Eine neue Geschichte ist wie ein neues Leben

Angeblich gibt es Autor*Innen, die auf Anhieb ihren ultimativen Text nennen können. Den Text, der all ihr „Schreib-Sein“ enthält. Ihr verwöhntes Lieblingskind, sozusagen.

Zu dieser Gruppe gehöre ich definitiv nicht.

Meine Lieblingsgeschichte ist IMMER diejenige, an der ich als nächstes arbeite. Jede neue Idee, für die ich noch keine Zeit habe, ist garantiert der tollste Text der Welt, die grandioseste Geschichte, die es je geben wird, und überhaupt ganz wunderbar.

Die Geschichte, die ich gerade fertig überarbeitet habe, kann ich garantiert nicht mehr sehen. (Und dann noch einen Durchgang!)

Das klingt jetzt ein wenig so, als seien meine fertigen Bücher so etwas wie verflossene fiktive Romanzen, aber so schlimm ist es nicht. Ich brauche nur ein wenig Abstand. Schließlich weiß ich ganz genau, was ich an jeder Geschichte so besonders fand, dass ich sie unbedingt schreiben musste. Ich kenne üblicherweise auch ihre Schwächen und ahne wenigstens, was ich falsch gemacht habe (schielt hinüber zu „Lilienschwester“, das wegen schreiberischer Ungeduld nie eine echte Chance hatte). Wenn ich also nach einer Weile meine eigenen Geschichten noch einmal lese, freue ich mich immer wieder über die gelungenen Momente, und über die weniger gelungenen verdrehe ich eben die Augen – wie eine Mutter angesichts der Eskapaden ihrer erwachsenen Kinder.

Ich weiß, es gibt Autor*Innen, die immer wieder ihre eigenen Geschichten überarbeiten und verbessern. Goethe war so einer, von dem habt ihr bestimmt schon gehört. Allerdings versuche ich, die Überarbeitungen auf ein Minimum zu reduzieren. Tippfehler ausbügeln, fiese Wortwiederholungen oder Fehlformulierungen entfernen. Viel mehr mache ich im Text nicht, auch wenn es möglich wäre. Denn alle Zeit, die ich auf diese Verbesserungen verwenden würde, würde mir für neue Geschichten fehlen.

Wahrscheinlich bin ich ein „Allem Anfang wohnt ein Zauber inne“-Junkie. Meine einzige Hoffnung auf bessere Geschichten sind langfristig wohl bessere erste Entwürfe, aber das kann noch einen Moment dauern. ^^

(Und falls es euch interessiert: Gerade jetzt bin ich verliebt in eine Geschichte, die Romantik und Dämonen enthält. Es wird episch!)