von ihrer Großmutter erhalten hatte, hatte sie sich den Traum von einer eigenen Ziegenzucht erfüllt. Zwei Ziegendamen und ein stattlicher Bock waren mit ihr in das verschlafene Dorf gezogen. Inzwischen waren noch zwei Jungziegen dazugekommen, die sie im Frühjahr gegen ihre ersten beiden Zicklein eingetauscht hatte.
Marlene züchtete nicht die weißen Ziegen, deren Fell so beliebt war, weil es sich gut einfärben ließ. Ihre kleine Ziegenherde war braungescheckt und cremefarben. Die Unterwolle brachte zwar nicht so viel ein, aber es gab Teppichhersteller, die sich für das robuste Deckhaar interessierten. Außerdem mochte Marlene das freundliche Wesen der Ziegen. Kaschmirziegen galten als sehr sozial und umgänglich, und sie hatten sich in den vergangenen Monaten als erstaunlich intelligent erwiesen – manchmal zu Marlenes Leidwesen, wenn sie etwa Riegel öffneten oder in den Futterschuppen einbrachen. Aber das waren nur Kleinigkeiten. Sogar an den strengen Geruch von Arthur, ihrem Bock, hatte sie sich schnell gewöhnt. Und mit seiner ernsten Persönlichkeit und dem gesetzten Gebaren war Arthur der perfekte Hausherr. Nur manchmal weckte er sie nachts mit aufgeregtem Gemecker, wenn Füchse oder andere gierige Räuber sich in die Nähe des Stalls wagten. So verteidigte er erfolgreich seine Herde, denn gesehen hatte Marlene von diesen Angreifern, wenn sie mit Morgenmantel und Taschenlampe nachgucken ging, noch keinen.
Während Marlene jetzt darüber nachdachte, was alles zu tun war, fuhr sie sich mit der Hand durch das streichholzkurze schwarze Haar. Wie ihre Mutter geschimpft hatte, als sie sich am Tag nach ihrer Abiturfeier die langen Locken abgeschnitten hatte! Aber so kurz war die Frisur viel praktischer. Vor allem bei harter körperlicher Arbeit – der Stall musste dringend ausgemistet werden.
Die junge Frau pfiff eine kleine Melodie. Sie genoss die harte Arbeit. Wer hatte schon die Gelegenheit, sich den eigenen Lebenstraum zu erfüllen, noch ehe er dreißig war? Vor zwei Jahren hatte sie, gerade fünfundzwanzig Jahre alt, die Hoffnungen und Pläne ihrer Eltern für ihre Arztkarriere über den Haufen geworfen, um in dieses kleine Bergdorf zu ziehen. Und sie würde um nichts in der Welt wieder in die Stadt zurückkehren.
Das altmodische Telefon, das innen neben der Tür hing, klingelte.
Marlene griff nach dem Hörer, ohne ihre frisch geschrubbte Hütte zu betreten. Sie hörte einen Moment zu und runzelte dann die Stirn. „Aber Sie haben doch gesagt – aha, ich verstehe. Auf Wiederhören!“ Sie verharrte regungslos und dachte nach. So ein Mist aber auch! Schnell zog sie sich die Stallschürze über den Kopf und warf sie in die Ecke. Dann schlüpfte sie aus ihren Gummistiefeln in die ausgetretenen blauen Turnschuhe und lief hinüber ins Dorf.
Als sie an der kleinen Bäckerei am Ortseingang ankam, war Marlene außer Atem. Ihre Wangen glühten von der kalten Oktoberluft. Sie riss die Ladentür auf, dass die kleinen Messingglöckchen nur so tanzten. „Franzi! Franzi, bist du da?“
Eine junge Frau mit einem prächtigen Schopf blonder Locken streckte den Kopf aus der Backstube. „Natürlich bin ich da! Wo sollte ich denn sonst sein?“ Sie grinste verschmitzt. „So großen Hunger?“
Marlene holte tief Luft. Franziska war nicht nur ein Hippie durch und durch, sondern auch ihre beste  – und einzige – Freundin hier im Dorf. Jetzt brauchte Marlene mal wieder ihre Hilfe. „Kann ich euren Transporter leihen?“
Franzi verzog bedauernd das Gesicht. „Paps ist unterwegs in die Stadt. Unsere Mehlvorräte sind fast alle. Wozu brauchst du ihn denn?“
„Mein Futterlieferant hat mich versetzt.“
„Schon wieder?“, fragte die Bäckerstochter mitfühlend. Franzi kannte den ewigen Ärger.
„Das ist jetzt das zweite Mal – und ich habe schon für morgen kein Futter mehr zuhause!“, schimpfte Marlene. „Ich muss dringend in die Stadt! Und mein Auto ist zu klein für die Futtersäcke!“
„Komm erst mal nach hinten, ich mach uns einen Tee.“ Franzi warf einen Blick durch die gläserne Tür auf die Straße. „Ich glaube, wir haben ein wenig Ruhe, ehe der nächste Schwung Kundschaft kommt. Bestimmt fällt uns eine Lösung ein.“
Trotz ihrer Sorgen musste Marlene lächeln. Franzi hatte eine hervorragende Beobachtungsgabe – und es stimmte, die Dorfbewohner lebten nach einem festen Zeitplan. Zwischen den Wellen von Leuten, die Graubrot, belegte Brötchen und Kuchen für den Kaffee kauften, gab es immer wieder lange Phasen, in denen nichts passierte. Und Franzis Vater, der genau so in seinen Gewohnheiten verwurzelt war, bestand darauf, dass trotzdem immer mindestens eine Person im Laden war. Es könnte doch sein, dass einmal jemand etwas vergessen hatte und plötzlich noch ein Brot brauchte, oder ein paar Stücke Torte.
In der Backstube hinter dem Verkaufstresen war jede ebene Fläche mit Mehlstaub weißgepudert. Suchend sah Marlene sich nach einem Fleckchen um, auf dem sie sich niederlassen konnte.
„Ist dir das etwa zu schmutzig?“ Franzi schmunzelte. „Ich meine, im Gegensatz zu deinem Ziegenstall?“ Ihre bunten Plastikperlenketten unter der Bäckerschürze klackerten leise.
„Im Stall hole ich mir wenigstens keinen weißen Hintern, wenn ich mich setze!“
„Hier, dann trink das eben im Stehen!“ Damit drückte Franzi ihrer zierlichen Freundin eine Tasse Pfefferminztee aus der Thermoskanne in die Hand. „Und was willst du jetzt machen?“
„Ich habe keine Ahnung. Aber wenn ich nicht bis heute Mittag bei der Genossenschaft bin, haben meine Ziegen morgen kein Futter, und Bertha kann jeden Tag werfen, und …“
„Liefern die nicht?“
„Liefern kostet extra“, erklärte Marlene verzagt.
Franzi nahm einen Schluck von ihrem Tee, während sie nachdachte. „Und wenn ich dir …“
„Denk nicht einmal dran!“, fiel Marlene ihr ins Wort. „Ich schaffe das alleine.“
„Natürlich schaffst du das“, antwortete Franzi in beruhigendem Ton. „Du kannst es mir zurückzahlen.“
„Aber wann?“
Die Messingglöckchen enthoben Franzi einer Antwort. „Rühr dich nicht vom Fleck, ich bin sofort wieder bei dir.“
Gedankenverloren trank Marlene ihren Tee. Die Situation war wirklich schwierig. Sie hatte einen Abnehmer für das Ziegenhaar, aber ausgekämmt wurde erst am Ende des Winters, und bis dahin musste sie irgendwie über die Runden kommen. Großmutters Erbe ging allmählich auch zur Neige. Vielleicht konnte sie Berthas Zicklein gut verkaufen – reinrassige Kaschmirziegen waren ein kleines Vermögen wert. Aber erst einmal musste sie abwarten und hoffen, dass alles gut ging.
„Marlene, ich hab die Lösung!“, tönte Franziskas Stimme aus dem Verkaufsraum.
„Hast du mich erschreckt!“ Verzweifelt versuchte Marlene, mit einem Küchentuch die Teeflecken aus ihrer Jeanshose zu reiben. „Was für eine Lösung?“
„Komm schon!“ Und damit war Franzi wieder verschwunden.
Als Marlene sah, wer im Verkaufsraum wartete, verstand sie zunächst nicht. „Grüß Gott, Patrick!“
Patrick nickte kurz und lächelte ihr zu. Er war der Sohn ihres Nachbarn, mit dem sie fast permanent Streit hatte. Der Altbauer war ein Choleriker, wie er im Buche stand. Der junge Mann hingegen hatte ihr noch nie Grund gegeben, sich zu ärgern. Eigentlich fand sie ihn sogar sehr sympathisch, mit seinen braunen Locken und den blauen Augen, die immer zu lächeln schienen. Leider hatte sie noch nie Zeit gehabt, sich in Ruhe mit ihm zu unterhalten. Jetzt hielt er eine Brötchentüte in der Hand und schien auf irgendwas zu warten.
Franzi strahlte ihre Freundin über das ganze Gesicht an. „Ich habe ihn gefragt – Patrick kann dich in die Stadt fahren!“
Marlene schüttelte den Kopf. „Nein, das geht nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil er … zu tun hat?“
Der junge Mann, von dem die Rede war, sah aufmerksam von einer zur anderen. Er schüttelte den Kopf. „Es ist überhaupt kein Problem für mich, ich …“
„Danke, Patrick, aber das kann ich nicht von dir verlangen.“
„Wenn du mich ausreden lassen würdest.“ Er lächelte, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen. „Ich muss sowieso zur Genossenschaft und Saatgut bestellen. Deren Telefon funktioniert mal wieder nicht. Wenn du willst, nehme ich dich mit.“
Marlene sah ihn aus großen Augen an. „Das würdest du für mich tun?“
„Sicher, warum nicht?“
Die junge Frau strahlte ihn an. „Dich schickt der Himmel!“ Sie drückte Franzi die fast komplett geleerte Teetasse in die Hand und lief Richtung Tür. „Worauf wartest du? Los, gehen wir!“

 

KAPITEL 2

Es war früher Nachmittag, ehe sie sich zurück auf den Weg nach Wendingen machten. Bei der Genossenschaft hatte es etwas länger gedauert – der Laden brummte nur so vor Geschäftigkeit. Neugierig betrachtete Marlene die Auslagen. „Ich wusste gar nicht, dass es so viele verschiedene Sorten Kaninchenfutter gibt!“
Patrick zwinkerte ihr zu. „Warte erst, bis du zum nächsten Regal kommst. Hühnerfutter.“
Hühner, das wär noch was … aber das musste warten. Vielleicht nach dem Winter, wenn alles gut ging. Sie hatte auch länger darüber nachgedacht, ein kleines Gemüsebeet anzulegen, aber dieses Jahr waren ihr sogar die Kräuter, die sie vor ihrem Häuschen gepflanzt hatte, eingegangen. Den grünen Daumen hatte sie definitiv nicht.
Nachdem sie gezahlt hatten, half ein junger Mann ihnen dabei, die Futtersäcke aufzuladen. Marlene fühlte sich überflüssig, während sie den Männern bei der Arbeit zusah. Doch sie wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer es war, die Säcke durch die Gegend zu wuchten. Und sie war dankbar, wenn ihr das vorerst erspart blieb. Zuhause war das eine ganz andere Sache.
„Und das Rinderfutter wird übermorgen geliefert?“, versicherte Patrick sich noch einmal, ehe sie losfuhren.
Der Verkäufer nickte. „Wir rufen aber vorher nochmal an, damit auch garantiert jemand zuhause ist. Wie immer.“ Er winkte ihnen zum Abschied, als sie vom Parkplatz fuhren, dann kehrte er in den Laden zu seinen wartenden Kunden zurück.
Mit sicheren Bewegungen lenkte Patrick den Geländewagen über die gewundene Bergstraße. Aus dem Seitenfenster konnte Marlene die Falken beobachten, die unter dem blauen Himmel ihre Kreise zogen. Vereinzelt stehende Fichten reckten ihre dunkelgrünen Spitzen in die Höhe. Die Aussicht ins Tal war atemberaubend. Wie Spielzeug schmiegten die Gebäude der Bauernhöfe sich an die Flanken des Berges, der sie vor den Unbillen des Wetters beschützte. In der Ferne ragten schneebedeckte Gipfel auf. Sie glitzerten in der Sonne.
„Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, Ziegen zu züchten?“, brach Patrick nach einer Weile das Schweigen.
„Meinst du nicht eher, warum ich ausgerechnet in Wendingen Ziegen züchten wollte? So als Mädchen aus der großen Stadt?“
„Wie kommst du da drauf?“
„Na, deinem Vater scheint es ja ganz und gar nicht zu passen, neben mir wohnen zu müssen.“
Patrick schmunzelte. „Ich weiß, mein Vater ist ein schrecklicher Nachbar. Aber er meint es nicht böse. Und ich habe nichts dagegen, neben dir zu wohnen.“
Marlene fühlte, wie sie errötete, und sah wieder aus dem Fenster. „Ich mag Ziegen. Sie sind intelligent und freundlich. Und sehr genügsam. Schon als Kind wollte ich im Zoo immer nur zu den Ziegen und …“ Sie lachte. „Das klingt bestimmt albern.“
„Überhaupt nicht!“, widersprach Patrick. „Ich finde es schön, wenn Leute wissen, was sie wollen, und es dann auch tun.“ Konzentriert lenkte er den Geländewagen um eine besonders scharfe Kurve.
„Und wie ist es mit dir? Wolltest du immer Bauer werden?“
Er dachte einen Moment nach. „Ich glaube schon. Es hat mir schon immer Spaß gemacht, auf dem Hof zu helfen. Mein Bruder hingegen …“
„Du hast einen Bruder?“ Marlene war überrascht. „Den habe ich noch nie gesehen. Wohnt er nicht bei euch?“
Patrick zuckte die Schultern und betätigte den Blinker. In der Entfernung kam das Ortsschild von Wendingen in Sicht. „Thomas ist schon vor vielen Jahren in die Kreisstadt gezogen. Mein Vater redet nicht gerne davon. Ich glaube, es hat ihn sehr verletzt, dass Thomas lieber eine Lehre bei der Bank machen wollte, als auf dem Hof zu bleiben.“
„Jeder muss das tun, was ihn glücklich macht.“ Marlene lächelte schüchtern.
„Und die Ziegen machen dich glücklich?“
Sie nickte. „Sehr.“
Direkt vor dem Ortsschild bog Patrick auf eine schmale, geschotterte Einfahrt ein. Der Geländewagen rumpelte ein Stück den Berg hinauf. Marlenes Herz schlug höher, als sie ihr Häuschen an den Hang gekauert stehen sah. Es mochte nicht besonders groß sein, aber es gehörte ihr. Mit ihren eigenen Händen hatte sie es sich genau so eingerichtet, wie sie es haben wollte. Jede Reparatur hatte sie selber ausgeführt. Die grüngestreiften Vorhänge hinter den Fenstern hatte sie abends genäht, wenn es zu dunkel wurde, um draußen zu arbeiten.
Zwei braungescheckte Ziegen mit dicken, geschwungenen Hörnern drängten sich in ihrem Pferch dicht neben dem rotgestrichenen Stall. Es war beinahe Futterzeit. Sogar durch die geschlossenen Wagenscheiben konnte man sie meckern hören.
„Klingt, als würdest du vermisst“, grinste Patrick und stellte den Motor ab.
„Ich bin halt die Ziegenmami.“
Gemeinsam hievten sie die schweren Futtersäcke von der Ladefläche des Geländewagens und schleppten sie in den winzigen Futterschuppen, der direkt an den Stall angebaut worden war. Patrick sah sich neugierig um. „Es ist alles sehr ordentlich hier. Gute Arbeit. Aber ist es dir nicht manchmal unheimlich, so ganz alleine?“
„Wieso sollte es?“, fragte Marlene verwundert. „Ich habe meine Ziegen, also bin ich nie wirklich alleine.“
„Nun ja, manche Leute sagen … ach, egal. Hast du kein Problem mit Mäusen?“
„Dafür habe ich Sir Lancelot.“ Mit einem Kopfnicken wies Marlene auf den graugetigerten Kater, der sich auf der Türschwelle in der Nachmittagssonne räkelte. „Er sieht zwar ziemlich faul aus, aber er ist ein großartiger Mäusefänger.“
„Die sind selten heutzutage. Unsere Flocke wartet lieber, bis sich jemand erbarmt und ihr eine Schale mit Futter hinstellt.“ Patrick ächzte, als er sich aufrichtete. „Das war der letzte Sack. Wie lange reicht dir dieser Vorrat?“
„Mindestens zwei Monate. Bis dahin habe ich hoffentlich einen neuen Lieferanten gefunden. Ich kann ja nicht jedes Mal darauf hoffen, dass ein Ritter in schimmernder Rüstung vorbeikommt und mir aus der Patsche hilft.“
„Du könntest mit uns zusammen bestellen, dann wird die Lieferung auch günstiger für dich.“
„Nein, danke.“
„Warum nicht?“
„Glaubst du wirklich, dein Vater wäre erfreut darüber, mit mir zusammenarbeiten zu müssen?“
Patrick machte eine wegwerfende Handbewegung. „So schlimm ist er wirklich nicht. Ein wenig bollerig vielleicht. Und das eine Mal, als dein Ziegenbock die Kühe gejagt hat …“
Marlene fühlte, wie sie wieder errötete. „Ich weiß, das war schlimm. Arthurs Beschützerinstinkt ist mit ihm durchgegangen.“
Beide lachten bei der Erinnerung daran, wie der schnaubende Bock über die Wiese gesprungen war. Allerdings verging ihnen das Lachen schnell, als sie den rasch zunehmenden Lärm eines Traktors hörten, der sich die schmale Einfahrt hinaufquälte. Das konnte nur eins bedeuten.
„Meine Güte, was habe ich jetzt wohl wieder angestellt?“, fragte Marlene bang und sah Patrick besorgt an.
„Alles bestimmt halb so wild“, versuchte der junge Bauer sie zu beruhigen. Auch er hatte den Motor des Traktors erkannt, mit dem sein Vater am Morgen auf die Felder gefahren war. Das unregelmäßige Stottern war unverkennbar. Beide verließen den Schuppen und erreichten die Einfahrt gerade rechtzeitig, um Bauer Schorsch wutschnaubend von seinem Gefährt klettern zu sehen.
„Guten Tag!“, rief Marlene und lächelte, obwohl ihr das Herz in die Hose zu rutschen drohte.
„Spar dir das Grinsen, du Gans!“, wütete der Bauer auch direkt los. „Deine dummen Ziegen haben meine Heuballen angefressen!“
„Wie bitte?“ Marlene war fassungslos. „Das kann nicht sein!“ Sie warf einen Blick auf das Gatter neben dem Stall. Immer noch standen zwei Ziegen dort und warteten ungeduldig auf ihr Fressen. Mit Verspätung fiel ihr auf, dass die anderen Tiere sich nicht zu ihnen gesellt hatten, wie sie es sonst taten, wenn die Fütterungszeit nahte. Normalerweise benahmen sie sich dann immer so, als seien sie seit Tagen vernachlässigt worden. Arthur war im Stall, darum hatte sie sich heute Morgen gekümmert, damit er die trächtige Bertha in Ruhe ließ. Und Bertha stand, kugelrund, mit Nikki zusammen am Stall. Aber wo waren Susi und Agathe? Sie rannte zum Gatter, kletterte auf den untersten Querbalken und rief nach ihren Lieblingen.
„Das ist sinnlos!“, schimpfte der Bauer weiter. „Ich hab sie bei mir auf dem Hof eingesperrt. Und da bleiben sie auch, bis ich eine Entschädigung für das verdorbene Heu habe!“
„Haben sie das Plastik gefressen?“, fragte Marlene besorgt. „Dann brauchen sie sofort einen Tierarzt!“
„Ziegen sind unzerstörbar“, höhnte der Bauer. „Für die den Tierarzt zu rufen wäre pure Geldverschwendung.“
Hilflos sah Marlene zu Patrick hinüber. Er zuckte mit den Schultern und sah auf seine Schuhspitzen hinunter.
„Gut, ich werde das Heu ersetzen. Wie teuer sind die Ballen?“, fragte Marlene tapfer. Als sie die Summe hörte, die der Bauer erwartete, schluckte sie. „Das ist eine Menge Geld. Soviel habe ich nicht.“
„Vielleicht sollte ich eine der Ziegen verkaufen, das sollte den Schaden ersetzen. Ich wette der Schlachter gibt mir, was ich haben will!“, schimpfte der Bauer, stieg wieder auf seinen Traktor und fuhr knatternd vom Grundstück.
„Das darf er nicht tun!“, jammerte Marlene. „Wie kann das nur passiert sein? Ich schließe alle Gatter jedes Mal ab, wenn ich sie benutze!“
„Vielleicht hast du es einmal vergessen“, versuchte Patrick zu trösten. „So etwas kommt vor, das ist nicht schlimm. Oder …“ Aber er verstummte, ohne seinen Gedankengang zu beenden.
„Und wenn dein Vater die Ziegen wirklich an den Schlachter verkauft?“
„Das  macht er bestimmt nicht. Ich passe drauf auf. Sag mir, wie sie versorgt werden müssen, dann kümmere ich mich selber darum, solange sie bei uns sind. Und sobald du sie auslösen kannst, kriegst du sie wohlbehalten wieder.“ Patrick griff sich einen der Futtersäcke und hievte ihn zurück auf die Ladefläche. „Wie lange komme ich damit aus?“
„Mindestens drei Wochen. Bis dahin muss ich die Ziegen zurückhaben!“ Marlene kam an den Wagen und drückte Patrick die Hand. „Vielen Dank, dass du mir heute geholfen hast. Das bedeutet mir wirklich viel.“ Dann drehte sie sich um und beeilte sich, in den Stall zu kommen. Die anderen Ziegen warteten auf ihr Futter.

 

KAPITEL 3

„Was hast du bei dem Ziegenmädel gemacht?“, wollte der Altbauer wissen, als Patrick ein wenig später auf den Hof gefahren kam und sich den verbliebenen Futtersack über die Schulter warf, um ihn in die Scheune zu tragen. Er war damit beschäftigt, den Traktor nach der Tagesarbeit zu säubern. Seine abgetragene blaue Latzhose und das rotkarierte Hemd waren ölverschmiert. Jetzt kam er aus dem Schatten der mächtigen Eichen gelaufen, die ihre Zweige über den Hof und das weißgetünchte Wohnhaus breiteten. Den Schraubenschlüssel legte er im Vorbeigehen auf der Holzbank ab, die neben der Haustür stand. Früher hatte Patricks Mutter sich immer darum gekümmert, dass hier Blumen in Kübeln wucherten – Tulpen und Narzissen im Frühjahr, Primeln und Stiefmütterchen, wenn es wärmer wurde, und im Herbst Dahlien und Astern. Sogar im Winter hatte sie immergrüne Zweige mit roten Beeren in die Erde gesteckt, damit es auf dem Hof nicht so trostlos aussah. Aber der Bauer hatte die Blumenkübel schon vor Jahren in einen Schuppen verbannt, und auf der Holzbank saß abends niemand mehr.
„Sie heißt Marlene. Das solltest du wissen, wir sind schließlich seit zwei Jahren Nachbarn. Und ich habe sie mit in die Stadt zur Genossenschaft genommen, falls du das wissen wolltest.“
„Sie passt nicht hierher!“, schnaubte der Bauer. „Ein richtiger Stadtmensch. Kommt hierher und glaubt, sie kann sich in das Dorf einkaufen.“
„Wieso einkaufen? Sie arbeitet genauso hart wie jeder andere.“
„Die anderen sind ehrliche Menschen, die seit Generationen hier in Wendingen leben. Und dann kommt diese – diese Person einfach daher und bringt alles durcheinander mit ihren Ziegen und …“
„Ja, diese schrecklichen Ziegen!“, spottete Patrick. „So verrückt, wie du dich aufführst, könnte man meinen, die wären verflucht!“ Auch er war lauter geworden, als es für ihn üblich war. Manchmal konnte sein Vater so ein sturer Hammel sein! „Und das alles ausgerechnet auf einem Grundstück, das du haben wolltest, nicht wahr? Gib es doch wenigstens zu! Sie hat nie etwas getan, was dich ärgern könnte. Alles, was sie will, ist in Ruhe ihre Ziegen zu züchten. Hier in Wendingen. Wo niemand außer ihr Ziegen hat. Was stört dich daran?“
Der Altbauer fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Er hinterließ einen schmutzigen Streifen. „Diese blöden Viecher brechen andauernd aus und machen alles kaputt!“
„Zweimal in zwei Jahren, das kannst du wohl kaum als andauernd bezeichnen“, spottete Patrick. „Wie oft ist uns nicht schon eine Kuh ausgebüchst?“
„Sei nicht so frech! Jedes Mal, wenn ihre Biester ausbrechen, kostet uns das gutes Geld!“
„Warum gehst du dann nicht und hilfst ihr, die Zäune zu reparieren? Wie es ein guter Nachbar hier in Wendingen tun würde?“
„Wozu? Sobald es ihr langweilig wird, wird sie sowieso ihre Sachen packen und wieder verschwinden. Sie ist nicht für das Landleben gemacht, das kann doch jeder sehen!“
„So wie Mutter?“
Schorsch sah seinen Sohn mit zusammengekniffenen Lippen an. Abrupt wandte er sich um und stapfte zum Traktor zurück, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. „Ich will nicht, dass du dich mit dieser Person abgibst. Wir haben viel Arbeit auf dem Hof, und keine Zeit um herumzupoussieren und den guten Samariter zu spielen. Morgen früh gehst du am besten direkt auf die Weide und beginnst damit, neue Zaunpfähle einzuschlagen.“ Das würde dem Jungen die Flausen schon austreiben.
Patrick widersprach seinem Vater nicht. Er wusste, es hatte keinen Sinn, über dieses spezielle Thema zu reden. Wenn er doch nur nicht so dumm gewesen wäre, seine Mutter ins Spiel zu bringen! Die Bäuerin war vor mehr als zehn Jahren Hals über Kopf in die Stadt zurückgekehrt, weil sie das Landleben nicht mehr ertrug. Eines Tages, als die beiden Jungen aus der Schule kamen, war sie einfach weg gewesen. All ihre Arbeitssachen hingen im Schrank, nur das Sonntagskleid für die Kirche und ihre Lieblingsschuhe waren fort. Auf dem Herd stand ein großer Topf mit kaltem Möhreneintopf. Es gab keinen Abschiedsbrief, und die Stube war dunkel. Patrick hatte sich verlassen gefühlt.
Kurze Zeit später war die ehemalige Bäuerin gestorben. Sie hatte ihre Krankheit vor allen verheimlicht. Der Anruf aus dem Krankenhaus, dass es mit ihr zu Ende gehe, kam plötzlich, und noch ehe die Jungs in die Stadt fahren konnten, kam ein zweiter Anruf. Der endgültige. Der Bauer hatte nie wieder ein Wort von seiner Frau gesprochen. Patrick wusste nicht, was seinen Vater mehr getroffen hatte: Das Verschwinden der Bäuerin oder ihr Geheimnis. Im Dorf galt er als trauernder Witwer, und offiziell hieß es, die Bäuerin sei für ihre Behandlung in die Stadt gegangen. Eine tragische Geschichte, das. Niemand kannte die Wahrheit.
Kurze Zeit später hatte auch Patricks Bruder Thomas erklärt, es nicht mehr hier in Wendingen auszuhalten und sein Glück lieber hinter einem Schreibtisch als auf dem Traktor suchen zu wollen. Diese zwei Schicksalsschläge hatten den alten Bauern mürrisch gemacht und mitunter cholerisch. Auch von seinem jüngeren Sohn sprach er nie, und Patrick wusste nicht, ob die beiden Männer jemals wieder miteinander geredet hatten. Sie hatten beide den gleichen Dickkopf. Er selber telefonierte ab und zu mit seinem Bruder, auch wenn sie einander als Kinder nie besonders nahe gewesen waren. Jetzt vermisste er ihn.
Marlenes zwei Ziegen standen in einem dunklen, aber sauberen Verschlag in der Scheune. Zufrieden sah der junge Bauer, dass sein Vater sich die Mühe gemacht hatte, ein ordentliches Strohlager aufzuschütten. Einen Arm voll Heu hatte er ihnen auch hingeworfen. Marlene musste sich wirklich keine Sorgen um ihre Lieblinge machen. Sogar ein dickes Vorhängeschloss hatte der Bauer an der Stalltür angebracht, damit die beiden nicht noch einmal ausbüchsen konnten. Patrick lächelte. Er hatte ja gewusst, dass sein Vater nie einem Tier etwas zuleide tun würde. Am liebsten hätte er die beiden Ziegen direkt auf den Geländewagen geladen und zu ihr zurückgebracht, aber zu dieser Art Auseinandersetzung mit seinem Vater war er nicht bereit. Noch war der alte Mann der Chef auf dem Hof. Schließlich hatte er in seinem Leben schon viel Kummer erdulden müssen. Und es stimmte ja, Heu war teuer, wenn man es einkaufen musste.
Sorgfältig kontrollierte Patrick, dass die Ziegen ausreichend Wasser in ihrem Eimer hatten. Dann schüttete er ein paar Handvoll Futter in den bereitstehenden Trog und nahm noch etwas Heu von dem angeknabberten Ballen in der Ecke. Der Schaden war eigentlich kaum der Rede wert. Er beobachtete, wie die beiden Tiere sich auf das Futter stürzten. Sie mussten ziemlich ausgehungert sein. Tatsächlich hatten sie sich an mehreren Stellen durch die dicke Plastikfolie gekaut. Aber beide wirkten zufrieden und munter. Morgen, wenn der Tierarzt sowieso wieder auf dem Hof war, konnte er ihn immer noch bitten, einen Blick auf die beiden werfen. Aber Patrick bezweifelte, dass sie sich an dem bisschen Folie den Magen verdorben hatten. Sein Vater hatte schon Recht, Ziegen waren sozusagen unzerstörbar. Merkwürdig, dass niemand sonst im Tal sich an der Ziegenzucht versuchen wollte.
Er hielt in seiner Arbeit inne und dachte an Marlene. Die zierliche junge Frau hatte es ihm schon seit längerem angetan. Sie wirkte genau so zäh wie ihre Ziegen, und hatte dabei immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Die gemeinsame Fahrt in die Stadt heute war ein Geschenk des Himmels gewesen. In ihrer Nähe fühlte er sich stets schüchtern wie ein Schuljunge. Als sie vor zwei Jahren auf das kleine Anwesen neben dem Bauernhof gezogen war, hatte das im Ort für ziemlichen Wirbel gesorgt. Das kleine Auto mit den Dellen und den Rostflecken, all die Kisten und dann die Ziegen … jeder hatte getratscht. Auch Patrick hatte zunächst nicht gewusst, was er davon halten sollte. Aber es imponierte ihm, wie diese zerbrechlich wirkende Person alles daransetzte, alleine zurechtzukommen. Sie hatte die Zäune geflickt und den Stall gestrichen, und von außen machte ihr kleines Haus einen richtig gemütlichen Eindruck. Sonntags sah man sie früh in der Kirche, meistens ganz hinten in der letzten Bank, und nach der Messe schlüpfte sie direkt wieder auf ihren Ziegenhof zurück, anstatt mit den anderen Frauen Kaffee zu trinken. Das war vielleicht ihr größter Fehler – das Leben auf dem Dorf verlief gemütlicher als in der Stadt, und man redete mehr miteinander. Aber Patrick war überzeugt, dass Marlene großartig nach Wendingen passte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand sie nicht mögen konnte.
Mit einem letzten Blick überzeugte er sich davon, dass es den Tieren gut ging und sie nichts anstellen könnten. Zufriedenes Schnauben begleitete ihn, als er die Tür von außen zudrückte und das Vorhängeschloss sicherte. Dann klopfte er seine staubigen Arbeitsklamotten ab und stapfte hinüber zum Haupthaus. Es war Zeit für das Abendessen.
Er bemerkte nicht, dass rotglühende Augen ihn aus der Dunkelheit heraus beobachteten.

(TO BE CONTINUED)

 

(c) Diandra Linnemann, 2018