Interspirituelle Toleranz

In meinem Büro herrscht derzeit Ramadan. Das ist einerseits ganz praktisch, weil sich dadurch unsere Arbeitszeit verkürzt. Andererseits sind all meine muslimischen Kollegen tagsüber veritable Zombies. Gegessen und getrunken werden darf während Ramadan nämlich nur zwischen Sonnenunter- und -aufgang, und das ist gegenwärtig etwa zwischen 22:00h und 3:00h.

Wir Nicht-Muslime fasten natürlich nicht. Aber wir versuchen, unsere Kollegen so wenig Versuchungen und „Folter“ wie möglich auszusetzen. Alle treffen sich zur Mittags- oder gelegentlichen Teepause bei uns unten im Übersetzer-Zimmer, wo wir alle Vorräte gebunkert haben. Und die Tür bleibt zu, damit man nicht riecht, ob wir Kaffee kochen.

Ich bin ein großer Fan interspiritueller Toleranz. Natürlich in erster Linie aus Eigennutz – als Hexe gehöre ich sozusagen einer Minderheit an. Oder würde es, wenn wir uns jemals zu einer Minderheit organisieren könnten. (Die perfekte Mitgliederzahl eines Hexenzirkels ist Eins.) Für mich gilt: Jeder soll den Weg gehen, der für ihn am besten passt, solange er allen anderen das gleiche Recht zugesteht und niemand verletzt wird. Missionierung halte ich allerdings für extrem unhöflich, weil es in meinen Augen impliziert, dass der Missionierende seine Religion für grundsätzlich besser hält als die der anderen. (Was bei den großen monotheistischen Religionen ja irgendwie impliziert ist.)

Leider ist es während Ramadan so, dass auch die sonst mehr geerdeten Kollegen, wenn wir Pech haben, uns auf einmal händeringend davon vorschwärmen, wie toll doch Ramadan ist und dass wir das auch mal versuchen sollten, es sei eine großartige spirituelle Erfahrung, und überhaupt der Koran…

Neulich habe ich einer sehr netten Kollegin gegenüber freundlich abgelehnt mit Verweis darauf, dass ich es als heuchlerisch empfände, der Praxis einer anderen Religion zu folgen. Als sie dann jedoch nicht locker ließ, wurde es mir zu bunt. „Möchtest du nicht beim nächsten Vollmond nackt mit uns im Wald tanzen?“

Diesen Blick hättet ihr sehen sollen…

(Sie hat dann abgelehnt und ist gegangen.)

Interreligiöse Familientreffen

Heute wurde eine unserer zahlreichen Nichten getauft. Katholisch.

Wahrscheinlich wisst ihr schon, dass ich selber mit der Kirche nicht besonders viel am Hut habe und bereits vor Jahren ausgetreten bin. Ich hege keinerlei persönlichen Groll, es ist nur nicht der richtige Verein für mich. Also habe ich mich heute der Familie angeschlossen und lang genug zusammenzureißen, um niemandem peinlich zu sein*. Richard hingegen hat mit dem Pentagram, das er in seiner Freizeit eigentlich immer trägt, schon den einen oder anderen schrägen Blick geerntet. Da stehen wir natürlich drüber – solange das Weihwasser nicht Blasen wirft, wenn wir dran vorbeigehen, ist alles in Ordnung. ^^

Eine der Familien, in denen heute in dieser Gemeinde getauft wurde, stammt übrigens aus dem Irak. Deswegen wurde auch ein Teil des Gottesdienstes auf Arabisch und Aramäisch gehalten. Es hat mir sehr gefallen, dass der Priester dies möglich gemacht hat, denn ich denke, dass es dieser Familie schon wichtig war. Außerdem klingt Arabisch, ordentlich vorgelesen, unheimlich schön.

Und jetzt frage ich mich mal wieder, wie es wohl wird, wenn wir für unsere Kinder dereinst eine Segnung durchführen. Was dann die anderen sich wohl denken? ^^

 

 

* Als die Rede war von den Sünden der Kinder, für die Jesus gestorben sei, musste ich mir auf die Zunge beißen, um nicht zu fragen: „Und was sollen das bitte für Sünden sein? Goteslästerliche Windelbeschmutzung?“