Lesefortschritte

Seit Anfang 2017 führe ich Liste über die Bücher, die ich gelesen habe – ohne Bewertung, nur Enddatum, Titel, Autor*in.

Diese Liste hat eigentlich keinen tieferen Sinn. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr draufgucken und versuchen, herauszufinden, was für einen Buchgeschmack ich habe. Allerdings sagt die Liste nichts darüber aus, ob ich die Bücher mochte oder nicht – nur, dass ich sie beendet habe. Abgebrochene Bücher stehen zum Beispiel nicht darauf.

Allerdings habe ich aus dieser Liste gelernt, dass ich im Jahr etwa 40 Bücher lese. Für letztes Jahr stehen weniger drauf, allerdings hat da die Umstellung des WordPress-Editors einige Titel gefressen. Wir kommen also wieder ungefähr beim gleichen Wert an.

Warum ist das spannend?

Ich lese nicht besonders schnell, da sind wir uns einig.

In meinem produktivsten Jahr (2018) habe ich drei Romane geschrieben, überarbeitet und veröffentlicht.

Jemand, der ungefähr so schnell liest wie ich, hätte also noch Platz auf seiner Leseliste für ungefähr 37 weitere Bücher.

Viele Autor*innen schreiben weniger als drei Bücher im Jahr. Wir haben andere Dinge zu tun (Büro, Haushalt, Bingewatching), wir überarbeiten, wir schreiben Kurzgeschichten, wir werfen auch mal Zeug weg oder drücken uns vor dem Überarbeiten.

Daraus folgt – und ich glaube, ich habe das schon öfter gesagt – dass andere Autor*innen nicht wirklich Konkurrenz für uns sind. Außer bei Preisverleihungen, und die sind eher selten. Jemand, der nur meine Bücher läse, hätte seit 2018 nichts Neues zu tun bekommen. Das wäre sehr schade. deswegen hoffe ich hart, dass Leute, die meine Bücher lesen, auch die Bücher vieler anderer toller Autor*innen finden und lesen (und mich darüber nicht vergessen, aber das ist wohl Glückssache).

Von Büchern, die wir schon immer lesen wollten/sollten und irgendwie doch noch nicht gelesen haben

Jeder kennt sie. Bücher, die man „gelesen haben muss“. Die zum Bildungskanon gehören. Bücher, bei denen es eine Art Auszeichnung ist, wenn man sie gelesen hat.

Das sind die Bücher, bei denen einige sich darüber profilieren, wie toll und grandios sie diese Bücher doch fanden, während andere sich darüber profilieren, dass diese Bücher doch total überbewertet seien.

Und ich höre mal auf, von „diesen Büchern“ zu reden.

Denn ich habe mit „diesen Büchern“ ein Problem.

Natürlich gibt es Bücher, die so unglaublich sind, dass sie ihren Platz auf dem zeitlosen Altar literarischer Anbetung verdient haben. Meiner Meinung nach stehen viele Bücher aber nur dort, weil eine lange Tradition von Elitemitgliedern einander – und uns – immer wieder versichert, wie bedeutend „diese Bücher“ (sie hat es schon wieder gesagt!) doch seien. Uns wird also eine Vorauswahl serviert, auf die wir herzlich wenig Einfluss haben.

Eigentlich sind „diese Bücher“ der kleinste gemeinsame Nenner der sogenannten „Bildungselite“ … und mal im Ernst, was die so denken, ist nicht unbedingt repräsentativ.

Inzwischen verbringe ich sehr viel Zeit damit, die Bücher zu lesen, die mir von Leuten empfohlen werden, deren Geschmack ich vertraue. Und ob das dann „Klassiker“ sind oder aktuelle Bestseller oder kleine, auf Eichenblättern handgedruckte Mikroliteratur (und jetzt möchte ich so etwas unbedingt einmal basteln, die Götter mögen mir beistehen!), ist nebensächlich. Wenn eine*r meiner Buchspezialist*innen sagt: „Hier, dieses Buch ist toll, weil …“, schaue ich mir das Buch an. Und wenn es dann nicht ganz furchtbar aussieht, lese ich es auch. Oder versuche es wenigstens.

Das bedeutet natürlich, dass ich auf den ganzen elitären Cocktailparties der gehobenen Klasse nie meine pointierte Meinung über „Krieg und Frieden“ kundtun kann.

Aber ich habe viel mehr Spaß beim Lesen. Und darauf kommt es letztendlich an, nicht wahr?

Fast hätt‘ ich’s getan …

Ein dicht gepacktes Bücherregal mit vielen verschiedenen ordentlich aufgestellten englischsprachigen Titeln, überwiegend Taschenbücher.
Foto von Ugur Akdemir, gefunden auf Unsplash

Sicher kennt ihr eines meiner liebsten Mantras: „Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher.“ Und mit „schlecht“ meine ich nicht objektiv schlechte Bücher, sondern die Bücher, die nicht zu mir als Leserin passen. Wenn das Lesen keinen Spaß macht und ich auch keine neuen Einblicke gewinne, ist es nicht das richtige Buch für mich. Und angesichts der Mengen an Büchern, die es bereits gibt, und all der neuen Bücher, die jedes Jahr veröffentlicht werden, wird es noch wichtiger, eine Auswahl zu treffen.

Trotzdem habe ich mich drei Wochen durch ein Buch gequält, auf das ich mich nicht gefreut habe. Erkennt man leicht daran, dass ich erst zu gut der Hälfte durch war, als ich es heute morgen endlich von meinem Kindle gelöscht habe. Das Buch war nicht schlecht geschrieben und handelte auch von genau den Dingen, die im Klappentext erwähnt waren, aber der Funke sprang einfach nicht über.

Wenn ich jetzt daran denke, was ich in der Zeit alles Hübsches hätte lesen können … ich glaube, ich muss wieder rücksichtsloser vorgehen, was die Buch-Auswahl angeht.

Wie ist es bei euch – lest ihr alles aus, was ihr einmal angefangen habt? Wie viele Chancen gebt ihr einem neuen Buch? Und was macht ihr mit Büchern, die euch nicht gefallen, wenn ihr sie erst einmal zuhause habt?

Es hätt‘ so schön sein können! „Tödlicher Kohldampf“ – ein Gejammere

Manchmal wildere ich in fremden Genres. Wenn mich der Titel reizt oder der Klappentext, wenn ich eine Idee für witzig oder spannend halte, wenn die Gelegenheit günstig ist.

So eine Gelegenheit war – dachte ich wenigstens – als ich vor einigen Wochen „Tödlicher Kohldampf“ von Helga Bürster günstig bekommen konnte. Ein norddeutscher Krimi um Grünkohl, mit aktuellen politischen Themen und angeblich auch noch sehr witzig. Bitte her damit!

Und ich schwör, die Idee hätte grandios werden können. Leider bleiben viele Charaktere (vor allem, aber nicht nur der dichtende Polizist) durch die Bank hinter ihrem Potenzial zurück – mit anderen Worten: Sie verhalten sich dumm. Da werden Beweismittel weggeworfen, beschlagnahmte Geräte offen rumliegen gelassen, der Polizist kriegt wegen jeder weiblichen Person, mit der er redet, Hitze im Kragen, … – und keine einzige der weiblichen Figuren ist sympathisch. Bei einigen ist das offensichtlich gewollt, aber auch die „Heldin“ Moni wirkt mit ihren Stimmungsschwankungen und ihrer Eifersucht, sobald jemand ihren Mann auch nur anguckt (wenn er mit Handtuch um die Hüften durch die Gaststätte spaziert *augenrollgeräusch*), machen sie zu einer unangenehmen Person, mit der ich nicht Tee trinken wollen würde.

Hinzu kommt offensichtliches Unwissen der Autorin in Bezug auf einige Dinge, die man heutzutage eigentlich entweder weiß oder leicht rausbekommen sollte. Beispielsweise dass Smartphones üblicherweise mit einem Code o.ä. geschützt sind, wie man die Adresse eines eBay-Verkäufers herausbekommt, Dinge wie Fernzugriff und Cloudsicherung – hach, es ist rundum ärgerlich.

Eines muss man dem Buch allerdings zugute halten: Sprachlich ist es sehr schön. Allein wegen des Wortes „breegenklöterich“ (tüdelig) hat sich die Lektüre schon gelohnt. Damit schrammt es knapp, aber wirklich sehr, sehr knapp daran vorbei, reine Zeitverschwendung gewesen zu sein.

Viel-Lesen: Dicke Wälzer oder lieber Reihen?

Was ist euch lieber? Ein richtig, richtig, bandscheibenzerschmetternd dickes Buch – oder lieber eine lange Reihe an aufeinander aufbauenden Geschichten?

Ehrlich gesagt, kann ich keinem von beiden unvoreingenommen etwas abgewinnen. Natürlich lese ich gute dicke Bücher und gute lange Reihen, aber ich finde, die Nachteile überwiegen (wenigstens bei Papierbächern): Ein dickes Buch passt nicht in die Handtasche und kann nur schwer unterwegs gelesen werden. Und bei einer Reihe muss man mitunter lange warten, bis der nächste Band auftaucht.

Dafür haben Reihen den Vorteil, dass man beliebig oft an verschiedenen Stellen abbiegen und neue Nebenäste erkunden kann, wie in den „Scheibenwelt“-Romanen von Tery Pratchett natürlich. Und so ein richtig schönes, umfangreich gestaltetes, episch langes und schweres Werk, dass man nur am Tisch lesen kann, weil es einem sonst die Knie zerquetscht, an einem ruhigen Wochenende – das kann auch etwas Zauberhaftes haben. Meine Kopie von „Der Graf von Monte Christo“ ist ein Exemplar, ich habe es seit der Grundschule (meine Eltern waren verzweifelt und wollten ein Buch kaufen, dass mir die ganzen Sommerferien reicht). Die Seiten sind aus ganz dünnem Papier, winzig bedruckt, und trotzdem könnte man mit dem Exemplar einen Einbrecher niederschlagen. Deswegen hat man ja Bücher neben dem Bett – reiner Selbstschutz.

Wie steht ihr zu epischen Werken und Reihen?

Von Büchern und Filmen

Kennt ihr gelungene Buchverfilmungen?

Ich muss sagen … eher nicht.

Also, nicht dass alle Buchverfilmungen schlecht wären. Manche geben ordentliche Filme ab. Sogar gute, ab und zu. Aber in den meisten Fällen ist das Buch dem Film letztendlich doch überlegen. Weil man keine zeitliche Beschränkung hat – Papier ist geduldig – und weil man die Perspektive besser steuern kann, wenn man mag, weil das Innenleben der Figur deutlicher wird, wenn man will, weil man nicht auf das Budget für Special Effects achten muss …

Neulich las ich in einem Ratgeber, dass es ja viel einfacher sei, einen Roman zu schreiben, weil man mit hübschen Wörtern alles zukleistern könne, was nicht funktioniert, während bei einem Film das Publikum unmittelbar sehen könne, ob der Film gut ist oder nicht.

Dem kann ich natürlich nicht zustimmen. Oft ruht sich eine mittelmäßige oder sogar schlechte Story auf berühmten Schauspielern und teuren Special Effects aus. Oder die Schnitte sind so schnell hintereinander, dass man gar nicht mehr mitkriegt, was alles nicht funktionieren kann.

Und Bücher haben einen großen, fast schon gigantischen Vorteil: Keine Remakes. Natürlich werden Bücher von anderen Büchern (mehr oder weniger offen) inspiriert. Die Menge an Geschichten, die man erzählen kann, ist letztendlich begrenzt. Aber dieser Trend jeden halbwegs erfolgreichen Film alle fünf bis dreizehn Jahre mit einem Remake zu versehen, ist uns bei Romanen bislang größtenteils entgangen – zum Glück!

Gruselt es euch schon?

Falls nicht, habe ich zwei kleine Überraschungen für euch.

Zum einen gibt es „Allerseelenkinder“ als eBook für Kindle von heute an für ein paar Tage gratis. Das ist quasi umsonst. Nutzt die Gelegenheit!

Und zum anderen habe ich eine kleine, märchenhaft-magische Kurzgeschichte für euch. Dazu sei gesagt, dass ich oft und regemäßig über Märchenadaptationen schimpfe. Aber meine Muse lässt sich davon nicht stören. Die hört sowieso nicht auf mich. Ebenfalls als eBook für Kindle gibt es also ab sofort Hexerella, oder Der Gläserne Besen. Auf fröhliches Gruseln!

Über Montage und das harte Leben von Büchern

Ansicht der geschlossenen Seiten eines Buchs mit bräunlichen und orangefarbenen Flecken. Im Hintergrund unscharf gepunktete Beine und eine Tastatur.
Fachbuch mit einer leichten Linsenssuppennote.

Ich würde zu gern behaupten, dass das das erste meiner Bücher ist, das so aussieht. Es war in meiner Bürotasche, ich fuhr ein wenig schwungvoll um eine Kurve, die Tasche fiel, die Suppe suppte, und das ist das traurige Ergebnis.

Leider passiert mir das öfter. Nicht notwendigerweise mit Linsensuppe – ich bin frei in der Wahl meiner Mittel – aber die meisten Bücher, die ich regelmäßig mit mir schleppe, sehen schon entsprechend mitgenommen aus. Kaffeeflecken, Rillen im Rücken, umgeknickte Ecken, sogar … GASP … Eselsohren.

Natürlich nur meine eigenen Bücher. Bei geliehenen bin ich vorsichtiger.

Trotzdem ist das ein umstrittenes Thema, ich weiß. Aber für mich sind an Büchern nicht die Papierseiten oder der Umschlag das Wichtige, sondern die Geschichten.

(Nach der Apokalypse, wenn man Bücher nicht mehr so einfach bekommt, werde ich meine Ansicht natürlich sofort ändern und die Unversehrtheit jedes einzelnen Buches mit meinem Leben verteidigen.)

Jetzt also: Buch mit Linsensuppe.

Eigentlich sollte ich dich mögen. WARUM MAG ICH DICH NICHT???

Das frage ich mich oft bei Büchern, von denen ich erwartet hatte, sie zu mögen – vielleicht sogar zu lieben. Sie erfüllen auf den ersten Blick sämtliche Kriterien, die ein gutes Buch für mich ausmachen.

Der Klappentext klingt interessant.

Die erste Leseprobe ist spannend.

Es gibt keine sprachlichen Stolpersteine.

Thema und Setting interessieren mich.

Und trotzdem … springt der Funke einfach nicht über. 

Vielleicht ist es dann nur das falsche Buch zur falschen Zeit. Vielleicht habe ich zufällig erst vor kurzem ein Buch gelesen, das diesem zu ähnlich ist. Vielleicht kenne ich meine aktuellen Buchbedürfnisse nicht so gut, wie ich dachte. Vielleicht hat das Äußere des Buches falsche Erwartungen an das geweckt, was drinnen auf mich warten würde. Vielleicht bin ich wegen der Lobeshymnen aus dem Freundeskreis so gehyped, dass das Buch mich nur noch enttäuschen kann.

Einen exakten Titel nenne ich an dieser Stelle natürlich nicht. Dass ich ein Buch aktuell nicht mag, bedeutet ja nicht, dass es schlecht ist – oder dass ich es nicht doch noch in einem halben Jahr voller Begeisterung verschlinge. Zurück bleibt für den Moment immer nur ein Gefühl der Verwirrung. Was stimmt mit dir nicht, Buch? Und was stimmt mit mir nicht? 

Reisen durch Geschichten, Reisen mit Geschichten

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Bestimmt hatte ich euch schon von meinem Reise-Bücher-Trick erzählt: Wenn ich weiß, dass ich an einen bestimmten Ort reise, versuche ich, ein Buch zu finden, das an diesem Ort spielt. Das lese ich dann entweder kurz vor der Reise oder währenddessen.

Für Den Haag war das übrigens überraschend schwierig – ich habe kein einziges Buch gefunden, das vor Ort spielt. Dabei war ich nicht einmal genre-kritisch. Habe ich falsch gesucht? Oder ist diese wunderschöne, historisch interessante und politisch relevante Stadt in der Literatur einfach extrem unterrepräsentiert? Wir werden es vielleicht nie erfahren.

Aber für Island, Sizilien, Dublin, … hatte ich vorab immer schon das richtige Buch am Start.

Einige Freundinnen haben diesen Trick übrigens von mir übernommen und suchen sich vor dem Urlaub immer die lokal passende Lektüre aus. Das führt zum einen dazu, dass man ganz neue Autor*innen und Geschichten entdeckt – und zum anderen kann man vor Ort ganz anders in die Geschichte und in den Urlaub eintauchen.

In der aktuellen Situation hat sich noch ein anderer Vorteil ergeben: Wenn wir schon nicht reisen können, können wir mit Hilfe dieser Bücher beim Wieder-Lesen wenigstens auch die entsprechenden Urlaube noch einmal erleben. Und das ist doch auch etwas wert, findet ihr nicht?