Autor*innen als Marke und Authentizität

In den letzten Tagen konnte ich am Rand einer interessanten Diskussion – oder wohl eher mehreren verschiedenen, sich miteinander verflechtenden und verknäuelenden Diskussionen – folgen. Es ging um „Autor*innen als Marke“ und ob man bei der Selbstvermarktung zwangsläufig an Authentizität verlieren müsse.

Jetzt habe ich in grauer Vorzeit auch ein wenig Soziologie studiert (nicht viel, nur im Neben-Nebenfach und mehr zum Vergnügen als für den Ruhm) und mache mir meine eigenen Gedanken.

Disclaimer: Wenn ich irgendwo als Autorin auftauche, egal ob in echt oder in digital, dann ist das, was ihr zu sehen/lesen kriegt, eine „Persona“ und nicht mein ungefiltertes, unterkoffeiniertes Privat-Ich.

Heißt das, dass ich euch konstant anlüge?

Natürlich nicht.

Dafür hätte ich gar nicht die Energie.

Ich betrachte es gerne als ein Professionalitäts-Level. So wie ich meinen Chef im Büro niemals begrüßen würde mit den Worten: „Yo, welcome back, du alter Sack!“, nicht einmal auf die liebevollste Weise, die man da draninterpretieren kann, und so, wie ich meine Bankfachfrau nicht zur Begrüßung high-fiven würde, so lege ich beim Auftauchen als Autorin eine Art selektiver Quasisemiprofessionalität an den Tag. In meinem konkreten Fall heißt das: Ich bin fröhlicher und agiere mild extrovertierter, ich rede nichts Schlechtes über meine Kolleg*innen und deren Bücher und ich verwende mild, minimal bereinigtes Fluchvokabular (räusper).

Auslöser der ganzen Diskussionen, von denen ich eingangs erzählte, waren übrigens SoMe-Auftritte nicht namentlich genannter Schreibender, die für sich selbst werben, indem sie andere Schreibende schlechtmachen. Und mal im Ernst, das geht mal gar nicht. Wie käme es euch vor, wenn der Bäcker auf der linken Straßenseite euch erzählte, dass der Bäcker am Markt in den Brötchenteig pinkelt? Sowas macht man nicht. Ich habe öffentlich diverse politische Meinungen und eine ganze Menge Fangirl-Crushes, aber ich lege großen Wert darauf, die Bücher anderer Schreibender nicht runterzumachen. Denn ich denke mir: Würde ein*e Autor*in, den*die ich online beobachte, so etwas machen, wäre die betreffende Person mir direkt unsympathisch.

Betreibe ich viel Arbeit mit der „Persona-Pflege“? Nö, eigentlich nicht. Letztendlich behalte ich nur manche Dinge für mich, die ich auch im Büro nicht einfach so herausposaunen würde. Große Schauspielleistungen oder Märchen würde ich nie durchhalten, das wäre viel zuviel Arbeit. Wenn ich euch Märchen erzählen will, packe ich sie zwischen Buchdeckel.

Umzüge, oder: Ein rollender Stein setzt kein Moos an

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Wenn ich Leuten erzähle, wie oft ich in meinem Leben schon umgezogen bin, sind sie meistens überrascht (eben nachrechnen … siebzehn Mal, so ungefähr). Wenn ich dann erzähle, dass viele dieser Umzüge innerhalb der gleichen Stadt stattfanden (sechsmal in einer Stadt, fünfmal in einer anderen), sind sie wieder ernüchtert. Das klingt jetzt nicht so aufregend, oder? Und auch sonst haben viele Umzüge innerhalb weniger Kilometer stattgefunden. Ich glaube, der Umzug ins Studentenwohnheim nach Bonn war mit fast exakt 200 Kilometern von unserer Haustür zur Wohnheimstür schon der geographisch größte.

Wie kommt so etwas zustande? Nun … Leute mit eher begrenzten finanziellen Mitteln können sich das vielleicht vorstellen: Man zieht dahin, wo es Arbeit gibt – und wo man sich die Miete leisten kann. Also ist meine Familie viele Jahre lang, grob gesagt, zwischen der niederländischen Grenze und Osnabrück herumgezogen.

Für uns Kinder bedeutete das: Viele Schulwechsel, wenige lang bestehende Freundschaften. Auch meine Eltern haben nur wenige Freundschaften, die Ortswechsel überlebt haben. Das hat Vor- und Nachteile gleichermaßen, schließlich bleibt so immer eine gewisse Distanz bestehen. Dank Internet ist das heute alles etwas einfacher, und ich habe tatsächlich einige wenige Brieffreundinnen, die mir seit langen Jahren erhalten geblieben sind.

Hier in Bonn bin ich während des Studium einige Male budgetgerecht umgezogen, dann mit dem Mann zusammen und zuletzt in eine andere Wohnung, als das Haus, in dem unsere erste gemeinsame Wohnung war, „modernisiert“ wurde (Styropor an die Außenwände kleben und die Miete um fast 50 % erhöhen … joah, kann man machen).

Der Mann ist gebürtiger Rheinländer, den kriegt man in diesem Leben hier wahrscheinlich auch nicht mehr weg. Sogar ein Stellenangebot auf einer exotischen Insel zu wirklich guten Konditionen hat er mal ausgeschlagen. Ja, ich wäre völlig selbstlos mitgegangen, ich gute Frau. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, wie das ist, wenn man sein ganzes Leben in einer Region zubringt – dort auf Schulfreunde trifft, die inzwischen in der Stadtverwaltung arbeiten, im Beruf frühere Erzieher trifft oder die Kinder von Freunden bei Handballspielen unterstützt, weil man früher im gleichen Verein gespielt hat.

Und noch etwas fehlt mir ein wenig: Das Wissen um Schleichwege und Tratsch. Das muss man sich als Zugezogene immer hart verdienen. Aber in solchen Sachen habe ich ja Übung. ^^

Die Autorin privat und im Klischee

Heutzutage ist es unglaublich leicht, jeden Unsinn, der einem spontan in den Kopf kommt, direkt zu veröffentlichen. Auf Facebook oder Twitter, im Blog oder sogar als eBook. Und so mancher Autor hat sich dabei auch schon hübsch in die Nesseln gesetzt. Da wird geschimpft, gejammert, beschuldigt oder offensichtliches Fehlverhalten mit fadenscheinigen Ausreden beschönigt. Und viele merken erst, wenn es zum ersten Mal Gegenwind gibt, dass diese Strategie vielleicht keine so gute ist.

Natürlich wollen wir als Autoren menschlich wirken, damit die Leser sich freuen, mit uns zu kommunizieren, und vielleicht sogar eine Bindung zu uns aufbauen. Dabei vergessen wir dann allerdings gegebenenfalls, dass die Autorin, die so grandiose Bücher schreibt wie unsere, in den Köpfen der Leser vielleicht gar keine leidenschaftliche rheinische Fleischfachverkäuferin ist (oder Übersetzerin mit widerspenstiger Frisur und nicht zusammenpassenden Klamotten, auf denen sie Kaffeeflecken sammelt), sondern ein feinsinniges Wesen mit Armstulpen und klassischer Musik im Hintergrund.

Ob ihr es glaubt oder nicht, auch ich differenziere minimal zwischen Privat-Diandra und Autorin-Diandra. Beispielsweise kennt Privat-Diandra Schimpfwörter, von denen Autorin-Diandra sich nicht einmal träumen ließe. Und sie benutzt sie auch recht großzügig. In mehreren Sprachen. Außerdem trägt sie für ihr Leben gerne pinkfarbene Jogginghosen, wenn sie nicht gerade im Büro ist, aber auch diesen Anblick mutet sie der Öffentlichkeit nur selten zu. Und politische oder gesellschaftliche Rants lässt sie nur im Notfall los. Sie – also ich, wenn man es genau nimmt – tja, ich finde eben, dass Politik und die großen Gesellschaftsfragen im Büro nichts zu suchen haben. Und als Autorin ist das Internet oft mein Büro. Eine besonders gute PR-Fachfrau bin ich nicht, doch ich bemühe mich schon ein wenig, Beruf und Vergnügen Politik und Vergnügen zu trennen. (Natürlich ist das Autorendasein Beruf und Vergnügen gleichzeitig. Was denkt ihr denn? Dass ich das für den Ruhm mache? Pah!)

Ganz oft sitze ich also als Autoren-Diandra an der Tastatur, will irgendwen mit dem WLAN-Kabel würgen oder so lange mit Buchstaben-Bauklötzen bewerfen, bis er etwas Kluges schreibt – und verkneife mir dann doch (fast) jeden bösen Kommentar, weil das nichts ist, das ich mit meinem Autoren-Dasein assoziiert wissen möchte.

Und falls ich also doch mal etwas schreibe, was euch übel aufstößt, tröstet euch einfach damit, dass die analoge Version wahrscheinlich viel schlimmer klang als das, was ihr lesen musstet. (Glaubt ihr nicht? Fragt die Kolleginnen. ^^ )