Wie schnell kann/muss man schreiben?

Ich habe mich gerade über einen angeblichen Schreibratgeber geärgert. Ein US-amerikanischer Autor hat aufgelistet, wie viele Wörter er pro Tag schreibt, und sich gegen Ende indirekt darüber lustig gemacht, dass Leute, die länger als vielleicht 10 Tage für einen Roman brauchen, es als Autor*innen wohl nicht ernst meinen.

Im Ernst?

Bullshit.

Natürlich kann ich 500 Wörter in 10 Minuten schreiben. (In fragwürdiger Rechtschreibung. Aber wir bewerten nicht, wir zählen nur.)

Und natürlich könnte ich wahrscheinlich 10.000 Wörter an einem Tag schreiben.

Aber wären das gute Wörter?

Wäre das die bestmögliche Geschichte, die ich erzählen kann?

Und wer übernimmt all meine anderen Verpflichtungen, während ich diese 10.000 Wörter schreibe?

Vorab: Ich sage nicht, dass Leute, die schnell schreiben, automatisch schlechte Geschichten schreiben. Das keineswegs!

Jedoch sieht die Realität der meisten Schreibenden ein wenig anders aus.

Wir haben Leben. Zu meinem gehören neben dem Schreiben der Brotjob, der Haushalt und der Sport (und in anderen Jahren so etwas wie ein Sozialleben). Zum Schreiben bleibt mir an einem normalen Tag etwa eine Stunde.

Außerdem müssen wir manchmal über das zu Schreibende nachdenken. Oder es überarbeiten. Oder noch einmal ganz von vorn anfangen. Rein rechnerisch habe ich letztes Jahr unter anderem etwa 75.000 Wörter Kinderbuch geschrieben, unglücklicherweisewar das jedoch dreimal der Anfang des gleichen Buches, weil ich beim Schreiben neue Dinge über die Welt gelernt habe, die sich nicht durch einfaches Reparieren einfügen ließen. Normalerweise habe ich diese Schwierigkeiten nicht, aber es ist eine neue Welt UND ein neues Genre, das macht mich etwas schwerfälliger. Und das ist okay, schließlich lerne ich auch aus den nicht-veröffentlichten Dingen. Oder sagt ihr etwa: „Mensch, all diese Tonleitern, die die Cellistin zuhause privat geübt hat, das war mal wirklich Zeitverschwendung!“??

Für Autor*innen scheint die Erwartung zu sein, dass alles, was den Weg auf den Bildschirm resp. aufs Papier findet, auch veröffentlichbar ist. Und im Ernst, das ist doch Unsinn. Wer malt, stellt auch nicht jeden Farbklecks aus, den er*sie produziert.

Rein technisch ist es also durchaus möglich, einen Roman in zehn Tagen zu produzieren, und vielleicht mache ich das irgendwann dieses Jahr auch mal zum Vergnügen – mit Urlaub wird das wohl Essig, was meint ihr? – aber das ist eine Herausforderung für optimale Bedingungen und nicht die Grundlage von: „Wer langsamer schreibt, sitzt nur 15 Minuten pro Tag am Schreibtisch und meint es keineswegs ernst.“

Atmen und sich sammeln – aber bitte nicht zu oft!

Alle Schreibenden, die ich kenne, haben Lieblings-Körperfunktionen. Also Dinge, die sie ihre Charaktere immer, regelmäßig und deutlich im Text lesbar tun lassen. Atmen zum Beispiel. Es wäre überaus leichtsinnig, das Atmen einfach so abzustellen, aber dass ich es andauernd erwähne, geht mir schon selber auf den Zeiger (seufzte sie, hörbar ausatmend … denn sie atmete).

Was meine Charaktere sonst noch tun: Mit den Schultern zucken, oder auch mit den Achseln. Was doppelt ungünstig ist, denn ich bin mir nicht sicher, wie man das sprachlich richtig einsetzt. Ich mag es nur.

Andere Charaktere, denen ich begegnet bin, stemmen konstant die Hände in die Hüften oder stampfen immer auf wie Flamencotänzerinnen oder verschränken die Arme vor der Brust und bestimmt fallen mir gleich noch viel mehr Gesten auf, die so ein bisschen totgeritten sind.

Dabei ist Körpersprache eigentlich spannend. Und lästig, denn wir können sie nicht die ganze Zeit über zu einhundert Prozent kontrollieren. Deswegen fallen uns die Dinge auf, die wir kontrollieren können – wie bewusstes Atmen, Arme-Verschränken, Aufstampfen und so. Ich denke, ihr habt ein ungefähres Bild der Situation.

Wenn wir die Dinge beschreiben wollen, die Leuten nicht auffallen, die sie aber trotzdem verraten, müssen wir unsere Umgebung (und uns selbst) sehr genau beobachten. Wer knibbelt an seinen Nagelhäutchen? Was macht die beste Freundin, wenn sie sich über etwas ärgert? Wann ist Freundlichkeit nur vorgetäuscht und woran merkt man das?

Eine meiner nächsten großen Aufgaben, wenn es an die Überarbeitung geht, ist auf jeden Fall, die Leute nicht andauernd nur atmen zu lassen. Das wird ja langweilig.

Symbole in Geschichten

Geometrisches Muster in Flieder, Lachs und Dunkelrot, in der Mitte eine Türkise Fläche mit einer Neonleuchtschrift: "This must be the place".
Foto von Tim Mossholder, gefunden auf Unsplash

Wenn man überlegt, wie man seinen Geschichten gut Tiefe verleihen könne, stößt man in Ratgebern oder auch im Internet schnell auf einen bestimmten Tipp: Verwende Symbole.

Symbole sind Dinge, die etwas Bestimmtes anderes bedeuten. Schrift besteht aus Symbolen. Das Kreuz im Christentum (oder dieser eine Fisch) sind Symbole. Das Hakenkreuz ist ein Symbol.

Beim Schreiben sollte man vielleicht ein wenig subtiler vorgehen – keine Fische oder Halbmonde auf die Seiten drucken! (Wobei, warum eigentlich nicht … ? Na gut, Buchgestaltung ist ein anderes Thema.) Aber natürlich kann man in seine Geschichten bestimmte Symbole einbauen, die sich dem Leser beim genauen Hinlesen erschließen und der Geschichte zusätzliche Dimensionen verleihen.

Ich erinnere mich noch an meine Schulzeit (damals war alles schwarzweiß!), als wir im Englisch-Unterricht Kurzgeschichten schreiben sollten. Unser Lehrer hatte gewisse literarische Ideen und Ambitionen für uns, wir lasen und besprachen diverse Geschichten und analysierten sie auch, so gut Oberstufenschüler*innen das eben können. Und eine Freundin war sehr überfordert mit der Aufgabe, ihre eigene Geschichte zu schreiben – bis ihr im Unterricht gratuliert wurde dafür, wie schön sie den weißen Schnee als Symbol für Unschuld eingebaut habe. „Wow, ich hatte sogar ein Symbol!“

Jetzt ist es so, dass man als Autor*in eine gewisse Kontrolle über die eigenen Geschichten haben sollte. Man fällt idealerweise nicht zufällig von einem Handwerkstopf in den nächsten. Stattdessen überlegt man sich genau, was man wie sagen will, ob man etwas hier oder lieber erst da andeutet und wie subtil man charakterisieren kann, ohne den Leser komplett im Dunkeln tappen zu lassen.

Allerdings sollte man sich auch nicht der Angst vor der Literaturanalyse komplett ausliefern. Manchmal ist eine blaue Tür nur eine blaue Tür. Manchmal ist die Tür blau, weil das böse Hexen abhalten soll.

Und da kommen wir zu einem weiteren interessanten Punkt: Viele Symbole speisen sich aus der Kultur, in der wir aufgewachsen sind. Ist weiß die Farbe der Unschuld oder des Todes? Ist die Sonne gütig oder vernichtend? Geht von Wasser eine Bedrohung aus oder rettet es Leben? Sind Füchse schlau oder verschlagen? Woran erkennt man Hexen oder Dämonen?

Solcher Unsicherheiten wird man sich oft erst bewusst, wenn man Geschichten liest, die in anderen Kulturen spielen. Ist es wichtig, dass die Figuren in genau dieses Viertel in Tokio gehen? Wenn es heißt, die Hütte hat ein spitzes Dach, soll mir das etwas sagen? Einer guten Geschichte kann man oft auch folgen, ohne jedes Symbol und jede kulturelle Anspielung zu verstehen, aber der Genuss wächst mit dem Verständnis.

Wenn man eine Geschichte dann auch noch in einer phantastischen Welt spielen lässt, wird es noch ein wenig komplizierter. Denn Symbole entstehen aus der Kultur heraus, und wer sich eigene Religionen, Städte, Ständesysteme und Länder ausdenkt, kann dann natürlich nicht plötzlich Kirchtürme als Symbol für drohendes Unheil verwenden oder Weihnachtsbäume in die Häuser stellen. Für eine Seefahrergemeinde haben Möwen eine andere Bedeutung als für den Heiligen Kult der Autowäscher. Und ob eine schwarze Katze Pech bringt …

Und dann gibt es noch die Symbole, die nicht universell gelten, sondern für diese eine Geschichte oder diesen einen Charakter eine Bedeutung haben: Die Melodie des Schlaflieds, das die Großmutter immer gesungen hat, das Lieblingssandwich, das Schmuckstück der bösen Stiefmutter, ein bestimmter Edelstein, dieser unheimliche gelbe Vogel, …

Ihr seht, man kann sich viel den Kopf zerbrechen. Letztendlich sind Symbole aber nur das Sahnehäubchen. In erster Linie sollte man eine gute Geschichte schreiben.

Endgegner Klappentext

Seit mehr als zwei Jahren habe ich nichts Neues veröffentlicht.

Ist das überhaupt legal?

Darf man das als Selfpublisher_in?

Tja, verklagt mich doch. (Bitte, verklagt mich nicht. Gibt eh nix zu holen!)

Und während das magische Kinderbuch mich kräftig in den Poppes tritt – wer hätte gedacht, dass es so schwierig ist, über Puppen zu schreiben? – habe ich eine Sache ganz und gar nicht vermisst: Klappentexte.

Klappentexte sind, zusammen mit dem Exposé, der Endgegner für Schreibende. Und obwohl sie eigentlich komplett das Gegenteil voneinander sind, bereiten sie uns die gleiche Art Kopfzerbrechen. („Uns“ bezeichnet Schreibende generell – bis auf die wenigen Perversen, die sich gerne mit Klappentexten etc. befassen, denen sollte man nicht trauen.)

Ein Exposé zeigt alles. Auf wenigen Seiten soll die komplette Romanhandlung inklusive Ende verständlich dargestellt werden. Mit einem Exposé beweist man, dass man sein eigenes Buch verstanden hat. (Lacht nicht, mir sind bei den Puppen viele Dinge erst jetzt beim dritten Anlauf klargeworden.) Das Exposé ist eher schnörkellos und voller Informationen.

Ein Klappentext soll neugierig machen, darf also nicht zuviel verraten. Aber die wesentlichen Informationen sollen natürlich da sein: Erwartet mich etwas Lustiges? Spannendes? Romantisches? Blutrünstiges? Ein wenig wird der Klappentext dabei vom Cover unterstützt, aber die Worte leisten schon den Hauptteil der Arbeit. Sie zeigen nämlich auch schon, wenn man den Job gut gemacht hat, den Stil der Geschichte.

Immer wieder tauchen sogenannte „Erfolgsformeln“ für Klappentexte auf. Und mal unter uns: Die meisten davon erfüllen eben gerade das Minimum, damit man einen Klappentext als solchen erkennt. Einmal abgesehen davon, dass Lesende ja nicht kurzdenkig sind und solchen Tricks schnell auf die Schliche kommen. Wenn man also den eigenen Klappentext aus „Erfolg garantierenden“ Versatzstücken zusammenpuzzlet, tut man sich keinen großen Gefallen. Originalität ist gefragt – aber bitte auf maximal einer halben Normseite.

Und weil der Klappentext meistens darüber entscheiden hilft, ob jemand das Buch kauft oder nicht, bereitet er uns Schreibenden schlaflose (vielleicht gar hasenhirnige?) Nächte. Wir zeigen, fragen, zerpflücken, analysieren, bekritteln und tüfteln so lange, bis wir … nein, meistens nicht zufrieden sind, sondern uns um der lieben geistigen Gesundheit willen mit dem bestmöglichen Kompromiss zufriedengeben.

Eigentlich sollte man es ja anders herum machen: Erst schreiben wir den ultimativen Klappentext und dann den passenden Roman dazu. So schwer kann das ja nicht sein. (Hust. Abgang links.)

Buch- und altersübergreifende Beziehungen

Bei Kinderbüchern, habe ich gelernt, gibt es eine Faustregel: Das Alter der Hauptcharaktere sollte etwas höher sein als das der Zielgruppe – damit die Lesenden zu ihnen aufsehen können.

Jetzt, wo ich schon seit längerem an meinem Kinderbuch laboriere, bringt mich das in Schwierigkeiten. Ich weiß ungefähr, wie alt meine Protagonistin ist. Daraus ergib sich durch Subtraktion die Zielgruppe, wenigstens ungefähr. Aber in diesen Jahren entwickeln sich junge Menschen unglaublich schnell. Das, was meine Protagonistin sagt und tut, ist für das etwas jüngere Zielpublikum also eventuell gar nicht angemessen.

Dann denke ich an die Kinder-, Teenie-, Young-Adult- und New-Adult-Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Wenn es dort eine gefühlte Diskrepanz zwischen dem Alter und dem Verhalten gab, hat mich das gestört. Kinder und Jugendliche sind schließlich nicht einfach nur naivere Versionen von Erwachsenen, sondern komplette Menschen mit Ideen und Theorien und Erfahrungen und Beobachtungsgabe. Im echten Leben überraschen sie mich eher damit, wie klug sie sind und was für Rückschlüsse sie aus dem ziehen, was sie um sich herum beobachten.

Der eingangs genannten Faustregel zufolge bin ich aber ja gar nicht die Zielgruppe für diese Bücher (und das schon seit etlichen Jahren nicht mehr!). Wieviel zählt meine eigene Einschätzung also? Wie wahrscheinlich ist es, dass sowohl Zielgruppen-Mitglieder als auch erwachsene Lesende wie ich sich einem Charakter gleichermaßen verbunden fühlen können?

Ich persönlich mag es bei dieser Art von Büchern, wenn das Entdecken und Dazulernen noch einmal mit-erlebbar wird, wenn man daran erinnert wird, wie es ist, wenn man eben noch nicht (wenigstens gefühlt) alles gesehen hat. Jungen Charakteren verzeiht man auch eher, wenn sie nicht immer kaltschnäuzig und kalkulierend vorgehen, die Welt hat sie noch nicht abgehärtet.

Zugegeben, manchmal denke ich aus meiner Erwachsenenwarte auch: Meine Güte, was für eine vorwitzige Rotznase! Du gingest mir ja so sehr auf den Zeiger, wenn ich mit dir auskommen müsste! Gleichzeitig bin ich mir fast immer sicher, dass mein früheres, jüngeres Lese-Ich mit genau diesen Charakteren gerne befreundet gewesen wäre, und das versöhnt mich dann wieder ein bisschen.

Wie ist das bei euch? Lest ihr überhaupt noch Kinderbücher? Oder habt ihr alte Lieblinge, von denen ihr euch nicht trennen könnt? Überhaupt, haut ruhig mal ein paar Empfehlungen raus. ^^

Die Sache mit dem Spaßhirn und dem Nörgelhirn

Neulich fragte jemand auf Twitter, wie Leute beim Schreiben überhaupt Musik hören könnten und ob das nicht ablenken würde?

Bei mir – ja. Und das ist auch der Plan. Nicht nur mit Musik, an schlimmen Tagen mache ich mir auch den Fernseher an.

Das lenkt mein Nörgelhirn ab.

Das Nörgelhirn ist der größte Feind dieser Autorin. Es nörgelt nämlich in einer Tour. Das ist aber ein hässlicher Satz. Fällt dir nichts Besseres ein? Komm, diese Wendung hat JEDER schon gesehen. Da ist eine Wortwiederholung. WORTWIEDERHOLUNG! Deine Charaktere haben nicht soviel Glück beim Denken, oder? Ich sag euch, es macht keinen Spaß.

Das Spaßhirn hingegen, das für so lustige Dinge wie Schreiben zuständig ist, lässt sich vom Nörgelhirn leicht einschüchtern. Es ist sehr sensibel. Und wenn das Nörgelhirn loslegt, kann es sein, dass das Spaßhirn mich spontan im Stich lässt. Da hilft dann auch keine Schokolade mehr.

Glücklicherweise hat mein Nörgelhirn keine besonders große Aufmerksamkeitsspanne. Also kann ich es ablenken. Ich habe ganze Bücher geschrieben, während im Hintergrund eine Serie in Endlosschleife lief. Einzige Bedingung: Sie darf nicht in der Sprache sein, in der ich gerade arbeite. Dann schleichen sich nämlich Wörter, Sätze und Namen ins Manuskript, die dort nicht hingehören. Aber ich kann ohne weiteres auf Englisch „Gilmore Girls“ sehen/hören und gleichzeitig Mord und Totschlag schreiben. Oder mir „Scrubs“ auf Deutsch reindrücken, während ich mich selbst ins Englische übersetze.

Man muss ja nur wissen, wie man’s macht.

Ein Tag in Bereitschaft

Diesen Monat wurden unsere Büro-Abteilungen aufgeteilt, und jeweils die Hälfte bleibt für zwei Wochen „in Bereitschaft“ zuhause. Ich dachte mir, ich nehme eich mal durch so einen Tag mit.

Frühstück.
Dazu ein wenig Lektüre.
Danach wird bis Mittag an meinem Manuskript gearbeitet und geschrieben. Im Moment ohne Rechner, aus Gründen. Aber Papier macht auch Spaß.
Mittagessen – Reste von gestern. (In einem Wrap.)
Für mich ist kein Nickerchen drin, das habe ich an Kurt outgesourct.
Backvorbereitungen, damit ich nicht nur am Schreibtisch sitze.
Danach widme ich mich anderen Dingen, die lange liegengeblieben sind – wie diesem Zeichenkurs. Ich bin nicht besonders gut, aber es macht Spaß.
Noch eine kreative Herausforderung: Sprechtraining. Ich bin ja überzeugt, dass man fast alles aus Büchern lernen kann.
Bevor es dunkel wird, gehe ich noch eine Runde spazieren.
Kurz vor dem Feierabend gehen die Backvorbereitungen in die nächste Runde. Auch da gilt: Ich übe noch.

Sieht eigentlich gemütlich aus, oder? Manchmal häkle ich, anstatt zu zeichnen, oder nehme mir ein wenig Lesezeit oder erledige dringenden Papierkram. Den Haushalt mache ich nebenher – Bereitschaft ist kein Grund, jetzt zur „Miss Stepford 2020“ zu mutieren. ^^

Ein Gedicht!

Gedichte? Puh, nicht so meins. Mit wenigen Ausnahmen. „Die Made“ von Heinz Erhardt kann ich auswendig, und „Die Stadt“ von Thomas Storm mag ich auch. Aber oft wirken Gedichte auf mich eher prätenzios und gestelzt. Quasi überflüssig und redundant. (Und überflüssig und redundant. „Gilmore Girls“ lässt grüßen!)

Seit meiner Teenager-Zeit habe ich mich übrigens nicht mehr an Gedichten versucht, die Unterlagen aus der Zeit sind alle vernichtet – und das ist auch gut so. ^^

Habt ihr Lieblingsgedichte?

Endgegner Klappentext – für Autorinnen und Leser

Ich habe gerade überlegt, auf welche Bücher ich durch Klappentexte aufmerksam wurde, und spontan fallen mir zwei ein. Eins davon entpuppte sich als Fehlkauf, das andere nicht. Man soll eben nicht immer nur nach dem Äußeren gehen.

Der Flop war Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv, und natürlich werde ich euch den Klappentext nicht vorenthalten:

Madeleine „Max“ Maxwell wollte Archäologin werden, um Abenteuer zu erleben, unfassbare Entdeckungen zu machen und gelegentlich die Welt zu retten. Doch die Wirklichkeit holt sie ein: Archäologen verbringen ihre Zeit in Museen zwischen staubigen Büchern und noch staubigeren Fundstücken, die niemanden interessieren. Da erhält sie ein besonderes Jobangebot. Wenn sie die Zusatzausbildung übersteht – und die wenigsten tun das – wird sie Abenteuer erleben, die jene von Indiana Jones wie einen Sonntagsspaziergang aussehen lassen. Und wenn sie überlebt, wird sie wenigstens ein paar Mal die Welt retten …

Klingt eigentlich toll, oder? Aber im Ernst, ich habe es nicht ausgelesen. Was der Klappentext nämlich nicht widerspiegelt: Die Protagonistin ist unerträglich, die Frauendarstellung stereotyp und die Art, wie Probleme gelöst werden … na ja. Generell hat mich das Buch also nicht angesprochen, und da der Schreibstil auch nur mittelmäßig war – wie gesagt, ein Flop. (Falls jemand hier ist, der das Buch heiß und innig liebt: Geschmäcker sind verschieden und ich bin eine garstige alte Frau. Mach dir nichts draus. ^^ )

Das zweite habe ich gerade erst ausgelesen: A Wizard’s Guide to Defensive Baking. Auch hier zunächst der Klappentext:

Die vierzehnjährige Mona ist nicht wie die Zauberer, die die Stadt verteidigen sollen. Sie kann weder Blitze kontrollieren noch mit Wasser reden. Ihr magisches Haustier ist ein Sauerteigstarter und ihre Magie funktioniert nur mit Brot. Sie führt ein bequemes Leben in der Bäckerei ihrer Tante, wo sie Lebkuchenmänner tanzen lässt.

Monas Leben wird allerdings auf den Kopf gestellt, als sie auf dem Fußboden der Bäckerei eine Leiche findet. Ein Killer streift durch die Straßen von Monas Stadt, auf der Suche nach magisch Begabten, und offenbar ist Mona sein nächstes Opfer. Und in einer bedrängten Stadt, die plötzlich ohne Magier dasteht, ist der Killer möglicherweise Monas geringste Sorge …

(eigene Übersetzung)

Auch hier muss ich sagen, dass der Klappentext ein wenig irreführend ist – der Sauerteig spielt eine geringere Rolle, als man meinen sollte. Das Buch selbst hat mich allerdings wirklich umgehauen. (Falls hier jemand ist, der das Buch gar nicht mochte: Geschmäcker sind verschieden und ich brauchte dringend ein wenig Magie im Alltag. Mach dir nichts draus. ^^)

Schauen wir uns mal beide Klappentexte an – die sind nämlich erstaunlich gleich aufgebaut (und man beachte, beide Bücher haben auch vergleichbare Bewertungen auf Goodreads): Erst wird die Protagonistin kurz vorgestellt. Dann (und das ist üblicherweise der Punkt, an dem das Buch anfängt) ändert sich plötzlich alles. Die kommenden Probleme werden angedeutet und es endet mit den bedeutungsschwangeren drei Punkten …

Ist das die ultimative Erfolgsformel? Möglicherweise. Auf jeden Fall wird dieser Aufbau im Moment öfter verwendet. Ein anderer beliebter Aufbau beginnt mit einem Zitat und enthält mindestens eine Frage, die angeblich im Buch beantwortet wird. Dieses Muster ist allerdings jüngst so oft benutzt worden, dass viele Leute davon genervt sind.

Generell lässt sich sagen, dass Formeln für eine bestimmte Sorte Text immer schwierig sind. Je kürzer der Text, desto eher fallen sie auf. Und wenn dir jemand eine „Erfolgsformel“ oder ein „Geheimrezept“ verspricht, erhältst du höchstwahrscheinlich nur einen Hack, mit dem die ganze Arbeit, die man sich eigentlich machen sollte, abgekürzt werden soll. Ähnlich wie beim Kochen kommt da selten etwas Gutes bei rum.

Neulich bei Twitter haben wir das ganze übrigens ein wenig auf die Schippe genommen:

„Was wäre, wenn an dieser Stelle keine Frage stünde? Würden Sie das Buch dann noch kaufen? Diese und andere Fragen stellen sich Verleger und Autoren jeden Tag. Aber alles ändert sich, als eines Tages das Tor zu einer anderen Domension aufbricht, in der auf formelgetaktete Klappentexte die Todesstrafe steht. Werden Verleger und Autoren es gemeinsam schaffen, ihre Kreativität neu zu entdecken? Lesen Sie diesen epischen Fantasy-Erotik-Thriller mit leichten Grammatikübungen und bleiben Sie gespannt!“

Die ausschlaggebende Unterhaltung steht hier.

Als Autorin weine ich übrigens jedesmal, wenn ich einen Klappentext schreiben soll. Das ist schlimmer als ein Exposé. Der Klappentext soll nämlich alles enthalten: Er muss den Schreibstil zeigen, alle relevanten Informationen zum Buch enthalten, die richtige Zielgruppe ansprechen, darf nicht zuviel verraten, soll unterhaltsam UND informativ sein … kein Wunder, dass man da nach Formeln und Abkürzungen sucht. Im Ernst, wenig wird unter Schreibkolleg*innen soviel diskutiert und seziert wie Klappentexte. Würden wir den gleichen Aufwand in Romane stecken, hättet ihr sehr viel weniger, aber dafür sehr viel bessere Bücher. ^^

Eigentlich WILL ich gar nicht schimpfen

Aber es ist manchmal wirklich schwer.

Zum Beispiel heute morgen.

Ich trinke meinen Kaffee und scrolle ein wenig durch die SoMe-Seiten, und was sehe ich?

Buchwerbung.

Buchwerbung sollte etwas Schönes sein. Etwas Erfreuliches. Etwas Tolles.

Stattdessen stolpere ich über den Titel. Der enthält nämlich ein Wort, das ich mir in diesem Zusammenhang nicht ohne Weiteres erklären kann. Es ist aus der Sprache Afrikaans und bezeichnet ursprünglich eine kreisförmige Siedlung.

Direkt dazugesagt: Ich kenne das Buch nicht. Ich habe es nicht gelesen. Aber der Titel klingt nicht so, als ob dieses Wort das meint, was es meint.

Sofort bin ich abgelenkt: Ist das Absicht? Kennt die Autorin die ursprüngliche Wortbedeutung? Hat sie sich damit auseinandergesetzt? Spielt sie vielleicht sogar mit den verwirrten Lesern, die wie ich davorsitzen und sich fragen, was eine kreisförmige Siedlung mit Adligen und Göttern zu tun hat? Und warum hat das Ding bei ihr „Stufen“? Oder hat sie sich das Wort einfach ausgedacht – und gar nicht weiter geguckt, ob es das überhaupt schon irgendwo gibt?

Zugegeben, vielleicht tue ich ihr fett Unrecht. Aber ich bin Guten-Glaubens-Geschädigte, deswegen motze ich inzwischen präventiv. Zu oft habe ich gesehen, dass Schreibende, weil es eben auf den ersten Blick so unglaublich einfach ist, sich irgendwas auszudenken, die Feinarbeit vernachlässigen. Sie recherchieren nicht ordentlich. Sie vernachlässigen die Logik. Sie schludern mit Formulierungen. Und ehrlich, so etwas geht mir tierisch auf den Sack. Klar, es sind nur Bücher, aber trotzdem. Ich will ja auch keine Brötchen kaufen, in denen vielleicht Steinchen drin sind, oder Mäuseköttel.

Ein ähnlicher Motzreflex setzt bei mir übrigens auch immer direkt ein, wenn ich „Bad Boy Romance“ oder „Millionair Romance“ oder so andere „Ungesundes Beziehungsmuster Romance“ sehe. Für Außenstehende ist das bestimmt ganz lustig, als hätte man auf einen Knopf gedrückt.

Eure Pet Peeves, wenn es um Geschichten geht?

(Und natürlich: Sollte ich der Autorin Unrecht getan haben und sie eine voll sinnvolle Überlegung für die Wortwahl haben, weißt mich bitte darauf hin, damit ich Abbitte leisten kann.)