Wie schnell kann/muss man schreiben?

Ich habe mich gerade über einen angeblichen Schreibratgeber geärgert. Ein US-amerikanischer Autor hat aufgelistet, wie viele Wörter er pro Tag schreibt, und sich gegen Ende indirekt darüber lustig gemacht, dass Leute, die länger als vielleicht 10 Tage für einen Roman brauchen, es als Autor*innen wohl nicht ernst meinen.

Im Ernst?

Bullshit.

Natürlich kann ich 500 Wörter in 10 Minuten schreiben. (In fragwürdiger Rechtschreibung. Aber wir bewerten nicht, wir zählen nur.)

Und natürlich könnte ich wahrscheinlich 10.000 Wörter an einem Tag schreiben.

Aber wären das gute Wörter?

Wäre das die bestmögliche Geschichte, die ich erzählen kann?

Und wer übernimmt all meine anderen Verpflichtungen, während ich diese 10.000 Wörter schreibe?

Vorab: Ich sage nicht, dass Leute, die schnell schreiben, automatisch schlechte Geschichten schreiben. Das keineswegs!

Jedoch sieht die Realität der meisten Schreibenden ein wenig anders aus.

Wir haben Leben. Zu meinem gehören neben dem Schreiben der Brotjob, der Haushalt und der Sport (und in anderen Jahren so etwas wie ein Sozialleben). Zum Schreiben bleibt mir an einem normalen Tag etwa eine Stunde.

Außerdem müssen wir manchmal über das zu Schreibende nachdenken. Oder es überarbeiten. Oder noch einmal ganz von vorn anfangen. Rein rechnerisch habe ich letztes Jahr unter anderem etwa 75.000 Wörter Kinderbuch geschrieben, unglücklicherweisewar das jedoch dreimal der Anfang des gleichen Buches, weil ich beim Schreiben neue Dinge über die Welt gelernt habe, die sich nicht durch einfaches Reparieren einfügen ließen. Normalerweise habe ich diese Schwierigkeiten nicht, aber es ist eine neue Welt UND ein neues Genre, das macht mich etwas schwerfälliger. Und das ist okay, schließlich lerne ich auch aus den nicht-veröffentlichten Dingen. Oder sagt ihr etwa: „Mensch, all diese Tonleitern, die die Cellistin zuhause privat geübt hat, das war mal wirklich Zeitverschwendung!“??

Für Autor*innen scheint die Erwartung zu sein, dass alles, was den Weg auf den Bildschirm resp. aufs Papier findet, auch veröffentlichbar ist. Und im Ernst, das ist doch Unsinn. Wer malt, stellt auch nicht jeden Farbklecks aus, den er*sie produziert.

Rein technisch ist es also durchaus möglich, einen Roman in zehn Tagen zu produzieren, und vielleicht mache ich das irgendwann dieses Jahr auch mal zum Vergnügen – mit Urlaub wird das wohl Essig, was meint ihr? – aber das ist eine Herausforderung für optimale Bedingungen und nicht die Grundlage von: „Wer langsamer schreibt, sitzt nur 15 Minuten pro Tag am Schreibtisch und meint es keineswegs ernst.“

Verschärfung? Ich seh hier nirgends eine Verschärfung.

Viele bläuliche Gesichtsmasken auf dunklem Hintergrund.
Foto von Markus Winkler, gefunden auf Unsplash

Habt ihrs inzwischen auch so leid?

Nicht die Pandemie. Die ist zwar lästig, aber sie ist nun einmal da. Wie das Wetter, dagegen motzt man ja auch nicht ernsthaft an.

Aber dieses Rumgeeiere der Entscheidungsträger*innen geht mir schon auf den Schleimbeutel. Schulen auf? Kitas zu? Home Office? Masken? Wie viele Tote verkraftet die Wirtschaft?

Jetzt sollen wir uns also privat mit noch weniger Menschen treffen. Und am besten nur tagsüber.

Ich kann die Zahl der Leute, mit denen ich mich seit März 2020 privat verabredet habe, an einer Hand abzählen – und hab noch einen Finger übrig. (Falls ihr euch das fragt: Nein, ich bin kein exotischer vielfingriger Mutant.) Normalerweise gehen wir dann spazieren. Wenn ich nicht gerade ins Büro gehe, weil unser Chef das so sinnvoll findet, bin ich also entweder zuhause, im Supermarkt oder im Wald. Und eigentlich finde ich diesen Bewegungsradius auch ganz gut, denn ich bin in einer vergleichsweise privilegierten Situation: Gutverdienend, introvertiert, keine Kinder, keine zu pflegenden Angehörigen. Ich kann mir den Tag mit all den Dingen vollpacken, die ich gerne allein machen möchte, und vielleicht noch ein wenig putzen.

Natürlich sorge ich mich um Freunde und Familie und vermisse so Luxusgüter wie meine Pediküre oder das ausgiebige Buchladenbestöbern (und möglicherweise auch die Fitnessstudio-Verabredungen mit der Kollegin, aber das werde ich natürlich leugnen!), aber im Großen und Ganzen bin ich immer noch gut versorgt. Nur die ganzen Katzenhaare in jeder einzelnen verflixten Gesichtsmaske gehen mir doch hart auf den Senkel.

Die Eltern, die ich kenne, hingegen sind am Rand der Belastbarkeit. Sogar die „Zwei Leute im Home Office, ein Kleinkind“-Konstellationen. Und von außen betrachtend muss ich sagen: Das sieht wirklich hart aus. Hut ab! Die mit mehreren Kindern und „eLearning“ (was für ein famoser Witz!) sind noch einmal ganz anders gearscht, wenn ich das richtig beurteile.

Und es soll ja sogar Leute geben, die sich gerne mit anderen treffen, die das für ihr seelisches Wohlbefinden vielleicht sogar brauchen. Was machen wir mit denen? Nicht viel, wenn ich das richtig sehe. Zoom und Skype sind kein ordentlicher Ersatz für ein gepflegtes Sozialleben. Wer vorher sechs bis acht Freizeittermine pro Woche hatte, fühlt sich jetzt so allein in seiner Wohnung möglicherweise ein wenig hart isoliert.

Dann wären da die ganzen Winz-, Klein- und mittelständigen Betriebe, die seit Monaten geschlossen bleiben müssen, und die Freiberufler, deren Einkommen davon abhängt, dass andere Läden offen und/oder ihre Kunden Geld übrig haben.

Nicht, dass ich gegen diese Maßnahmen wäre – wir müssen dringend etwas tun, um die Infektionsrate zu senken, ehe wir von den aufregenden neuen Mutationen überrannt werden. Aber dieses Rumgeeiere, wie wichtig es doch sei, die Wirtschaft mit moderat riskantem Verhalten am Laufen zu halten, während es im Privaten Einschränkungen auf Einschränkungen gibt, ist … tja, kurz gedacht. Wer soll denn die ganzen aufregenden Wirtschaftsgüter kaufen, wenn das Privatleben erst einmal so richtig abgewürgt ist und alle mit ihren eigenen Problemen alleingelassen sind? Und mal im Ernst, was ich beispielsweise über die Wunder der Kurzarbeit im letzten Frühjahr gehört habe … tja, wer hat, der windet sich aus den gutgemeinten Regelungen wohl irgendwie wieder raus.

Oy, ich rante schon wieder. Sorry. Demnächst gibt es wieder sinnstiftenden Mehrwert. Aber das musste jetzt mal eben raus. Bleibt gesund, passt auf euch und eure Mitmenschen auf und denkt daran: Auch das geht vorbei.

Fast hätt‘ ich’s getan …

Ein dicht gepacktes Bücherregal mit vielen verschiedenen ordentlich aufgestellten englischsprachigen Titeln, überwiegend Taschenbücher.
Foto von Ugur Akdemir, gefunden auf Unsplash

Sicher kennt ihr eines meiner liebsten Mantras: „Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher.“ Und mit „schlecht“ meine ich nicht objektiv schlechte Bücher, sondern die Bücher, die nicht zu mir als Leserin passen. Wenn das Lesen keinen Spaß macht und ich auch keine neuen Einblicke gewinne, ist es nicht das richtige Buch für mich. Und angesichts der Mengen an Büchern, die es bereits gibt, und all der neuen Bücher, die jedes Jahr veröffentlicht werden, wird es noch wichtiger, eine Auswahl zu treffen.

Trotzdem habe ich mich drei Wochen durch ein Buch gequält, auf das ich mich nicht gefreut habe. Erkennt man leicht daran, dass ich erst zu gut der Hälfte durch war, als ich es heute morgen endlich von meinem Kindle gelöscht habe. Das Buch war nicht schlecht geschrieben und handelte auch von genau den Dingen, die im Klappentext erwähnt waren, aber der Funke sprang einfach nicht über.

Wenn ich jetzt daran denke, was ich in der Zeit alles Hübsches hätte lesen können … ich glaube, ich muss wieder rücksichtsloser vorgehen, was die Buch-Auswahl angeht.

Wie ist es bei euch – lest ihr alles aus, was ihr einmal angefangen habt? Wie viele Chancen gebt ihr einem neuen Buch? Und was macht ihr mit Büchern, die euch nicht gefallen, wenn ihr sie erst einmal zuhause habt?

Autor*innen als Marke und Authentizität

In den letzten Tagen konnte ich am Rand einer interessanten Diskussion – oder wohl eher mehreren verschiedenen, sich miteinander verflechtenden und verknäuelenden Diskussionen – folgen. Es ging um „Autor*innen als Marke“ und ob man bei der Selbstvermarktung zwangsläufig an Authentizität verlieren müsse.

Jetzt habe ich in grauer Vorzeit auch ein wenig Soziologie studiert (nicht viel, nur im Neben-Nebenfach und mehr zum Vergnügen als für den Ruhm) und mache mir meine eigenen Gedanken.

Disclaimer: Wenn ich irgendwo als Autorin auftauche, egal ob in echt oder in digital, dann ist das, was ihr zu sehen/lesen kriegt, eine „Persona“ und nicht mein ungefiltertes, unterkoffeiniertes Privat-Ich.

Heißt das, dass ich euch konstant anlüge?

Natürlich nicht.

Dafür hätte ich gar nicht die Energie.

Ich betrachte es gerne als ein Professionalitäts-Level. So wie ich meinen Chef im Büro niemals begrüßen würde mit den Worten: „Yo, welcome back, du alter Sack!“, nicht einmal auf die liebevollste Weise, die man da draninterpretieren kann, und so, wie ich meine Bankfachfrau nicht zur Begrüßung high-fiven würde, so lege ich beim Auftauchen als Autorin eine Art selektiver Quasisemiprofessionalität an den Tag. In meinem konkreten Fall heißt das: Ich bin fröhlicher und agiere mild extrovertierter, ich rede nichts Schlechtes über meine Kolleg*innen und deren Bücher und ich verwende mild, minimal bereinigtes Fluchvokabular (räusper).

Auslöser der ganzen Diskussionen, von denen ich eingangs erzählte, waren übrigens SoMe-Auftritte nicht namentlich genannter Schreibender, die für sich selbst werben, indem sie andere Schreibende schlechtmachen. Und mal im Ernst, das geht mal gar nicht. Wie käme es euch vor, wenn der Bäcker auf der linken Straßenseite euch erzählte, dass der Bäcker am Markt in den Brötchenteig pinkelt? Sowas macht man nicht. Ich habe öffentlich diverse politische Meinungen und eine ganze Menge Fangirl-Crushes, aber ich lege großen Wert darauf, die Bücher anderer Schreibender nicht runterzumachen. Denn ich denke mir: Würde ein*e Autor*in, den*die ich online beobachte, so etwas machen, wäre die betreffende Person mir direkt unsympathisch.

Betreibe ich viel Arbeit mit der „Persona-Pflege“? Nö, eigentlich nicht. Letztendlich behalte ich nur manche Dinge für mich, die ich auch im Büro nicht einfach so herausposaunen würde. Große Schauspielleistungen oder Märchen würde ich nie durchhalten, das wäre viel zuviel Arbeit. Wenn ich euch Märchen erzählen will, packe ich sie zwischen Buchdeckel.

Da haben wir den Lockdown-Salat

Schwarz-weiß-Bild: Ein Vorhängeschloss und eine verschlungene Kette aus blankem Metall sichern ein metallenes Tor.
Foto von John Salvino, gefunden auf Unsplash

Es musste ja so kommen. Hätten wir mal auf die Experten gehört.

Bereits im Frühjahr haben die Experten vor der „zweiten Welle“ im Herbst gewarnt. Und spätestens seit September wurden Forderungen nach einem zweiten Lockdown mit Kontaktbeschränkungen laut.

Stattdessen, meinten die Politiker an den relevanten Stellen, könne man doch bitte an die Eigenverantwortung der Leute appellieren.

Das hat ja wunderbar geklappt.

„Eigenverantwortung“ nutzt mal gar nichts, wenn es keine ordentlichen Konzepte für sicheren Schulbetrieb gibt. Oder Anweisungen für die Arbeitgeber, Risikopatienten zu schützen und möglichst viel Home-Office zu ermöglichen. Oder Möglichkeiten für Eltern, Sonderurlaub zu nehmen und ihre Kinder zuhause zu betreuen. Oder Verdienstausfall-Ersatz für Leute, die ihre Geschäfte wohl schließen würden, wenn sie es sich leisten könnten.

(Einmal abgesehen davon, wie verwirrend es ist, wenn jemand sagt: „Natürlich dürft ihr das alles tun, und es ist auch wirtschaftlich wichtig, dass ihr das tut – aber tut es bitte nicht.“)

Und ich muss sagen: Ich bin schon ein wenig angefressen. Nicht weil ich so große epische Feiertagspläne gehabt hätte – nö, aber für viele Leute ist ein Lockdown ausgerechnet jetzt schon eher Kacke. Und wenn man Anfang November einmal alles gründlich für sechs Wochen dicht gemacht hätte, hätte man die Beschränkungen spätestens zum 20.12. kurzzeitig lockern können, ohne hunderte Tote zu riskieren.

(Oh, und wo wir schon einmal dabei sind: Kauft um Himmels Willen nicht wieder das ganze Klopapier und die Nudeln weg!)

Na ja, auch das werden wir überstehen. Es ist nur dieser eine Winter. Der wird hart, und eventuell arg langweilig, aber es ist nur für eine begrenzte Zeit. Passt aufeinander auf, macht es euch so gemütlich wie es irgend geht und guckt ein wenig, wie es den Leuten rund um euch her geht.

Zwei orange und in der Mitte eine grüne Stumpenkerzen auf einem hölzernen Sims, im Hintergrund etwas herbstliche Deko mit kleinen Kürbissen und Pilzen und Pailletten.
Foto von Elena Mozhvilo, gefunden auf Unsplash

„Von Rechten unterwandert“??? Wir müssen reden.

Ich äußere mich ja eher selten zu tagespolitischem Geschehen. Heute allerdings fühle ich mich ein wenig verarscht.

Erinnert ihr euch an die Demo in Berlin? Die erst genehmigt, dann verboten und schließlich doch wieder genehmigt wurde? Bei der Leute auf die Treppe vor dem Reichstag gestürmt sind?

Ja, ich denke, ihr erinnert euch.

Gerade eben las ich beim Browsen eine Einschätzung eines Fachmenschen, der sagte, die Demo sei „von Rechten unterwandert“ worden.

Leutz, im Ernst jetzt.

Ungefähr seit Beginn der Kontaktbeschränkungen weisen einige Miesepetersilien und andere Miesmachmenschen mit Inbrunst darauf hin, dass es eine große Schnittmenge von Coronaskeptikern, Esoschwurblern, Verschwörungstheoretikern, besorgten Bürgern und Nazis gibt. (Bei vielen findet man sogar alles vereint – Bingo!)

Und alle so: Neeeee, das muss man ernstnehmen! Man muss nur mit denen reden! Seid doch ein wenig nett zu denen! Ihr gemeinen Linken! Alle paranoid, wa?

Und dann gab es die ersten Kundgebungen. Und einige wieder so: Guckt mal, alles voller Nazis.

Und die Antwort wieder: Na ja, die machen sich eigentlich nur Sorgen. Das kann man doch nachvollziehen.

Dann drehten die Spinner voll auf. Adenochrom, Masken als Vorstufe der islamisch begründeten Verschleierung, Masken als Maulkorb, Corona existiere gar nicht, Corona sei ein Biokampfmittel, ein Corona-Medikament sei schon lange bekannt und werde bewusst zurückgehalten, die Bevölkerung solle dezimiert und ausgetauscht werden, die Bevölkerung solle zwangsgeimpft und -gechipt werden, … – bestimmt habe ich eine Menge vergessen. Kann mir ja auch nicht alles merken. Vom deutschen Rapper bis hin zum Veganimbissbudenbesitzer war alles dabei, was man früher mit Endzeitschild an der Straßenecke erwartet hätte.

Und die offiziellen Stellen so: Ja, das sieht zwar beunruhigend aus. Aber eigentlich sind das nur wenige, und eigentlich meinen die das gar nicht so, und eigentlich stecken da bestimmt begründete Ängste hinter, und eigentlich regt ihr euch doch nur wieder so linksgrünversifft auf.

Und dann kam eine Coronagesetzgebungsdemo, bei der sich ein großer Teil der Leute nicht an die aktuell geltenden Gesetze zum Infektionsschutz hielten. Da wurden aufregende Symbole und Flaggen gezeigt, und einige der Parolen klangen dann doch verdächtig … konservativ (*hust* NAZIS *hust*).

Und die offiziellen Stellen wieder so: Nazis? Haben wir eigentlich gar nicht gesehen. Waren bestimmt voll wenige. Das ist alles gar nicht so schlimm, ihr Verrückten wittert aber auch überall Nazis.

Und dann kam die ganz oben genannte Demo. UND JETZT SIND DIESE TRAPEZPOPEL ÜBERRASCHT, WEIL DA JEMAND NAZIS GESEHEN HAT????

(Besorgt sich Beruhigungstropfen.)

Eigentlich WILL ich gar nicht schimpfen

Aber es ist manchmal wirklich schwer.

Zum Beispiel heute morgen.

Ich trinke meinen Kaffee und scrolle ein wenig durch die SoMe-Seiten, und was sehe ich?

Buchwerbung.

Buchwerbung sollte etwas Schönes sein. Etwas Erfreuliches. Etwas Tolles.

Stattdessen stolpere ich über den Titel. Der enthält nämlich ein Wort, das ich mir in diesem Zusammenhang nicht ohne Weiteres erklären kann. Es ist aus der Sprache Afrikaans und bezeichnet ursprünglich eine kreisförmige Siedlung.

Direkt dazugesagt: Ich kenne das Buch nicht. Ich habe es nicht gelesen. Aber der Titel klingt nicht so, als ob dieses Wort das meint, was es meint.

Sofort bin ich abgelenkt: Ist das Absicht? Kennt die Autorin die ursprüngliche Wortbedeutung? Hat sie sich damit auseinandergesetzt? Spielt sie vielleicht sogar mit den verwirrten Lesern, die wie ich davorsitzen und sich fragen, was eine kreisförmige Siedlung mit Adligen und Göttern zu tun hat? Und warum hat das Ding bei ihr „Stufen“? Oder hat sie sich das Wort einfach ausgedacht – und gar nicht weiter geguckt, ob es das überhaupt schon irgendwo gibt?

Zugegeben, vielleicht tue ich ihr fett Unrecht. Aber ich bin Guten-Glaubens-Geschädigte, deswegen motze ich inzwischen präventiv. Zu oft habe ich gesehen, dass Schreibende, weil es eben auf den ersten Blick so unglaublich einfach ist, sich irgendwas auszudenken, die Feinarbeit vernachlässigen. Sie recherchieren nicht ordentlich. Sie vernachlässigen die Logik. Sie schludern mit Formulierungen. Und ehrlich, so etwas geht mir tierisch auf den Sack. Klar, es sind nur Bücher, aber trotzdem. Ich will ja auch keine Brötchen kaufen, in denen vielleicht Steinchen drin sind, oder Mäuseköttel.

Ein ähnlicher Motzreflex setzt bei mir übrigens auch immer direkt ein, wenn ich „Bad Boy Romance“ oder „Millionair Romance“ oder so andere „Ungesundes Beziehungsmuster Romance“ sehe. Für Außenstehende ist das bestimmt ganz lustig, als hätte man auf einen Knopf gedrückt.

Eure Pet Peeves, wenn es um Geschichten geht?

(Und natürlich: Sollte ich der Autorin Unrecht getan haben und sie eine voll sinnvolle Überlegung für die Wortwahl haben, weißt mich bitte darauf hin, damit ich Abbitte leisten kann.)

Wenn die Welt mal wieder brennt

Der Irrsinn tobt schon seit ein paar Wochen, und ich war mir einfach nicht sicher, ob ich aus meiner überaus privilegierten Perspektive auch noch etwas dazu schreiben sollte. Aber ja.

Angefangen hat es damit, dass ein weißer US-Polizist sich auf den Hals eines schwarzen US-Bürgers gekniet hat, bis der nicht mehr atmete. Das ganze passierte im Rahmen einer Festnahme wegen einer möglicherweise gefälschten Zwanzig-Dollar-Note. Ihr kennt die Details.

Mich hat gewundert, wie oft in den darauf folgenden Tagen in Diskussionen Folgendes bemüht wurde: „Aber der Typ war ein vorbestrafter Krimineller!“

Eben tief Luft holen.

JA UND???

Das gibt niemandem das Recht, ihn bei der Festnahme zu töten.

Einmal abgesehen davon, dass viele Leute, die mit Falschgeld irgendwo auftauchen, ÜBERHAUPT NICHT festgenommen werden. Und erst recht nicht zu Tode gekniet.

Auf jeden Fall wird einmal mehr weltweit darüber gestritten, welche Rechte welche ethnische Gruppe und welche Minderheit haben sollte, wer was darf, wer sich wie benehmen muss, um eben nicht in Polizeigewahrsam zu geraten (und dort zu sterben), und wer sich doch bitte nicht so aufzuregen habe, schließlich seien doch alle immer nett zu ihnen gewesen.

Ich verrate euch ein Geheimnis: Niemand von uns weiß alles. Niemand von uns macht alles richtig. Und jeder von uns kann dazulernen.

Dass Menschenrechte eben für ALLE Menschen gelten sollten, ist im Namen schon irgendwie impliziert. Logisch, oder?

Unzählige BIPoC haben ihre Erfahrungen mit Rassismus AUCH IN DEUTSCHLAND geteilt, um darauf aufmerksam zu machen, wie präsent solche Probleme in der Geesellschaft noch sind. Häufigste Antwort darauf: „Heul nicht, wenigstens ist es in den USA viel schlimmer als hier.“ Ist wahrscheinlich so nicht wahr und zweitens – macht es das etwa besser?

Wenn jetzt also, in einem nächsten Schritt, jemand mir sagt, dass ich etwas Verletzendes/Rassistisches/Diskriminierendes gesagt oder getan habe, dann hat diese Person höchstwahrscheinlich recht. Dann denke ich darüber nach, wie ich es demnächst besser machen kann, und mache wahrscheinlich stattdessen etliche andere Fehler. Wir lernen schließlich immer noch alle dazu.

Neustart – können sich Figuren komplett neu erfinden und wenn ja, warum tragen Komissare dann immer alles Leid mit sich herum?

Ehe ich eine Geschichte anfange, plotte ich immer mehr oder weniger ausgiebig. Das hilft mir, den Überblick zu behalten und tolle Ideen für die Geschichte nicht zu vergessen. Beispielsweise hatte ich in meiner aktuellen Plot-Excel-Tabelle erst ein eigenes Sammelbecken für tolle Szenen, die ich irgendwie unterbringen möchte, die dann in den Plot sortiert wurden.

Außerdem kann ich mir Notizen an Szenen machen. In einer Szene wird etwas über die Gesellschaft der entsprechenden Welt erklärt, und daneben im Notizfeld steht: BITTE KEINE KLISCHEES!!!

Denn wir wissen ja alle, wie solche pseudospätmittelalterlichen, diffuse mediterranen Gesellschaften funktionieren. Oder? Könnte ja sein, dass aufgrund der historischen Entwicklung vor Ort ein Tabu besteht, Fisch zu essen. Oder dass Häuser alle blau gestrichen werden. Oder … (es ist vor dem ersten Kaffee, verzeiht mir den Mangel an Einfallsreichtum).

Auf jeden Fall muss ich mir diese Gesellschaft noch angucken, aber ich weiß wenigstens, was ich vermeiden will, und dank dieser Notiz werde ich mich bezeiten hoffentlich daran erinnern.

Andere beliebte Klischees in Büchern:

DER KOMMISSAR: Er ist geschieden, Alkoholiker und/oder Raucher, hat ein (fast) erwachsenes Kind und/oder eine Ex-Frau, mit denen er sich nicht gut versteht. Außerdem gibt es eine unschöne Erinnerung, weswegen er den Fall, um den es geht, nicht übernehmen will – zu persönlich. Natürlich ist er so genial, dass er von den Oberen quasi gezwungen wird.

DAS HÄSSLICHE ENTLEIN: Hat nie im Leben eine einzige „make-over“-Sendung gesehen oder ein Girlie-Magazin in Händen gehalten und weiß deswegen nicht, welchen Effekt eine komplizierte Frisur und sieben Lagen Make-Up auf den eigenen Wert auf der Konventionellen Attraktivitäts-Skala haben. Pluspunkte, wenn sie sich bisher noch keine Körperteile rasiert hat. Da ihr Charakter völlig egal ist, verlieben sich alle in sie, sobald sie ein Sommerkleid trägt.

DIE TRAUMATISIERTE: Außen tough, innen sensibel und verstört. Muss meistens gerettet werden, das geht am besten durch die Genitalien eines gutaussehenden Mannes, den sie erst nicht leiden kann.

DER MILLIARDÄR: Früher war er nur Millionär, aber das ist aus der Mode geraten. Von allen missverstanden, hält sich vielleicht sogar selbst für einen schlechten Menschen. Auch zutiefst sensibel, wird von den Genitalien einer Frau gerettet, die er eigentlich nur wie ein Objekt behandeln wollte. Tja, einmal nicht aufgepasst, schwupps verliebt. (Die Rettende ist oft eine Mischung aus Ente und Traumatisierter.)

DER*DIE REBELL*IN: Jung. Gegen alles. Total unverstanden. Hält „Fight Club“ für ernstzunehmende Kunst. Alle Erwachsenen sind gegen einen. Stimmungsschwünge. Je älter der*die Lesende wird, desto stärker wird das Bedürfnis, ihn*sie zu würgen.

Zugegeben, wenn man die alle in einen Film oder ein Buch stecken würde, könnte das lustig werden. Vielleicht mache ich das irgendwann.

 

Entscheidet euch doch mal!

Jahrelang heißt es, Menschen müssten ihre Gefühle zulassen. Vielleicht sogar offen zeigen. Das sei gesund und so. Für einen selbst und für die Gesellschaft.

Und jetzt haben wir den Coronasalat.

Stellt euch mal vor: Einige Leute, denen es – objektiv betrachtet – gar nicht so schlecht geht, WAGEN es, trotzdem Gefühle zu haben. Die Kinderbetreuung rund um die Uhr schlaucht, obwohl man einen Garten hat. Zwar arbeitet man nach wie vor in einem sicheren Job, jetzt aus dem Homeoffice, aber man vermisst den Kontakt zu seinen Eltern. Der Supermarkt hat noch alles, aber die Sicherheitsleute am Eingang bereiten einem Unbehagen.

Schon kommen aus ihren Löchern die Pamüsepampel, die uns erklären: Uns Deutschen geht es doch sowieso viel zu gut. Und den privilegierten Deutschen erst! Also denen mit Balkon oder Garten, Homeoffice und Familie. Die sollen mal wagen, in dieser Situation ein negatives Gefühl zu haben! Die meisten von denen haben doch sogar noch beide Beine! Undankbares Pack!

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Wisst ihr, was ich davon halte?

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Photo by Nicolas Postiglioni on Pexels.com

(Ich liebe diese Foto-Seiten. So praktisch!)

Aber darum geht es gar nicht.

Liebe Pamüsepampel, haltet doch bitte einfach die Fresse. Findet ihr, wir sind nicht dankbar genug? Oder zu verweichlicht? Dann geht doch bitte in die sibirische Einöde und leckt an einer Fichte.

Natürlich dürfen auch privilegierte Menschen Gefühle zur aktuellen Situation haben. Sogar negative, wenn es denn so ist. Niemand hat mit dieser Entwicklung gerechnet. Niemand konnte sich auf so eine Katastrophe vorbereiten. Folglich ist das für JEDEN unerwartet und schwierig zu bewältigen. Das ist kein Wettbewerb, wer es am schlimmsten hat (oder wer es am besten wegsteckt, wenn sich von heute auf morgen beinahe alles ändert). Es ist eine Herausforderung für die Gesellschaft, und die verträgt es durchaus, wenn auch „die Bessergestellten“ mal ein wenig jammern. Ich schwör, danach krempeln wir wieder die Ärmel hoch und fassen mit an, so gut wir eben können.