Geschichte: Spalter

Neon

Foto von Drew Graham, gefunden auf Unsplash

In einer Welt, in der alles normiert ist, gibt es natürlich auch Regeln für die Abweichler. Darüber denkt Billy in seinem Versteck hinter der Neonreklame hoch über den Straßen nach, während er auf seine Chance wartet. Er kann nichts für sein Anderssein, doch daran hat die Gesellschaft sich noch nie gestört.

Alles ist hochgradig rational. Schon vor seiner Geburt kamen zwei Frauen in anthrazitfarbenen Kostümen und unterbreiteten seinen Eltern ein Angebot – gewisse … Vergünstigungen, falls sie sich umstimmen ließen. Von Frau zu Frau, ganz privat. Ihre Argumente klangen gut. Zwölf Milliarden Menschen auf der Welt, sogar nach all den Kriegen und Katastrophen. Es besteht nicht wirklich Bedarf. Die meisten Dinge laufen vollautomatisiert, und auch ohne die Freuden der Elternschaft kann man in den Sphären ein erfülltes Leben führen.

Billy wurde trotzdem geboren und im Rahmen des Angemessenen mit allem versorgt, was die Gesellschaft für einen wie ihn übrig hatte. Nahrung, Kleidung, Schule. Lektionen über die unhaltbaren Zustände vor dem großen Wandel, vor den Sphären und der globalen Verwaltung. Klügere Menschen als er hatten sich Gedanken gemacht – darüber, wie die Gesellschaft funktionieren könne, was der Mensch nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen für ein erfülltes Leben brauche, wie man all diese Massen ernähren und versorgen könne. Technischen Fortschritt gab es zu Hauf. Nur Leute wie Billy stören die Idylle.

Natürlich ist man viel weiter als im barbarischen zwanzigsten Jahrhundert. Problematische Subjekte werden nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Auf genetischen und soziokulturellen Analysen basierend werden ihre Bedürfnisse nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt. Und jeder weiß, dass man nicht diskriminieren darf.

Abweichler.

Freak.

Angespannt lauscht Billy auf die Geräusche der Sphäre. Die Kuppel summt leise, als der UV-Filter aktiviert wird. Das Licht bekommt eine andere Qualität. Das Neonschild erlischt. Ein unaufdringlicher Gong ruft die Frühschicht auf den Plan. Bald werden die Straßen so voll sein, dass er sich ohne Probleme bewegen kann. Er muss es nur bis zur Schleuse schaffen.

Es gibt speziellen Unterricht für Leute wie Billy. Sie sollen lernen, mit ihrem Anderssein, ihren genetischen Abweichungen umzugehen. Sein Talent ist selten, und die Gesellschaft ist sich der Probleme bewusst, die es mit sich bringt.

Billy ist ein Spalter. Er kann an mehreren Orten gleichzeitig sein. Das perfekte Alibi. Und natürlich gilt die Unschuldsvermutung, wo kämen wir sonst hin? Fachleute haben unzählige Szenarien entworfen. Er könnte mit Freunden zusammensitzen und gleichzeitig eine Bank ausrauben. Oder in einem Café vor einer Überwachungskamera sitzen, während er einen Mord begeht. Nicht einmal genetische Beweise würden zur Überführung reichen. Unschuldsvermutung.

Das eigentliche Problem der Gesellschaft lautet: Wer ist der echte Billy?

Billy kennt die Antwort, doch er hat nicht vor, sie zu verraten. Lautlos schlüpft er aus der Lücke hinter dem Neonschild und hangelt sich an der Feuertreppe entlang auf die Erde hinunter. In seinem verdreckten Overall sieht er aus wie ein Mitglied der Stadtreinigung auf dem Weg ins Quartier. Die städtischen Mitarbeitern wohnen in eigenen Vierteln am Rand der Sphäre. Von dort ist es nicht mehr weit. Und da die Mikrochip-Scanner in den frühen Morgenstunden ausgefallen sind (vielleicht ist es ein Zufall; vielleicht ist aber auch ein junger Mann im Schutz der Dunkelheit auf die Scannereinheit geklettert und hat Limonade in eine nicht korrekt abgedeckten Kühleinheit gegossen), können die Menschen innerhalb der Sphäre sich unbehelligt bewegen.

In früheren Zeiten hätten die Autoritäten bei so einer gravierenden Fehlfunktion direkt einen Alarm ausgelöst, doch das ist gar nicht nötig. Der Kriminalitätsindex ist über die Generationen stetig weiter gesunken, und die Überwachung findet mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit statt. Natürlich gibt es überall Kameras, aber die stören niemanden, und kaum einer von den Wachleuten schaut hin. Sonst hätte schon längst jemand die entsprechenden Einheiten darüber informiert, dass eine erfassungstechnisch relevante Person auf Videoaufzeichnungen in der Nähe des Bahnhofs gesehen wurde. Oder dass diese Person plötzlich zu verschwimmen schien, ehe sie sich in Luft auflöste.

Seit seinem sechzehnten Lebensjahr hat Billy heimlich geübt. Hat sich gespalten, Projektionen trainiert, experimentiert. Er weiß, dass die anderen Ichs sich verletzen und sterben können. Weiß auch, dass ihre Erfahrungen körperlich auf ihn zurückfallen – abgeschwächt, wie gefiltert. Sein Aktionsradius hat sich mit fortschreitendem Training erweitert. Es gibt keine Handbücher für seine Mutation, und die Wissenschaftler, die sich sein ganzes Leben lang mit seiner Familie zusammengesetzt haben, sind nicht am Verstehen interessiert. Sämtliche lebensfähigen Mutationen sind ausreichend untersucht und erfasst, und den Trägern der entsprechenden Gene wird nahegelegt, eine alternative Form der Familie zu gründen. Eine Patenschaft zu übernehmen oder ein Haustier zu halten. Zwölf Milliarden Menschen sind wirklich fast schon zu viel. Es gibt keinen zwingenden Grund, Kinder zu bekommen, und warum sollte man es ihnen unnötig schwer machen?

Aber Billy hat die Schnauze voll. Er hat die Quartiere der städtischen Mitarbeiter erreicht. Der Menschenstrom stadtauswärts ist ausgedünnt. Stattdessen kommen ihm immer mehr Leute entgegen. Leute in Overalls, wie er einen trägt – nur sauber. Jetzt kommt es darauf an. Wenn er die Hauptstraße verlässt und sich hinter den Wohneinheiten entlang drückt, kann er es zur Schleuse schaffen.

Er hat sie zufällig entdeckt – ein außer Betrieb genommenes Türensystem für die Wartungscrews, das nicht weiter beachtet wird. Wer sollte freiwillig die Sphäre verlassen? Draußen gibt es wilde Tiere, Strahlung, wahrscheinlich keine weiteren Überlebenden. Und wenn, dann sind es Freaks.

Wie er.

Es ist eine Chance.

Ein breiter, asphaltierter Streifen zieht sich innen an der Kuppel entlang einmal um die Sphäre. Den zu überqueren ist das größte Risiko. Überall gibt es Kameras. Billy hat sich das gut überlegt. Es ist nicht verboten, die Sphären zu verlassen. Nur auf das Öffnen der Barriere stehen harte Strafen. Wegen der Kontaminationsgefahr. Aber er muss sie ja nicht öffnen. Nur dicht genug herankommen. Sobald es eine winzige Öffnung gibt, kann er sich hindurchspalten. Niemand konnte ihm sagen, was ihn draußen erwartet.

In den Sphären ist es sicher. Jeder kriegt alles, was er braucht.

Die Scharniere an der alten Schleuse sind unter der Strahlung verwittert. Nicht viel – nur genug, um eine winzige Öffnung zu schaffen.

Seine Schulkameraden sind darüber informiert worden, was Billy für einer ist. Dass er sich weigert, die nötigen Bestrahlungen vornehmen zu lassen. Dass er einer von denen ist, die besonderes Verständnis brauchen, und die konstante Aufmerksamkeit der entsprechenden gesellschaftlichen Organe, um seinen Platz besser zu verstehen.

Um trotz allem ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein. Seine Mutation müsse kein Nachteil sein. Er dürfe sie nur nie einsetzen, dann könne er sein wie alle anderen. Sogar ein Karriereupgrade sei drin. Nur ein Vertrag, eine inoffizielle Abmachung, alles unter Verschluss. Schließlich könne er nichts dafür, wie er geboren sei.

Leider, so steht es in seiner Akte, war Billy nicht besonders kooperativ.

Jetzt muss es schnell gehen. Ungefragt schießen sämtliche Informationen über die Situation außerhalb der Sphären durch Billys Hirn. Ungeklärte Strahlungslevels. Schwere Kontamination. Wilde Tiere, über Generationen hinweg mutiert – Monster.

Die Barriere befindet sich direkt vor ihm. Das Summen ist hier lauter und dröhnt in seinen Knochen.

Er konzentriert sich, spürt die Trennung wie einen Schnitt durch die Mitte. Hört hinter sich das Surren des Elektrofahrzeugs auf dem Asphalt. Sieht für einen Moment doppelt.

Den nächsten Trick hat er nie jemandem gezeigt. Er verschiebt sich innerlich, durch den Spalt, und plötzlich schmeckt die Luft anders, während er gleichzeitig wie aus großer Ferne eine künstlich verstärkte Stimme hört: „Treten Sie sofort von der Barriere zurück!“

Psychologen zufolge sollte die Bewusstseinsverlagerung unmöglich sein. Billy hat es trotzdem geschafft. Er spürt den unebenen Boden unter den Füßen, das trockene Unkraut reicht ihm bis zur Hüfte. Er geht in Deckung. Der andere Billy ist wie eine entfernte Erinnerung an der Rückseite seines Schädels. Er kann ihn schwach spüren, wie er sich von der Barriere entfernt und direkt vor das Elektrofahrzeug tritt. Der Druck wird beinahe unerträglich, ehe er verschwindet, und Billy fühlt sich plötzlich allein.

Er könnte jederzeit auf dem gleichen Weg in die Sphäre zurückkehren.

Hinter dem getönten Glas beugen sich mehrere Personen über eine dunkle Form auf dem Boden.

Billys Herz rast.

Ein leichter Wind streicht über seinen schweißnassen Nacken.

Die Sonne schiebt sich über das Gebirge. Ihr Licht wird von der Sphärenkuppel reflektiert.

Die Baumkronen rauschen ein Willkommen.

Ohne zu zögern verschwindet Billy im Unterholz.

Sein Verschwinden macht die Gesellschaft ein bisschen normaler.

Kurze Zeit später wird seine Akte geschlossen.

Geschichte: Das Geheimnis im Hafen, oder: Warum man sich einer geheimen Zwergenschmiede nicht nähern sollte

Schmiede

Foto von Joni Gutierrez, gefunden auf Unsplash

„Und wenn ich es dir doch sage, dieser Job ist viel zu heiß!“ Marty knallte sein Shotglas auf den Tisch.

Sander schenkte ihm direkt nach. „Ach, hab dich doch nicht so!“

Empört kippte Marty den nächsten Schnaps. „Ich weiß noch genau, was bei deinem letzten Vorschlag passiert ist!“

Sander malte mit dem Zeigefinger winzige Kreise auf die klebrige Oberfläche des Tisches und versuchte, nicht zu grinsen. Marty hatte ohne Augenbrauen echt komisch ausgesehen. Aber es hatte ihm auch echt keiner gesagt, er solle seinen Kopf in das Fass stecken!

„Egal, wie lange du hier sitzt und grinst, ich mache nicht mit! Noch einen!“

Und da wusste Sander, dass er seinen Kumpel in der Tasche hatte.

Allerdings mussten sie auf Neumond warten. November wäre noch besser gewesen wegen des Nebels, aber soviel Zeit wollten sie sich nicht lassen. Das Risiko war zu hoch, dass sich an den Dingen, die Sander ausspioniert hatte, etwas änderte. Jetzt lauerten sie in einem Hauseingang darauf, dass die stündliche Polizeipatrouille gemütlich schwatzend an ihnen vorbeischlenderte.

Marty stöhnte. „Nimm deinen Ellbogen da weg!“

„Mach dich halt nicht so fett – und halt den Mund!“ Sander spähte um die Ecke. Das Kopfsteinpflaster lag verlassen vor ihnen. Über ihren Köpfen zischten die Gaslaternen. In den besseren Bezirken würden sie die ganze Nacht lang brennen – hier vielleicht noch fünfzehn Minuten. Das Land bereitete sich auf einen Krieg vor, da mussten alle Opfer bringen. Der Magistrat hatte verkünden lassen, wer sich zu so später Stunde noch in der Nähe des Hafens auf den Straßen herumtrieb, habe es nicht besser verdient. Die Polizeistreife diente auch weniger der Abschreckung, als dem zeitnahen Auffinden der Leichen. So konnten alle Papiere rechtzeitig vor Schichtwechsel ausgefüllt und abgeheftet werden. Schreckliche Dinge geschahen in der Dunkelheit.

Sander und Marty hatten keine Angst vor dem, was in der Dunkelheit passieren konnte. Sie WAREN das, was in der Dunkelheit passierte. Im kleinen Stil, zugegeben. Eine Geldbörse hier, dort ein Collier. Seit dem Tag, an dem sie zum ersten Mal gemeinsam die Schule geschwänzt hatten, hatten sie einander immer den Rücken freigehalten. Und das war schon mehr Jahre her, als Marty an seinen Fingern abzählen konnte. Als er in die Schlosserlehre gegangen war, hatte Sander sich im Hafen verdingt. Ab und zu trafen sie sich auf ein Bier. Dann kamen die Ideen. Schnelles Geld. Marty war mit den kleinen Jobs zufrieden, die dafür sorgten, dass wieder für eine Woche Brot, Käse und Gin im Haus waren. Sander hingegen hatte den Kopf voller Hirngespinste. Leider war er zu clever für sein eigenes Wohl, und nicht halb so clever, wie er für den großen Coup hätte sein müssen. Einmal hatte er versucht, der Elfenkönigin ein Haus zu verkaufen, das ihm gar nicht gehörte. Das war natürlich schiefgegangen. Seitdem trug er immer einen Hut. Aber vielleicht war das hier wirklich „das Ding“? Marty wartete auf das vereinbarte Handzeichen.

Sander schlich voran. Er hatte Sackleinen um seine Schuhe gewickelt, um möglichst wenig Geräusche zu verursachen, und deswegen rutschte er auf dem unebenen Pflaster immer wieder aus. Noch zwei Querstraßen, dann konnte er den Mist endlich abnehmen. Zwischen den Lagerhäusern konnten sie niemanden aufwecken. Dort würden sie dafür schnell sein müssen, damit sie nicht einer privaten Wache in die Arme liefen. Die Knüppel verstanden keinen Spaß. Als wäre das ihr eigener Tee in den Säcken hinter den Toren, und nicht der Reichtum irgendeines geizigen alten Sacks. Sander hatte den Job nach der Schule auch gemacht, für eine Weile. Hatte mit dem Gedanken gespielt, ehrlich zu werden. Dann hatte er überlegt, nur ein paar Tütchen Pfeffer verschwinden zu lassen. Das hatte seinem Boss nicht so gut gefallen. Seitdem hinkte er ein wenig, und seine rechte Schulter knackte, wenn es regnete.

Aber diesmal, das hatte er im Gefühl, waren sie endlich auf der richtigen Spur. Es hatte Wochen gedauert, alles auszukundschaften. Die Transporter, mit denen die Goldbarren von der Bank zum Hafen gebracht wurden, waren schwer bewacht. Jedoch verließ kein einziger Goldbarren die Stadt über den Fluss. Er hatte jeden bestochen, der ihm einen Blick in die Bücher gewähren konnte. Sie mussten noch irgendwo hier sein, und nach sorgfältiger Beobachtung wusste er auch, wo.

„Siehst du das Licht?“, flüsterte er und legte Marty eine Hand auf die Schulter, um seine Aufmerksamkeit zu lenken. „Da müssen wir hin.“

„Das gefällt mir nicht“, murrte Marty. „Wo sind die Wachen?“

„Beschwerst du dich gerade etwa, dass es zu einfach ist?“ Sander versetzte seinem Kumpel einen Stoß in die Rippen. „Sei lieber dankbar, dass die Geldsäcke so geizig sind!“ Wahrscheinlich dachten die, wenn niemand wusste, wo das Gold war, brauchten sie auch nicht darauf aufzupassen. Ver vermutete schon unendliche Reichtümer in einer verlassenen Lagerhalle? Sie hatten eben nicht mit einem findigen Burschen wie Sander gerechnet.

Marty rieb sich die schmerzenden Rippen und sparte sich seinen Kommentar. Klar, Sander hielt sich für den Größten. War er nur leider nicht. Weder hier noch zu Hause, wo seine Miss auf ihn wartete. Seine letzten zwei großen Pläne waren grandios ins Wasser gefallen – einer davon im wahrsten Sinne des Wortes. Marty war direkt dankbar gewesen, als die Flusspolizei sie an Land zog, ehe die Nixen sie erwischen konnten. Und da sie nie auch nur in die Nähe der königlichen Barke gekommen waren, hatte es nur ein paar Hiebe und Knüffe gegeben, ehe man sie hatte ziehen lassen. Danach hatte Marty erst einmal die Schnauze voll gehabt. Er war Sander aus dem Weg gegangen – bis der ihn dann in der Kneipe aufgespürt hatte, um ihm den Mund wässrig zu reden. Gold! Echtes Gold! Die kompletten Reserven der königlichen Bank! Wenn das stimmte – und Marty sagte nicht, dass er Sander glaubte, aber wenn es stimmte! – wären sie gemachte Männer. Für immer. Soviel würde er gar nicht trinken können. Vielleicht konnte er endlich bei seinen Eltern ausziehen! Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und folgte Sander über den Vorplatz zum Eingang der Lagerhalle, in der ihre Schätze gehütet wurden.

In der Nähe des Tores pressten sie sich an die Backsteinmauer und lauschten angestrengt. Aus dem Inneren drang kein Lebenszeichen.

Jetzt war Marty an der Reihe. Ein schweres Vorhängeschloss sicherte die Tür – seine Spezialität.

Sander wartete ungeduldig, während Marty das Schloss von allen Seiten begutachtete. Einmal hörte er seinen Freund sogar am Metall schnüffeln. Dann richtete er sich auf und seufzte. „Hättest du mir das nicht vorher sagen können?“

„Was denn?“

„Das ist magisch verstärktes Silber. Mit der Brechstange komme ich da nicht weiter, das repariert sich sofort von selbst.“

Mist, verfluchter! Sander spürte, wie sich der übliche Abgrund auftat, als ihm der Plan aus den Händen glitt. Nur für eine Sekunde, dann entdeckte er das Glitzern in Martys Augen. „Spuck’s schon aus, du hast doch einen Plan!“

Marty grinste. „Du hast Glück, dass du mich hast.“ Er griff in die Innentasche seines Mantels und zückte eine schmale Phiole. „Hab mir schon gedacht, dass sowas kommt. War heute morgen noch bei Wanda.“

Sander beugte sich vor und griff nach der Phiole. „Was ist das?“

„Pass auf!“ Marty riss sie aus seiner Reichweite. Mit äußerster Konzentration öffnete er das Gefäß und ließ ein wenig von dem beißend riechenden Staub auf das Schloss rieseln. Wenn er sich nicht irrte …

Es zischte. Der Qualm, der von dem Metall aufstieg, schien von innen heraus zu leuchten.

Sander riss vor Staunen die Augen auf und vergaß zu flüstern. „Wie hast du das gemacht?“

„Halt den Mund!“, schimpfte Marty. Aber er verspürte Genugtuung. Es war schön, bewundert zu werden. „Feenflügelstaub. Der putzt alles weg. Und das Schloss braucht Mondlicht, um sich zu regenerieren.“

Sander hätte seinen Freund küssen können. „Du bist ein Genie!“

Marty lieh sich die Lappen, mit denen Sander vorhin noch seine Füße umwickelt hatten, und schützte damit seine Hände, ehe er das weiche Metall vorsichtig auseinanderzog. Als Sander danach greifen wollte, drehte er sich schnell beiseite. „Bist du verrückt? Das Zeug ist ätzend!“

„Aber es ist Silber!“

Marty verstand seinen Kumpel, er war selbst in Versuchung. Lieber den Spatz in der Hand und so. Vorsichtig legte er das Schloss neben der Backsteinmauer auf den Boden. Es zischte leise, als der Feenflügelstaub sich in das Kopfsteinpflaster fraß.

„Egal. Nach heute Nacht brauchen wir kein Silber mehr“, erklärte Sander, spuckte verächtlich aus und öffnete die Tür.

In der Lagerhalle war es warm und stickig.

Außerdem war sie leer.

Marty sah sich ungläubig um. War er etwa schon wieder auf eins von Sanders Hirngespinsten hereingefallen? Von wegen, alles voller Gold. Das Echo seiner Schritte auf dem blanken Boden verriet ihm, dass sich nicht einmal in den finstersten Ecken der Halle Kisten oder Säcke befanden. „Na toll, wo ist deine reiche Beute?“

„Halt die Fresse!“ Mit großen Schritten durchquerte Sander den leeren Raum. „Das hier ist doch nur Tarnung!“ Er machte sich in den Schatten zu schaffen, und kurz darauf klaffte ein Stück Boden auf. Rötlicher Lichtschein drang zu ihnen herauf. „Hier unten findet die Magie statt!“ Und ohne auf seinen Freund zu warten, kletterte er in die Tiefe hinab.

Marty folgte ihm, so schnell es ging. Wer war denn so verrückt und legte im Hafenviertel einen Keller an? Spätestens bei der nächsten Schneeschmelze stünde hier alles unter Wasser. Allmählich glaubte er Sander. Jemand, der etwas so Absurdes tat, musste einen großen Plan haben. Seine Jacke ließ er am oberen Ende der Treppe zurück. Vor Aufregung wurde ihm richtig warm.

Die Luft im Schacht war stickig und wurde mit jeder Leitersprosse, die sie nach unten kletterten, schlechter. Immerhin bewegte sie sich – in gleichmäßigen Windstößen, die nichts Natürliches an sich hatten.

„Riechst du das?“, flüsterte Sander.

Marty schnupperte. Ein Hauch von Brackwasser lag in der Luft. Außerdem Rauch und Staub und … etwas Metallisches? „Jetzt sag schon, was ist hier los?“

„Bist du etwa immer noch nicht draufgekommen?“ Manchmal konnte Sander selbst nicht glauben, wie schwer von Begriff Marty war. „Sie haben eine Zwergenschmiede eingerichtet.“

„Eine Zwergenschmiede? Warum?“

„Ist doch egal. Zwerge bedeuten Gold, und wenn das Gold nicht den Hafen verlassen hat, muss es noch hier unten sein!“ Schließlich hätte er es bei seinen ausdauernden Beobachtungen bemerken müssen, wenn sie das Gold in die Bank zurück transportiert hätten. Außerdem hatte er sich gründlich in den Hafenkneipen umgesehen – kein einziger Zwerg weit und breit. Und jeder wusste, dass Zwerge Bier aufsaugten wie Spülschwämme schmutziges Wasser. Außer wenn sie an einer großen Sache arbeiteten. Zwergenmagie konnte nur nüchtern gewirkt werden. Deswegen war sie auch so selten.

Der Gang, in dem sie standen, war weder besonders hoch noch besonders lang. Die Wände bestanden aus festgeklopfter Erde, die in regelmäßigen Abständen mit dicken Holzbohlen abgestützt wurde. Der Fußboden war von schweren Stiefeln festgetreten worden. Die Spuren führten von der Leiter, an der Sander und Marty standen, zu einer Abzweigung. Immer noch war niemand zu sehen. Trotzdem zog Sander vorsichtshalber sein Messer aus der Tasche, ehe er weiterschlich.

An der Abzweigung hielten sie sich rechts und standen gleich darauf in einer Halle, die nicht besonders hoch, aber dafür sowohl lang als auch breit war. Geistesgegenwärtig ging Sander hinter einem Stapel gelber Ziegel in Deckung und riss seinen Kumpel mit sich.

Marty staunte. Das waren Goldbarren! Echtes Gold! Sander hatte nicht gesponnen! Er streckte die Hand aus – und wurde heftig zurückgerissen.

„Spinnst du?“, zischte Sander. „Wenn du den Haufen zum Einstürzen bringst, kommen wir hier nie lebend raus!“ Er wartete, bis sein Kumpel verschüchtert genickt hatte, und reckte dann den Hals, um über ihr Versteck hinweg ausreichend sehen zu können.

Die Halle glühte, und die Luft war zum Schneiden dick. Ein halbes Dutzend stämmiger Gestalten war damit beschäftigt, die Goldbarren in großen Tiegeln zu schmelzen. Buschige Bärte ragten unter schützenden Masken hervor, die mit glitzernden Sprenkeln überzogen waren. Auch die Schürzen und Handschuhe der Zwerge glänzten. Alleine die Arbeitskleidung musste ein Vermögen wert sein, wenn man das Gold auswaschen konnte. Sander schlüpfte aus seinem schweren Mantel, um sich besser bewegen zu können. Das Hemd darunter hatte schon bessere Zeiten gesehen. Jetzt klebte es ihm am Rücken wie eine lästige Geliebte. Er zwang sich, nicht an den Reichtum zu denken, der direkt vor ihnen aufgetürmt lag. Natürlich könnten sie sich jeder ein paar Goldbarren schnappen und versuchen, unentdeckt zu entkommen. Sie könnten sogar beim nächsten Neumond wiederkommen und den Spaß wiederholen. Aber sie waren gar nicht wegen des Goldes hier, sondern wegen des Projektes, für das die Bänker und der Magistrat all das Gold brauchten.

Schon lange wurde gemunkelt, dass der Hohe Rat jenseits des grünen Meeres ein Auge auf die Bodenschätze des Königreichs geworfen hatte. Ein Krieg stand bevor. Der Hohe Rat befehligte mehr Schiffe, als das Königreich je aufbringen konnte, und die fremde Armee war dreimal so groß wie die Streitkräfte unter Befehl des Magistrats. Sie würden ein Wunder brauchen, um diesen Krieg zu gewinnen.

Sander hatte in der Schule nie besonders aufgepasst – außer, wenn es um Geschichte ging. Also erinnerte er sich noch genau an die Legenden darüber, wie die vergangenen Könige ihre Schlachten gewonnen hatten. Auch sie hatten vom Gold profitiert, das man in den Bergen im Norden finden konnte.

Er tippte Marty auf die Schulter und bedeutete ihm, mitzukommen. Der gehorchte mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf die Goldbarren.

Zurück zur Abzweigung, und weiter geradeaus. Die Luft wurde frischer. Von irgendwoher musste der Sauerstoff für die Schmiede schließlich kommen. Sander passte auf, dass er nicht über die tiefen Radspuren stolperte, die sich in den Boden gegraben hatten. Direkt vor ihnen gab es einen Durchbruch auf der rechten Seite.

Hinter ihnen erklangen schwere Schritte.

Keine Zeit! Sander gestikulierte Marty, sich zu beeilen, und huschte in den Raum. Er duckte sich zur Seite, stolperte und kam mit einem dumpfen Stöhnen dicht an der Wand zu liegen. Direkt neben ihnen ging es in die Tiefe.

Wer auch immer diese Höhlen gegraben hatte, hatte sich gut überlegt, was er tat. Stufen wie für Riesen führten immer weiter hinab. Als Marty und Sander vorsichtig über den Rand lugten, sahen sie zwei gedrungene Gestalten mit einem Kübel zwischen sich vorsichtig von einer Stufe zur nächsten hinabklettern. Sie stellten den Kübel immer am Rand der Stufe ab, ließen sich auf die nächste hinab und hoben ihre flüssige Fracht dann ebenfalls hinunter. Schließlich schütteten sie in einen gigantischen Trog am Fuß der Stufen.

Dort warteten die Drachen darauf, gefüttert zu werden.

Sander hielt den Atem an. Kriegsdrachen, um gegen den Hohen Rat und seine Armee zu kämpfen. Mit Drachen konnte man gigantische Flotten in Windeseile zerstören. Nur musste man diese Drachen erst haben. Und man brauchte große Mengen Gold, um sie aufzuziehen. So wie diese hier. Er zählte drei Kleine, die auf einem Berg aus Geröll herumkletterten, und mindestens ein halbes Dutzend Eier. Sie schienen von innen heraus zu leuchten. Wenn er es schaffte, eines davon hier herauszuschmuggeln und zu verkaufen … sie würden sich nie wieder Sorgen machen müssen.

Marty hatte die Szene ebenfalls beobachtet, war aber zu anderen Schlüssen gekommen. Kaum hatten die Zwerge die Höhle verlassen, sprang er die gigantischen Stufen hinunter und griff nach einem der bereitstehenden Kübel.

Leider trug er, im Gegensatz zu den Zwergen, keine dicken Handschuhe, und der Kübel war noch heiß.

Kaum hatten seine Finger die Oberfläche des Kruges berührt, da hörte Sander es auch schon zischen. Er sah, wie sein Kumpel das Gesicht verzog, und wusste, was als nächstes kommen würde.

Sie durften unter keinen Umständen hier entdeckt werden.

Er traf eine Entscheidung, bevor die Moral sich zu Wort melden konnte. Mit einem kräftigen Tritt brachte er Marty zum Straucheln. Der ruderte wild mit den Armen und verschwand mit dem Gesicht voran im Trog mit dem flüssigen Gold, ehe er schreien konnte.

Ein beißender Gestank breitete sich in der Höhle aus, und dichter Rauch nahm Sander die Sicht. Mach’s gut, alter Freund, dachte er und kletterte mit zusammengekniffenen Augen am Trog vorbei auf die unterste Ebene der Höhle. Die Drachenbabies schenkten ihm keine besondere Aufmerksamkeit. Kurz überlegte er, ob er eines davon mitnehmen könne. Sie wirkten jedoch nicht, als seien sie besonders kooperativ. Also schnappte er sich stattdessen zwei schädelgroße, leuchtende Eier und drehte sich Richtung Stufen, um sich aus der Höhle zu schleichen.

Leider schwebte zwischen ihm und dem rettenden Ausgang ein gigantischer, kupferfarbener Schädel in der Luft und versperrte ihm den Weg.

Heißer, metallisch riechender Atem fuhr Sander durchs Gesicht. Verdammt, der Geröllberg! Er hatte die Drachenmutter vergessen. Wie hypnotisiert starrte er in die gigantischen Augen, die wie geschmolzener Kupfer leuchteten. Zwei senkrecht geschlitzte Pupillen trieben auf den schimmernden Oberflächen. Ganz langsam legte er die beiden gestohlenen Dracheneier auf dem Boden ab und wich zurück. „Ganz ruhig. Ich tue deinen Babies ja nichts. Siehst du? Alles wie vorher.“ Gleichzeitig schalt er sich, dass so ein tumbes Tier ihn ohnehin nicht verstehen würde.

Oder vielleicht waren seine Beschwichtigungsversuche dem Drachen auch einfach egal. Er öffnete sein Maul. In den Tiefen sah Sander etwas pulsierend glühen. Es wurde schnell heller.

Sah ganz so aus, als sei dieser letzte Job wirklich zu heiß für ihn.

Geschichte: Der kleinste Traumschatten

Wasserfall

Foto von Simon Matzinger, gefunden auf Unsplash.

„Gute Nacht, Marie. Schlaf gut.“

Papas Gestalt verschwindet aus der Türöffnung. Der Spalt schließt sich. Die Geräusche aus dem Wohnzimmer werden leiser.

In deinem Zimmer ist es dunkel. Der Teppich bildet eine bodenlose Pfütze rund um dein Bett. Die Decke ist weich und warm und gerade so schwer, dass du dich gut unter ihr einkuscheln kannst. Am Fußende schnurrt Bartimäus der Kater, den die Erwachsenen nicht sehen können. Er klingt wie ein kleiner Motor, der dein Bett durch die Nacht surren lässt. Vor dem Fenster halten die Straßenlaternen Wacht. Ein Baum streckt seine Schattenfinger durch dein Fenster. Er zerrt einen Augenblick lang an deinen Vorhängen, und dann hebt er dich mitsamt Bett in die Höhe – so sanft, dass du es kaum spürst. Bartimäus‘ Schnurren wird lauter. Dein Bett vibriert ganz leicht. Gemeinsam schwebt ihr durch das Fenster, an Baum und Straßenlaterne hinaus und die Straße hinunter, wo die Traumschatten auf euch warten. Sie sind groß und klein, eckig und rund. Einige leuchten wie Glühwürmchen. Von anderen sieht man nur die Augen. Du winkst ihnen zum Gruß, und sie winken zurück.

Das Bett hält an und schwebt in der Luft. Du guckst dich um.

Der kleinste Traumschatten ist verschwunden. Sonst kommt er immer zur Begrüßung bis ganz dicht an dein Bett. Er ist sehr schüchtern und spricht noch nicht.

Die anderen Traumschatten führen einen komplizierten Tanz auf. Ihre Arme, Beine und Flügel weisen alle in die gleiche Richtung. Dorthin, wo der Himmel am dunkelsten ist.

Über euch zwinkern die Sterne. Das Bett macht einen gewaltigen Satz. Auf einmal sind die Dächer der Stadt weit unter euch, und dein Herz kribbelt ein bisschen vor Aufregung. Bartimäus kommt auf lautlosen Katzenpfoten vom Bettende heraufgetigert und reibt seinen dicken schwarzen Katzenkopf an deiner Wange. Seine gelben Augen leuchten in der Dunkelheit. „Wohin fliegen wir heute Nacht?“

Seine Worte sind auch nur ein Schnurren. Trotzdem verstehst du ihn. Die Nacht ist kalt, also streckst du nur deinen Arm unter der Bettdecke hervor und zeigst Richtung Osten. „Wir suchen den kleinsten Traumschatten.“

„Wie du befiehlst.“ Bartimäus war einmal ein Hexenkater, und manchmal bemerkt man das noch. Zum Beispiel, wenn er redet. Wie die Figuren aus den alten Märchenfilmen, mit den ausgebleichten Farben. Oma hat sie dich manchmal sehen lassen, wenn ihr zu Weihnachten zu Besuch wart. Dann gab es Kakao und frische Plätzchen, und niemand hat etwas gesagt, auch wenn du ganz dicht vor den Fernseher gerutscht bist.

Dieses Jahr wart ihr zum ersten Mal nicht bei Oma, und Mama hat über die Feiertage viel geweint. Damals hast du den kleinen Traumschatten zum ersten Mal gesehen.

Hoch über dem fliegenden Bett siehst du eine helle Gestalt, wie aus Wolken gemacht. Sie winkt dir zu und sieht dabei ein bisschen aus wie Oma. Ihr Arm zeigt Richtung Osten und wird dabei immer länger, bis sie sich in einen Pfeil verwandelt und davonsegelt.

Ihr fliegt weit und schnell, über Flüsse und Berge, doch der kleinste Traumschatten ist nirgends zu sehen. Schließlich trefft ihr auf die aufgehende Sonne. Sie steht noch tief über einem Wasserfall, der nirgends anzukommen scheint. Das Bett wird langsamer und hält an, und Bartimäus sitzt mit um die Pfoten gekringeltem Schwanz neben dir. Er ist sehr zufrieden mit sich selbst. Früher hat er nur Besen fliegen lassen. Aber dein Bett ist auch aus Holz, das ist ganz einfach. „Siehst du ihn?“

Aufmerksam schaust du auf den Wasserfall hinunter. Tatsächlich, dort treibt der kleinste Traumschatten auf einem riesigen Seerosenblatt direkt auf den Wasserfall zu. Es braucht nur einen Gedanken von dir, und das Bett saust lautlos durch die Luft. Die Wasseroberfläche kommt rasend schnell näher. Der kleinste Traumschatten ist schon dicht an der Kante. Das Wasser schäumt und sprudelt. Er sieht ängstlich aus. Als er dich sieht, streckt er die Hände aus.

Du beugst dich weit aus dem Bett, greifst nach seinem Arm und ziehst ihn zu dir herauf. Ihr umarmt einander. Er riecht nach Zimt und Schokolade.

Bartimäus beobachtet euch neugierig.

„Ich möchte nach Hause.“ Obwohl du ganz leise redest, ist deine Stimme über dem Geräusch des Wasser laut und deutlich zu hören.

Das Rauschen begleitet euch noch lange, während ihr Richtung Westen fliegt. Der kleinste Traumschatten hat sich dicht an dich gekuschelt. Er ist schon wieder richtig warm geworden. Wie ein Teddybär passt er genau in deinen Arm. Du schließt die Augen und riechst an seinem weichen Haar.

Der Abendstern ist euer Ziel. Er tanzt auf einem Bein genau über deinem Haus und zwinkert dir schon von Weitem zu. Du bist fast zu Hause. Aber vorher musst du noch den kleinsten Traumschatten bei seiner Familie absetzen. Er wird nur langsam wach und reibt sich die Augen. Aber als er seine Familie erkennt, springt er aus dem Bett, ohne sich noch einmal nach dir umzusehen. Die Freude unten auf der Straße ist riesengroß.

Bartimäus klettert über dich hinweg und rollt sich wieder am Fußende ein. Stumm fliegt ihr zum Haus zurück, sinkt durch das Hausdach und die Zimmerdecke zurück in dein Zimmer. Die Teppichpfütze trägt das Bett, als es durch die Decke sinkt. Die Luft ist angenehm warm. Du rollst dich noch ein bisschen mehr zusammen.

Vor dem Fenster tanzt der Baum mit den Traumschatten. Auch als du die Augen schließt, kannst du sie noch tanzen sehen. Sie winken dir zu.

Gute Nacht, Marie. Und vielen Dank.

Fürs Gruseln: Charybdis (Kurzgeschichte)

Grusel

Da ja die schönste aller gruseligen Jahreszeiten ist, habe ich hier eine kleine Gruselgeschichte für euch. Der Anstoß kam aus dem Nornennetz: Maximal 10.000 Zeichen, eine Szene, ausreichend Grusel. Die anderen Beiträge findet ihr hier. Ich hoffe, euch schaudert angemessen!

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Ein dumpfer Laut dröhnte durch den leeren Gang, als ob die Wellen einen toten Körper gegen die Außenhülle der Charybdis drückten. Giuseppe zuckte zusammen. Auch nach drei Monaten auf See hatte er sich nicht an die Geräusche gewöhnt, die man durch den metallenen Rumpf hörte, oder an die merkwürdig schlingernden Bewegungen des Schiffs. Besonders in der Nacht wirkte es, als lebten garstige Wesen in den Wänden. Egal, wo man sich befand, man hörte sogar die kleinste Bewegung der Crewmitglieder oder die Schreie der Fracht. Er schüttelte sich, um die verkrampften Schultern zu lockern. Dann sammelte er weiter die Rettungswesten auf, die von ihren Trägern beim Verlassen des Schiffs in der Eile achtlos verstreut worden waren.

Heute Nacht fuhren sie nicht hinaus, um die Schlauchboote abzufangen. Sie waren auf dem Weg ins Dock, denn die Charybdis brauchte dringend ein paar Reparaturen. Vor allem die Motorleistung musste unbedingt optimiert werden. Ahmed schimpfte seit Tagen, von ihm würden Wunder erwartet, mit nichts als einer verbeulten Ölkanne und einem schmierigen Mutternschlüssel. Und wenn dann eines der Militärschiffe, die seit Kurzem auf dem Mittelmeer patrouillierten, auftauche, lägen alle betend auf den Knien.

Also, keine Treibguttour. Giuseppe würde sich nicht beklagen. Die Arbeit auf der Charybdis war härter, als erwartet. Die Handreichungen für den Kapitän, der konstant italienische Schlager trällerte, die Aufgaben an Bord – und wenn sie dann auf ein Boot stießen … Giuseppe saß ganz vorne im Beiboot, um die Fracht zu begrüßen – weil er so gut Englisch sprach, hatte Amalia, die Reederin,  gesagt, und wegen seines gewinnenden Lächelns. Bei ihr war er sich nie sicher, ob sie scherzte oder nicht. Ihr Charakter war hässlich wie eine Kröte. Beispielsweise hatte sie bestimmt, dass Giuseppe nach der Übergabe der Fracht dafür verantwortlich wäre, die Schwimmwesten einzusammeln, bevor er die Laderäume mit dem Schlauch ausspritzte, seit sie wusste, dass er sich alleine unter Deck fürchtete. Zu seinem ängstlichen Protest hatte sie gelacht. Er sei eben das jüngste Crewmitglied, und jetzt solle er gefälligst tun, was sie ihm gesagt habe!

Etwas polterte an Deck. G gleich darauf brüllte jemand auf. Hier unten konnte Giuseppe die Wörter nicht verstehen. Wahrscheinlich waren Ahmed und der Kapitän sich in die Haare geraten. Der Streit endete abrupt. Nur das Radio auf der Brücke beschallte alle weiter mit den goldenen Hits der Sechziger.

Auf der letzten Tour hatten sie nur drei Frauen und sieben Kinder an Bord genommen. Als die Charybdis abdrehte, trug der Wind ihnen die Protestschreie der zurückgelassenen Männer in dem lecken Schlauchboot hinterher. Die Kinder waren zu erschöpft, um zu weinen, und die Frauen leisteten wenig Gegenwehr. Sie tranken das Wasser, legten die Rettungswesten ab und wickelten sich dankbar in die Wolldecken, die er ihnen brachte. Bald danach schliefen sie ein, denn die Crew hatte ihnen Beruhigungstabletten ins Wasser gemischt. Bis zur Übergabe würden sie keinen Ärger  machen. Nur einmal hatte eine sich geweigert, zu trinken. Sie hatte um sich geschlagen,  geschrien und gekratzt, als die Charybdis das Boot mit den Männern zwischen den Wellen zurückließ. Schließlich hatte der Kapitän genug gehabt und sie über Bord werfen lassen. Ihr Körper war zweimal gegen den Schiffsrumpf geprallt, ehe er unter dem im Meer treibenden Algenteppich verschwand. Es hatte geklungen, als werde eine riesige Glocke geschlagen. Das dumpfe Geräusch hatte Giuseppe tagelang bis in seine Träume verfolgt.

Wieder pochte es. Die Charybdis schien zu vibrieren. Giuseppe drehte den Kopf nach links und rechts, um die Anspannung zu vertreiben. Mit einer alten Leine band er die Rettungswesten zusammen. Dann steckte er sie in einen großen Sack.

Das Licht über seinem Kopf flackerte.

Wenn er doch nur endlich in seiner Koje läge! Und wenn doch schon morgen wäre! Solange die Charybdis im Dock lag, hätte er Landgang – Zeit, seine Familie zu besuchen. Er hatte seinem Neffen versprochen, mit ihm gemeinsam ein neues Bilderbuch auszusuchen. Natürlich müsste er erst mit seinem Roller die vierzig Kilometer ins Land fahren, und –

TONG!

Täuschte er sich, oder kam das Geräusch näher? Machten die anderen sich einen Spaß mit ihm? Na wartet, denen würde er es zeigen! Giuseppe schlich zur offenen Tür, horchte einen Moment. Dann sprang er hinaus in den Gang. „Hab ich euch erwischt!“

Aber der Flur war leer.

Verwirrt schob er den mit Zement gefüllten Eimer beiseite, der als Türstopper diente. Er stieg vorsichtig über die erhöhte Schwelle. Drei weitere Frachträume zweigten vom Mittelgang ab. Jeder war von außen verriegelt. Giuseppe wusste, dass es auf der anderen Seite keine Möglichkeiten gab, die Türen zu öffnen – er hatte die Hebel selbst abmontiert. Er schaute trotzdem nach. Die Räume waren leer. Hier unten konnte sich niemand verstecken. Es sei denn …

Natürlich. Entlang der Rohre wanderten die Geräusche leicht durch das ganze Schiff. Wahrscheinlich saß Ahmed im Maschinenraum, mit der Thermoskanne, in der er seinen Spezialtee aufbewahrte, und machte sich einen Spaß daraus, mit dem Mutternschlüssel gegen die Leitungen zu klopfen. Der hatte immer solche dämlichen Scherze parat. Was für ein Idiot!

Giuseppe kehrte in den ersten Frachtraum zurück und griff sich den Sack mit den Rettungswesten. Er ließ das Licht brennen und machte sich auf den Weg zur Leiter.

Die Charybdis war ein alter Kahn, fast schon schrottreif. Mit der Elektrizität stand es nicht zum Besten. Er würde Amalia bitten, dass sie ihre Leute auch da einen Blick drauf werfen ließe. Nicht, dass er Angst im Dunkeln hatte, aber sie wollten doch nicht riskieren, dass es zu einem Kurzschluss oder gar einem Brand käme!

Unter seinen Fingern blätterten Farbe und Rost ab, als er seine Hand auf die Leiter legte. Er kletterte die wenigen Sprossen hinauf und rüttelte an der Luke. Sie schien blockiert. Egal, wie sehr er drückte, sie hob sich nur um wenige Millimeter, bevor sie ihm wieder entgegensackte.

Irgendwo dröhnte ein Schlag gegen Metall. Das Schiff schlingerte.

Nach drei Versuchen war Giuseppe sich sicher – diese Arschlöcher hatten ihn eingesperrt! Er sprang von der Leiter und warf der Luke einen letzten hasserfüllten Blick zu, ehe er zum anderen Ende des Ganges joggte. Dort gab es eine kleine Nottür, die zum Maschinenraum führte. Sie sollte stets verschlossen bleiben, wegen Brandgefahr, und war gerade hoch genug, dass ein schlanker Mensch sich hindurchzwängen konnte. Wenn er erst auf der anderen Seite wäre, würde Ahmed etwas zu hören bekommen!

Ein weiterer Schlag auf Metall. Flackerndes Licht.

Giuseppes Herzschlag beschleunigte. Er bemühte sich, ruhig zu atmen. Wenn die Lampen für einen Moment erloschen, schienen die Schatten in seine Richtung zu kriechen. Etwas knarrte hinter ihm. Wurde die Luke von oben geöffnet? Im Laufen sah er über die Schulter zurück. In genau diesem Moment tauchte die Charybdis in ein Wellental. Der Schiffsboden sackte unter ihm weg. Er schlug der Länge nach hin. Der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen. Es fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Unter seinen Fingern knisterten feine Kristalle. Obwohl sie ständig putzten, blieb das ganze Schiff mit einer gräulichen Salzkruste bedeckt.

Der Gang lag in beide Richtungen leer und verlassen. Die Luke bewegte sich nicht. Direkt unter der Leiter schwang die Tür zum ersten Frachtraum quietschend in den Angeln.

Dort hatte sich dieser Bastard also versteckt. Giuseppe schluckte, holte tief Luft und machte einen Schritt Richtung Leiter.

Dann wollten seine Beine ihm nicht mehr gehorchen.

Es stank nach verrottenden Algen.

Irgendwo schlug erneut jemand – oder etwas – gegen Metall.

Vergessen war die Schockstarre. Giuseppe fühlte einen kalten Hauch im Nacken und hechtete durch die Tür des Frachtraums. Sein linker Fuß verhakte sich an der Türschwelle, und er landete erneut auf dem Boden. Diesmal schlug er mit dem Kinn auf, schmeckte Blut. Er hatte sich auf die Lippe gebissen. Schmerz schoss durch seinen Unterkiefer. Stöhnend stemmte er sich in die Höhe und sah sich um.

Die Lampe summte, knisterte. Es gab einen leisen Knall. Ein letztes Flackern .Dann Dunkelheit.

Giuseppe quietschte, schlug sich beide Hände vor den Mund. Es brannte, als Salzkrusten in seine aufgeplatzte Lippe gelangten. Seine Augen gewöhnten sich nur langsam an den schwachen Schein der Notbeleuchtung.  Der Algengestank wurde immer schlimmer.

Da war es wieder, das musste Ahmed sein, der auf das Heizungsrohr eindrosch, Guiseppe war sich ganz sicher! Giuseppe überwand seine Angst, machte einen Satz vor und drückte die schwere Tür ins Schloss. Das Echo hallte in seinen Ohren wider.

Schwer atmend wich Giuseppe zurück, bis sein Rücken die Außenwand des Frachtraums berührte. Direkt hinter ihm rauschte das Meer vorbei. Er konnte es leise flüstern hören. Die Charybdis hatte Fahrt aufgenommen. Ansonsten war es still – keine Musik mehr aus der Brücke, die sich direkt über ihm befinden musste, keine Gesprächsfetzen. Keine Schritte. Das Schiff war totenstill – wie ausgestorben.

Ein harter Schlag ließ die Tür vibrieren. Es klang, als werfe sich jemand mit seinem ganzen Körpergewicht gegen das Metall.

Giuseppes Herz raste, als wolle es explodieren. Er spürte seine Finger nicht mehr.

Noch ein Schlag.

Als die Tür sich öffnete, schrie Giuseppe. Er wünschte sich, er hätte diesen verfluchten Job niemals angenommen. Feuchte Wärme breitete sich in seinem Schritt aus.

Er schrie nicht lange.

 

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Das Kleingedruckte: Solche Gedanken kommen einem, wenn man sich mit Freunden einen Vortrag der Organisation Jugend Rettet e.V. anhört. Wusstet ihr, dass Flüchtlingsschlepper den Schlauchbooten die (lebensnotwendigen) Motoren abmontieren, sobald die Boote internationales Gewässer erreicht haben?

Kann man sich selber überraschen?

Man kann. Zumindest als Autor. Oder das ist wenigstens die Erfahrung, die ich gemacht habe. Erst heute morgen wieder. Oder vielmehr wurde ich überrascht von meinen Charakteren.

An Schreibwettbewerben teilzunehmen gehört zu meiner „Strategie“. Man könnte es auch als Fingerübung bezeichnen. Ich kriege die Gelegenheit, nach Vorgaben zu schreiben (Thema, Länge, Genre, Sprache, Abgabetermin) und bekomme im günstigsten Fall Feedback* für das, was ich geschrieben habe.

Regelmäßig passiert es mir dabei, dass ich mit einer bestimmten Idee an die Geschichte herangehe – und dann stellt es sich plötzlich heraus, dass meine Charaktere etwas ganz anderes im Sinn haben als das, was für sie geplant war. Bei Kurzgeschichten geschieht mir das häufiger, weil ich weniger Zeit mit ihnen verbringe – maximal eine Woche, oft nur wenige Stunden. Besonders freut mich, wenn sie nicht einfach demütig das Schicksal annehmen, das mein grausames Autorenhirn sich für sie überlegt hat. Nein, sie stehen einfach auf und tun das, was sie wollen. Und wenn ich klug bin, schaue ich ihnen dabei zu. Das sind am Ende die schönsten Geschichten.

 

* In seltenen Fällen gibt es auch materielles Feedback – das erste Geld, was ich mit einer Geschichte verdient habe, waren zwanzig kanadische Dollar, und wenn ich den Scheck eingelöst hätte, hätte ich noch draufzahlen müssen. Also steht er gerahmt in meinem Büro.