Ein Tag in Bereitschaft

Diesen Monat wurden unsere Büro-Abteilungen aufgeteilt, und jeweils die Hälfte bleibt für zwei Wochen „in Bereitschaft“ zuhause. Ich dachte mir, ich nehme eich mal durch so einen Tag mit.

Frühstück.
Dazu ein wenig Lektüre.
Danach wird bis Mittag an meinem Manuskript gearbeitet und geschrieben. Im Moment ohne Rechner, aus Gründen. Aber Papier macht auch Spaß.
Mittagessen – Reste von gestern. (In einem Wrap.)
Für mich ist kein Nickerchen drin, das habe ich an Kurt outgesourct.
Backvorbereitungen, damit ich nicht nur am Schreibtisch sitze.
Danach widme ich mich anderen Dingen, die lange liegengeblieben sind – wie diesem Zeichenkurs. Ich bin nicht besonders gut, aber es macht Spaß.
Noch eine kreative Herausforderung: Sprechtraining. Ich bin ja überzeugt, dass man fast alles aus Büchern lernen kann.
Bevor es dunkel wird, gehe ich noch eine Runde spazieren.
Kurz vor dem Feierabend gehen die Backvorbereitungen in die nächste Runde. Auch da gilt: Ich übe noch.

Sieht eigentlich gemütlich aus, oder? Manchmal häkle ich, anstatt zu zeichnen, oder nehme mir ein wenig Lesezeit oder erledige dringenden Papierkram. Den Haushalt mache ich nebenher – Bereitschaft ist kein Grund, jetzt zur „Miss Stepford 2020“ zu mutieren. ^^

Ein Gedicht!

Gedichte? Puh, nicht so meins. Mit wenigen Ausnahmen. „Die Made“ von Heinz Erhardt kann ich auswendig, und „Die Stadt“ von Thomas Storm mag ich auch. Aber oft wirken Gedichte auf mich eher prätenzios und gestelzt. Quasi überflüssig und redundant. (Und überflüssig und redundant. „Gilmore Girls“ lässt grüßen!)

Seit meiner Teenager-Zeit habe ich mich übrigens nicht mehr an Gedichten versucht, die Unterlagen aus der Zeit sind alle vernichtet – und das ist auch gut so. ^^

Habt ihr Lieblingsgedichte?

Endgegner Klappentext – für Autorinnen und Leser

Ich habe gerade überlegt, auf welche Bücher ich durch Klappentexte aufmerksam wurde, und spontan fallen mir zwei ein. Eins davon entpuppte sich als Fehlkauf, das andere nicht. Man soll eben nicht immer nur nach dem Äußeren gehen.

Der Flop war Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv, und natürlich werde ich euch den Klappentext nicht vorenthalten:

Madeleine „Max“ Maxwell wollte Archäologin werden, um Abenteuer zu erleben, unfassbare Entdeckungen zu machen und gelegentlich die Welt zu retten. Doch die Wirklichkeit holt sie ein: Archäologen verbringen ihre Zeit in Museen zwischen staubigen Büchern und noch staubigeren Fundstücken, die niemanden interessieren. Da erhält sie ein besonderes Jobangebot. Wenn sie die Zusatzausbildung übersteht – und die wenigsten tun das – wird sie Abenteuer erleben, die jene von Indiana Jones wie einen Sonntagsspaziergang aussehen lassen. Und wenn sie überlebt, wird sie wenigstens ein paar Mal die Welt retten …

Klingt eigentlich toll, oder? Aber im Ernst, ich habe es nicht ausgelesen. Was der Klappentext nämlich nicht widerspiegelt: Die Protagonistin ist unerträglich, die Frauendarstellung stereotyp und die Art, wie Probleme gelöst werden … na ja. Generell hat mich das Buch also nicht angesprochen, und da der Schreibstil auch nur mittelmäßig war – wie gesagt, ein Flop. (Falls jemand hier ist, der das Buch heiß und innig liebt: Geschmäcker sind verschieden und ich bin eine garstige alte Frau. Mach dir nichts draus. ^^ )

Das zweite habe ich gerade erst ausgelesen: A Wizard’s Guide to Defensive Baking. Auch hier zunächst der Klappentext:

Die vierzehnjährige Mona ist nicht wie die Zauberer, die die Stadt verteidigen sollen. Sie kann weder Blitze kontrollieren noch mit Wasser reden. Ihr magisches Haustier ist ein Sauerteigstarter und ihre Magie funktioniert nur mit Brot. Sie führt ein bequemes Leben in der Bäckerei ihrer Tante, wo sie Lebkuchenmänner tanzen lässt.

Monas Leben wird allerdings auf den Kopf gestellt, als sie auf dem Fußboden der Bäckerei eine Leiche findet. Ein Killer streift durch die Straßen von Monas Stadt, auf der Suche nach magisch Begabten, und offenbar ist Mona sein nächstes Opfer. Und in einer bedrängten Stadt, die plötzlich ohne Magier dasteht, ist der Killer möglicherweise Monas geringste Sorge …

(eigene Übersetzung)

Auch hier muss ich sagen, dass der Klappentext ein wenig irreführend ist – der Sauerteig spielt eine geringere Rolle, als man meinen sollte. Das Buch selbst hat mich allerdings wirklich umgehauen. (Falls hier jemand ist, der das Buch gar nicht mochte: Geschmäcker sind verschieden und ich brauchte dringend ein wenig Magie im Alltag. Mach dir nichts draus. ^^)

Schauen wir uns mal beide Klappentexte an – die sind nämlich erstaunlich gleich aufgebaut (und man beachte, beide Bücher haben auch vergleichbare Bewertungen auf Goodreads): Erst wird die Protagonistin kurz vorgestellt. Dann (und das ist üblicherweise der Punkt, an dem das Buch anfängt) ändert sich plötzlich alles. Die kommenden Probleme werden angedeutet und es endet mit den bedeutungsschwangeren drei Punkten …

Ist das die ultimative Erfolgsformel? Möglicherweise. Auf jeden Fall wird dieser Aufbau im Moment öfter verwendet. Ein anderer beliebter Aufbau beginnt mit einem Zitat und enthält mindestens eine Frage, die angeblich im Buch beantwortet wird. Dieses Muster ist allerdings jüngst so oft benutzt worden, dass viele Leute davon genervt sind.

Generell lässt sich sagen, dass Formeln für eine bestimmte Sorte Text immer schwierig sind. Je kürzer der Text, desto eher fallen sie auf. Und wenn dir jemand eine „Erfolgsformel“ oder ein „Geheimrezept“ verspricht, erhältst du höchstwahrscheinlich nur einen Hack, mit dem die ganze Arbeit, die man sich eigentlich machen sollte, abgekürzt werden soll. Ähnlich wie beim Kochen kommt da selten etwas Gutes bei rum.

Neulich bei Twitter haben wir das ganze übrigens ein wenig auf die Schippe genommen:

„Was wäre, wenn an dieser Stelle keine Frage stünde? Würden Sie das Buch dann noch kaufen? Diese und andere Fragen stellen sich Verleger und Autoren jeden Tag. Aber alles ändert sich, als eines Tages das Tor zu einer anderen Domension aufbricht, in der auf formelgetaktete Klappentexte die Todesstrafe steht. Werden Verleger und Autoren es gemeinsam schaffen, ihre Kreativität neu zu entdecken? Lesen Sie diesen epischen Fantasy-Erotik-Thriller mit leichten Grammatikübungen und bleiben Sie gespannt!“

Die ausschlaggebende Unterhaltung steht hier.

Als Autorin weine ich übrigens jedesmal, wenn ich einen Klappentext schreiben soll. Das ist schlimmer als ein Exposé. Der Klappentext soll nämlich alles enthalten: Er muss den Schreibstil zeigen, alle relevanten Informationen zum Buch enthalten, die richtige Zielgruppe ansprechen, darf nicht zuviel verraten, soll unterhaltsam UND informativ sein … kein Wunder, dass man da nach Formeln und Abkürzungen sucht. Im Ernst, wenig wird unter Schreibkolleg*innen soviel diskutiert und seziert wie Klappentexte. Würden wir den gleichen Aufwand in Romane stecken, hättet ihr sehr viel weniger, aber dafür sehr viel bessere Bücher. ^^

Eigentlich WILL ich gar nicht schimpfen

Aber es ist manchmal wirklich schwer.

Zum Beispiel heute morgen.

Ich trinke meinen Kaffee und scrolle ein wenig durch die SoMe-Seiten, und was sehe ich?

Buchwerbung.

Buchwerbung sollte etwas Schönes sein. Etwas Erfreuliches. Etwas Tolles.

Stattdessen stolpere ich über den Titel. Der enthält nämlich ein Wort, das ich mir in diesem Zusammenhang nicht ohne Weiteres erklären kann. Es ist aus der Sprache Afrikaans und bezeichnet ursprünglich eine kreisförmige Siedlung.

Direkt dazugesagt: Ich kenne das Buch nicht. Ich habe es nicht gelesen. Aber der Titel klingt nicht so, als ob dieses Wort das meint, was es meint.

Sofort bin ich abgelenkt: Ist das Absicht? Kennt die Autorin die ursprüngliche Wortbedeutung? Hat sie sich damit auseinandergesetzt? Spielt sie vielleicht sogar mit den verwirrten Lesern, die wie ich davorsitzen und sich fragen, was eine kreisförmige Siedlung mit Adligen und Göttern zu tun hat? Und warum hat das Ding bei ihr „Stufen“? Oder hat sie sich das Wort einfach ausgedacht – und gar nicht weiter geguckt, ob es das überhaupt schon irgendwo gibt?

Zugegeben, vielleicht tue ich ihr fett Unrecht. Aber ich bin Guten-Glaubens-Geschädigte, deswegen motze ich inzwischen präventiv. Zu oft habe ich gesehen, dass Schreibende, weil es eben auf den ersten Blick so unglaublich einfach ist, sich irgendwas auszudenken, die Feinarbeit vernachlässigen. Sie recherchieren nicht ordentlich. Sie vernachlässigen die Logik. Sie schludern mit Formulierungen. Und ehrlich, so etwas geht mir tierisch auf den Sack. Klar, es sind nur Bücher, aber trotzdem. Ich will ja auch keine Brötchen kaufen, in denen vielleicht Steinchen drin sind, oder Mäuseköttel.

Ein ähnlicher Motzreflex setzt bei mir übrigens auch immer direkt ein, wenn ich „Bad Boy Romance“ oder „Millionair Romance“ oder so andere „Ungesundes Beziehungsmuster Romance“ sehe. Für Außenstehende ist das bestimmt ganz lustig, als hätte man auf einen Knopf gedrückt.

Eure Pet Peeves, wenn es um Geschichten geht?

(Und natürlich: Sollte ich der Autorin Unrecht getan haben und sie eine voll sinnvolle Überlegung für die Wortwahl haben, weißt mich bitte darauf hin, damit ich Abbitte leisten kann.)

Brunnentiefen

Jeder Mensch hat in sich einen Brunnen.

An schwierigen Tagen stelle ich mir meinen Brunnen vor.

Er reicht weit in die Tiefe. Aus ihm schöpfe ich Energie, wenn der Alltag schwierig ist. Er erfrischt mich, wenn ich keine Kraft mehr habe.

Neulich kam etwas aus diesem Brunnen.

Es bewegte sich spinnengleich und dicht am Boden. Langes Haar verdeckte die Details. Seine Füße verwirbelten den Nebel.

Ich floh.

Seitdem habe ich mich noch nicht wieder in die Nähe des Brunnens getraut. Aber ich bin nicht allein.

Es kommt.

Blutbäder sind gut für die Haut

Das wusste schon die „Blutgräfin“ Elisabeth Báthory (nach der ich meine Elisaschneck benannt habe). Gerüchten zufolge badete sie regelmäßig im Blut schöner junger Frauen, um sich ihr jugendliches Aussehen zu bewahren. Dafür wurde sie im Jahr 1611 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Jetzt kann man dieses ungewöhnliche Hausmittel gutheißen oder nicht (Scherz! Natürlich heiße ich es NICHT gut, Leute als wandelnde Einweg-Lotionsspender zu verwenden!), die bildliche Vorstellung ist eher unappetitlich – der Geruch! Die Sauerei! Wie das klebt! Und wohin mit den ganzen leeren Jungfern?

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Auch beim Schreiben ergeben sich gelegentlich ähnliche Fragen, wenn es um Gewalt geht. Zeigen oder lieber nur andeuten? Wie explizit sollte man werden? Darf man sich blumiger Ausschmückungen bedienen? Ist das, was ich da schreibe, überhaupt realistisch möglich?

(Lustigerweise gelten die gleichen Fragen auch für Sexszenen.)

Manche Leser verprellt man mit expliziter Gewaltdarstellung. Andere haben weniger Probleme mit Gewalt, solange das Haustier überlebt. Und für noch andere wird es durch explizite Szenen erst so richtig spannend. Den einen „richtigen“ Weg gibt es also nicht.

Ein paar Dinge kann man aber bedenken:

  • Brauche ich die Gewalt für meine Geschichte? Manchmal passieren eben schlimme Dinge, und die können sogar plotrelevant sein. Dann ist es oft keine Lösung, sie auszublenden. Fies ins Detail gehen muss man natürlich trotzdem nicht. Früher wurden aufwändige Szenen im Theater beispielsweise oft nur indirekt durch Späher wiedergegeben (spontan fällt mir dazu „Götz von Berlichingen“ ein, da müsste das so gewesen sein). Anstatt das blutige Gemetzel also auf drei Seiten auszubreiten, könnt ihr auch einen Boten davon erzählen lassen.
  • Welches Alter haben meine Leser? Tendenziell sollte es immer weniger explizit sein, je jünger die Zielgruppe ist. Kinder wissen zwar auch schon, dass schlimme Dinge passieren können, aber für sie ist Gelesenes (oder Gesehenes) oft noch unmittelbarer real, also sollte man ihnen einige Dinge wenigstens auf dem Papier ersparen.
  • Wenn ihr euch nicht sicher seid, ob etwas so funktioniert, wie ihr meint, dass es funktionieren könnte, stellt es nach. Bitte nicht am lebenden Objekt, aber beispielsweise mit Actionfiguren oder Salzstreuern. So könnt ihr wenigstens herausfinden, wer wann wo ist und wie es ihm danach gehen könnte.
  • Und bleibt ein bisschen realistisch. Der unsportliche Nerd, der die Welt retten muss, wird sich mit größter Wahrscheinlichkeit NICHT durch kilometerlanges Herumhangeln vor der Sternenschlange retten. Ich habe es probiert. Ich habe Nerd-Ärmchen. Wenn mein Leben davon abhinge, irgendwohin zu hangeln, würde ich einfach gefressen. Isso.

Absurde Genremischungen – vielleicht gar nicht so absurd?

Was sind die absurdesten Genremischungen, die ihr euch vorstellen könnt?

Ein Geisterwestern?

Ein utopischer Roadmovie?

Eine kindertaugliche Dystopie?

Romantik-Horror mit Science-Fiction-Elementen und Einhörnern?

Solche Mixe können funktionieren, müssen es aber nicht. Man muss genau schauen, wie man die überwiegend ungeschriebenen Genreregeln auf plausible Art miteinander vermischt. Und man läuft natürlich Gefahr, Genrefans zu enttäuschen. Aber ich persönlich finde ja Buchbeschreibungen wie „Lesbische Totenbeschwörer erforschen ein Spukhaus im Weltall“ (eigene Übersetzung, Blurb zu Gideon the Ninth) sehr verlockend. Ja, das kann grandios schiefgehen. Aber wenn die Autorin ihr Handwerk versteht, dürfte das sehr, sehr grandios sein.

 

Auch imaginäre Freunde können streiten – fantastische Konflikte

Ja, Worldbuilding ist schwierig. Man muss sich alles ausdenken, und alles muss zueinander passen. Wie funktioniert öffentlicher Nahverkehr in einer Welt, in der Menschen auf Bäumen leben, weil der Boden mit säureproduzierenden Schlingpflanzen bedeckt ist und Riesenvögel jeden fressen, der den Kopf aus dem Blätterdach streckt? Was für Toiletten benutzen Meerleute? Passen meine Schimpfwörter zum Erleben meiner Charaktere?

Und es ist damit noch nicht getan. Denn auch imaginäre Welten sind nicht homogen. Es sei denn, natürlich, jeder Charakter lebt auf seinem eigenen kleinen Planeten wie in „Der kleine Prinz“. Wahrscheinlich gibt es unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichem Wissen, unterschiedlichen politischen Ansichten und sogar unterschiedlichen Religionen.

Gut, man muss nicht alles bis ins kleinste Detail ausarbeiten. Aber Konflikt ist der Treibstoff für die meisten guten Geschichten. Und wenn wir uns nicht einmal in der eigenen Familie auf das Salatdressing oder die Feierabendserie einigen können, wie kann es dann sein, dass in einer fantastischen Welt alle einer einzigen Religion anhängen oder alle den Herrscher gleichermaßen gut (oder böse) finden? Wäre es nicht viel realistischer – ja, der Begriff eignet sich auch für Fantasy – wenn beim Abendessen darüber diskutiert wird, dass der dreiköpfige Großfußkaiser nicht nur schlecht ist? Ich meine, er frisst zwar jede Woche drei weißhaarige Jungfrauen, aber immerhin hat er für kostenlosen Hyperloop-Transport gesorgt und das Schulwesen revolutioniert! Und einen schönen Bonus gibt es auch: Gewissenskonflikte.

Die Protagonistin KÖNNTE den korrupten Politiker bloßstellen, der sein Gehalt durch Sklavenhandel mit Praktikanten aufbessert, die dann in den Glühwurmmienen schuften müssen – aber ihr Bruder, dessen rechte Hand, wäre dann arbeitslos und könnte ebenfalls in Schwierigkeiten geraten.

Die beiden Geschwister KÖNNTEN verraten, dass ihre Stiefmutter Schuhe aus Menschenhaut trägt, aber dann würe ihr Vater wieder Single und sehr traurig.

Diese beiden Priester hier haben sich zusammengetan, um die Welt vor dem Untergang zu retten, können sich aber nicht einigen, ob der heilige Kristall tatsächlich göttlich oder nur ein göttliches Symbol ist. Ein falsches Wort, schon reden sie nicht mehr miteinander und der eine reitet in die Nacht hinaus, um sich zu betrinken. Soll doch der Symbolkasper die Welt alleine retten!

Machen wir es also ruhig etwas komplizierter.

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Du, es und ich – wer erzählt?

Die Erzählperspektive ist Gegenstand konstanter Diskussion. Welche ist die beste? Welche darf man keinesfalls verwenden?

Zunächst einmal: „Dürfen“ darf man als Autor*in alles. Aber können sollte man es schon. Es lohnt sich also, die Regeln zu lernen – vor allem, wenn man sie brechen will. Andererseits muss man auch nicht jeden Fehler selbst machen. Lieber aus den Fehlern anderer lernen und dafür superkreative neue eigene Fehler machen.

Vor nicht allzu langer Zeit las ich einen Artikel, in dem argumentiert wurde, viele Autoren würden „es“ ja „falsch“ machen – sie würden in der dritten Person erzählen, seien aber nicht dicht genug an der Person dran.

Nein, es gibt immer noch kein „falsch“. Wie dicht oder nicht dicht man an der Figur dran ist, bleibt jedem selbst überlassen … und es eröffnet viele tolle neue Möglichkeiten.

In älteren Büchern kann man oft miterleben, wie die Perspektive innerhalb weniger Absätze mehrfach wechselt. Erst ist man in einer Figur, dann wird ein Absatz in allwissender Perspektive (quasi „von oben draufguckend“) erzählt, dann gleitet man in die nächste Person. Heutzutage gilt das als eher verpönt – stattdessen wird empfohlen, wenigstens für komplette Textsegmente in einer Sichtweise zu bleiben. Ich persönlich finde beide Vorgehensweisen reizvoll. Wichtig ist für die schreibende Person vor allem, sich darüber bewusst zu sein, aus welcher Perspektive man gerade schreibt. Wenn man wirklich „in“ einem Charakter ist, wird man weniger Zeit darauf verschwenden, das Aussehen der Figur zu beschreiben, denn: Die Person weiß ja, wie sie aussieht. Als allwissender Erzähler hat man eine gewisse Distanz zu den Gefühlen der agierenden Personen, darf dafür aber auch verraten, was man will – Vorahnungen, Rückblenden, Dinge, die ein bestimmter Charakter noch nicht weiß, … (das erhöht die Spannung).

Manchmal ist es interessant, wie in alten Märchen aus der Sicht einer Figur zu erzählen und gleichzeitig eine gewisse Distanz zu wahren. Dann können die Leser sich selbst überlegen, wie die Figur sich wohl fühlt und was sie denkt.

Ebenfalls beliebt ist die Ich-Erzählerin. Gut, einige Leute halten das für ein „No Go“, aber einmal mehr: Alles ist erlaubt, solange es gut umgesetzt ist. Beim Ich-Erzähler kann man sich aussuchen, ob man „aus der Situation heraus“ erzählt oder ob man das Ganze im Rückblick erzählt, wie eine Geschichte am Lagerfeuer. Die erste Version kann mehr Tempo aufnehmen, die zweite erlaubt Anspielungen und Vorgriffe.

Eher selten sind Geschichten, die in der zweiten Person erzählen – also „du“ und „ihr“. Einmal durfte ich an so einer Ausschreibung teilnehmen, das war eine interessante Erfahrung. Leider gibt es nicht viele Situationen, in denen sich so eine Perspektive lohnt. Andererseits … wer ist gegen Schreibexperimente?

Am Wochenende habe ich übrigens Wasteland von Judith C. Vogt und Christian Vogt ausgelesen. Die Geschichte (sehr empfehlenswert, btw!) wird aus zwei verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt und setzt einen wichtigen Punkt exzellent um: Die verschiedenen Stimmen. Denn natürlich erzählen unterschiedliche Leute auf unterschiedliche Weise. Dies betrifft die Wortwahl, den roten Faden, das Tempo, die Wahrnehmung, … – und wenn man einen beliebigen Absatz aus dem Buch liest, erkennt man direkt, wer von beiden erzählt.

Wir fassen also zusammen: Ihr dürft zum Erzählen jede Perspektive einnehmen, die euch gefällt. Allerdings müsst ihr euch auch wirklich darüber im Klaren sein, was ihr aus der jeweiligen Perspektive sehen/wahrnehmen/wissen/erleben könnt.

Über-Arbeitet???

Die letzte Runde großer Textkorrekturen ist immer noch mal wieder erstaunlich arbeitsintensiv. Ich sitze hier mit drei Text- und Notizinstanzen: Dem angeblich endgültigen Text, einem Textfeld für Notizen zu Dingen, die ich im Verlauf der Geschichte noch ändern, verschieben, oder einfügen sollte, und dem offenen Manuskript, in dem ich kleinere Dinge direkt ändere.

Die Notizen aus dem Textfeld werden gelöscht, wenn sie abgearbeitet sind. Außerdem gibt es dort einige „nice to have“-Notizen: Details, die ich einfügen könnte, wenn ich den richtigen Platz dafür finde, und Hintergründe, die der Leser nicht unbedingt zu wissen braucht, die aber interessant sein könnten.

Und ich sammle Wörter oder Ausdrücke, die ich exzessiv verwendet habe. Diesmal sind es Dinge wie „ein wenig“ oder alles, was mit Ruhe zu tun hat: Sich beruhigen, sich ausruhen, … Solche Kleinigkeiten lassen sich mit der Suchfunktion im Manuskript leicht aufspüren und anpassen – wenn man sich ihrer bewusst ist.

Nach dieser Runde werde ich mal wieder davon überzeugt sein, dass ich das bestmögliche Manuskript vor mir liegen habe. Und wenn ich dann später draufgucke oder jemand anderes draufgucken lasse, gibt es wieder etliche Baustellen. Aber irgendwann muss man loslassen, nicht wahr?

Es ist ein bisschen, als würde man einen Fallschirm packen. Man will keine Fehler machen, denn das Ding soll einen tragen. Andererseits darf man auch nicht sein ganzes Leben damit verschwenden, seine Falttechnik zu perfektionieren. Irgendwann muss man springen und hoffen, dass es einen trägt. Und dann faltet man den nächsten Schirm.

person on parachute

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