Kommt Kunst vielleicht doch von „können“?

Eigentlich finde ich diese Herleitung unpassend, denn Kunstempfinden ist viel zu subjektiv, als das man bestimmen könnte: „Die Person macht Kunst, die kann das!“

Aber in den letzten Tagen dachte ich mir – vielleicht steckt da doch ein Fünkchen Wahrheit drin. Nicht „können“ im Sinn von „in der Lage sein, etwas auf einem professionellen Niveau zu tun“, sondern eher im Sinne von „die Möglichkeit haben/kriegen, etwas zu tun“. Und ich bin da natürlich nicht durch blankes Nachdenken drauf gekommen, denn: Man „lässt“ mich einfach nicht schreiben.

Der Mangel an Blogposts hat es vielleicht schon angedeutet, hier steppt der Bär, und es fallen etliche zusätzliche Arbeiten an. Jetzt ist mein Alltag eigentlich mit spannenden Dingen vollgepackt, und das Schreiben ist fast das spannendste. Es ist aber auch eines der ersten Dinge, die wegfallen, wenn es dringende Aufgaben zu erledigen gibt. Und ich habe jetzt mehrfach erlebt, dass andere Leute mir zusätzliche Aufgaben aufbürden, weil: „Diandra hat ja Zeit, die macht ja nichts neben der Arbeit.“

Äh, hallo????

„Nichts“???

Ich möchte widersprechen.

Die Mitarbeit in der PAN-Stipendiums-Jury ist nicht „nichts“.

Das Sprechtraining für meine eigenen Hörbücher ist nicht „nichts“.

Und die Geschichten, die ich dringend auf euch loslassen muss, sind erst recht nicht „nichts“.

Aber klar, das fällt dann notgedrungen aus, denn andere Leute brauchen Zeit, um für ihren Urlaub zu packen oder weil sie soviel arbeiten. Wenn ich dann ablehne, weil ich noch einen Haufen Leseproben zu lesen habe, der nächste Online-Kurs ansteht oder ich endlich mal wieder meinen anvisierten Wordcount pro Tag schaffen will, gibt es lange Gesichter. „Äh, ja, ähm, dann müssen wir wohl gucken, wie wir das machen.“

Gut, mir ist klar – so richtig hart materialistisch lebenswichtig ist Kunst nicht. Meine nicht, und die anderer Leute auch nicht. Es ist nicht so, als könne ich ein Heilmittel für Krebs erschreiben oder mittels liebevoll aufeinander abgestimmter Sätze den Krieg in der Ukraine beenden. Dennoch möchte ich kurz eine Welt beschwören, in der sämtliche Kunst mangels Zeit fürs Kunstschaffen ausfällt: Keine Musik. Kein Design. Keine mediale Unterhaltung – also natürlich keine Bücher, aber auch keine Serien, Filme, Dokus, keine Computerspiele, Brettspiele. Kein Bastelhobby, keine gemütlichen Einrichtungsgegenstände. Keine witzigen oder verstörenden Werbefilmchen auf YouTube. Überhaupt – kein YouTube.

Braucht man schließlich alles nicht.

Die Kunstschaffenden können dann stattdessen abgestellt werden, um Flugreisende abzufertigen oder so.

Macht doch etwas Sinnvolles mit eurer Zeit.

Sonst macht ihr schließlich „nichts“.

(Merkt man, dass ich ein wenig angefressen bin? ^^ )

Fehlerfreikultur? Nicht mit mir!

Das Wochenende war lang, anstrengend und emotional herausfordernd. Wir hatten gleich mehrere mittelprächtige Familienkatastrophen. Entspannend war das nicht, wenn ich ehrlich bin. Als dann am Dienstag morgen im Büro eine Kollegin aus einer anderen Abteilung sich dienstlich in unsere Vorgänge eingemischt hat, hab ich sie angeranzt, und mal so richtig nicht-schön.

Kurze Zeit später bin ich bei ihr vorbeigegangen, um mich zu entschuldigen.

Warum erzähl ich euch das? Damit ihr mir auf die Schulter klopft und mir versichert, wir seien alle nur menschlich?

Nicht unbedingt. (Ihr dürft klopfen, wenn ihr wollt.)

Nee, ich will auf etwas anderes hinaus: Normalerweise habe ich sehr, sehr hohe Ansprüche an ethisch korrektes Verhalten und setze das auch bei anderen voraus. Mir ist diffus bewusst, wie man sich generell Mitmenschen und Kolleg*innen im Besonderen gegenüber verhalten sollte.

Trotzdem gibt es Situationen, in denen ich meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werde. Und ich habe auch andere schlechte Eigenschaften und Charakterfehler. Beispielsweise kann ich wunderbar gehässig sein, habe wenig Geduld und ziehe vor, dass mein Umfeld ohne große Diskussion einfach das tut, was ich bestimme. Manchmal muss ich über rassistische, sexistische oder ableistische Witze lachen, obwohl mir natürlich klar ist, dass sie thematisch problematisch sind.

Mit anderen Worten: Entgegen allem, was ihr bis jetzt dachtet, und zur allgemeinen Verwunderung bin ich nicht unfehlbar.

Das gilt wahrscheinlich für die meisten Menschen.

Und deswegen ärgert es mich sehr, wenn – gerade (aber nicht nur) in den „sozialen“ Medien – Diskussionen mit einem Totalitätsanspruch und einem ethischen Absolutismus geführt werden, der keinen Raum für Fehler und Lernen lässt.

Jemand versteht nicht, was es mit trans Personen auf sich hat? Beschimpft ihn*sie!

Jemand stellt Fragen zum Thema Ableismus? Was für eine schlechte Person!

Eine blonde Person trägt Dreadlocks? Schimpf und Schande über ihre Kuh!

Und schaut mal dort, jemand hat nicht korrekt gegendert oder die Bildbeschreibung an einem Tweet vergessen!

Es mag in der Natur des Menschen liegen, aus aufrechter Empörung heraus Mobs zu bilden und „die gute Sache“ zu verteidigen. Für einige ist diese gute Sache der Katholizismus. Für andere vegane Ernährung oder die autofreie Innenstadt. Ich will da auch gar nicht werten. Aber diese aktuelle „Diskussions“-Kultur führt dazu, dass kaum jemand Fehler eingestehen mag – und folglich auch niemand aus diesen Fehlern lernen kann. In manchen Kreisen gelten so hohe Ansprüche, dass nicht einmal das Liebeskind von Jesus und dem Dalai Lama ihnen gerecht werden könnte, wenn es bei Wonderwoman in die Schule gegangen wäre.

Und mal im Ernst: Das ist doch Blödsinn.

Ich bin nicht perfekt (siehe oben).

Ihr seid nicht perfekt – nehme ich an.

Wir alle wollen und brauchen Chancen, uns zu irren und Quatsch zu reden. Wir müssen uns gelegentlich irren dürfen, kontroverse Positionen einnehmen und auch mal zurückblicken und feststellen, dass wir früher Unsinn gedacht haben.

Stattdessen wird gestritten, angeschuldigt, nach Dreck gewühlt und laut geschrien.

Im Ernst? Ich bin zu alt, für so etwas habe ich keine Zeit.

Und Disclaimer, weil ich vermute, dass irgendwer auch das hier falsch verstehen wird: Anderen Leuten die Menschenwürde oder gar die Existenz abzusprechen gehört nicht unter den Mantel der Meinungsfreiheit.

Geteiltes Leseleid ist halbes Leseleid? Mitnichten!

Wie ich schon das eine oder andere Mal erwähnt habe, halte ich mich unter meinem eigenen Namen mit Rezensionen meist zurück. Nicht, weil ich zu vornehm für so etwas wäre, sondern weil man sich als schreibende Person mit Rezensionen ganz schön in die Nesseln setzen kann:

Rezensierst du zu gut, bist du eine Gefälligkeits-Bitch, die die Bücher ihrer Freund*innen herumpimpt.

Rezensierst du zu schlecht, bist du ein Neidstinktier.

Rezensierst du irgendwo in der Mitte, hast du wahlweise keine Meinung oder keinen Geschmack.

Und überhaupt, deine Meinung ist ganz falsch!

So oder so ähnlich konnte man das gerade erst wieder auf Twitter beobachten, wo sich einige Leute darüber zerlegten, dass eine Autorin eine Rezension veröffentlichte und die Autorin des besprochenen Buches die Rezension nicht so geil fand. Ich war einmal nur am Rand dabei, holte mir etwas Popcorn und beobachtete mit Befremden, wie Leute, die eigentlich das gleiche wollen (Diskriminierung reduzieren und gute Bücher schreiben) einander an die Gurgel gingen – unterstützt von ihren Freund*innen und Follower*innen, die eifrig mitmischten und beliebig persönlich wurden, auch wenn der ursprüngliche Text es gar nicht hergab.

Jetzt verstehe ich ja beide Seiten.

Wenn ich die Möglichkeit hätte, narrensicher (ich kenn mich ja) ein geschlossenes Pseudonym zu pflegen, würde ich so manche Rezension schreiben, die mit Schimpfwortwarnungen gespickt wäre.

Schreibt hingegen jemand etwas Fieses über meine Bücher, bin ich erst einmal geknickt.

Das eigene Buch ist immer das Schönste und Beste, wie das eigene Kind – und wenn jemand dir sagt: „Dein Kind ist hässlich und stinkt“, ist das eine schwer zu schluckende Kröte.

Jetzt müssen wir Autor*innen allerdings manchmal Profis schauspielern. Dazu gehört, weder fremde Bücher noch Rezensent*innen oder andere Autor*innen unter der Gürtellinie anzugreifen und gleichzeitig Kritik an uns abperlen zu lassen. Eigene Meinungen sollten wir allerdings äußern dürfen, ohne dafür geteert und gefedert zu werden.

Als garstige alte Frau bin ich beispielsweise ein großer Fan vom „Jealous Haters‘ Book Club“, in dem aktuell beliebte Bücher mit problematischen Inhalten durch den Kakao gezogen werden. Würde eines meiner Bücher da auftauchen, wäre ich natürlich auch empört – und diese Empörung würde ich im Kreis guter Freund*innen zelebrieren, die verstehen, dass Autor*innen manchmal Leute mit der stumpfen Feder aufspießen wollen. OFFLINE. Schimpftiraden und Gewaltfantasien gegenüber rezensierenden Personen gehören nicht ins Internet.

Mir ist völlig klar, dass nicht jede Geschichte jeder Person gefallen kann. Wie langweilig wäre das denn? Und mir ist auch klar, dass Leute dazulernen – manche meiner älteren Geschichten würde ich heute auch wieder anders schreiben. Wenn es eine schlechte Rezension gibt, schaue ich: Ist sie konstruktiv? Kann ich etwas daraus lernen? Und dann mache ich weiter, so gut ich kann.

(Sollte man mit so einem Vorgehen Probleme haben, spricht auch nichts dagegen, einfach gar keine Rezensionen anzuschauen. Rezensionen sind nämlich gar nicht für schreibende Personen, sondern für andere lesende Personen.)

Wenn allerdings mal irgendwer auf irgendwen sauer ist oder der Meinung ist, etwas sei bei einer Rezension o.ä. schiefgelaufen und müsse angesprochen werden, hätte ich für die Zukunft mal eine Idee: Wieso setzen wir uns nicht alle gemeinsam hin, akzeptieren, dass ALLE fehlbar sind (Anwesende eingeschlossen) und besprechen solche Dinge dann konstruktiv und mit Respekt? Dieses Ding mit den Lagern und den Mobs und dem „Wenn du mit dem befreundet bist, darfst du nicht mehr mit der befreundet sein!“ finde ich nämlich viel zu anstrengend.

Kettensägenmassaker!

Wenigstens in Gedanken, innerlich, so ein bisschen.

Wer mir schon einmal begegnet ist, weiß: Ich bin manchmal eher ein wenig still. Vor allem, wenn es um wichtige Themen geht. Erst denken, dann über das Gedachte nachdenken, dann reden. Und zwischendurch auch immer gut zuhören!

Leider führt das dazu, dass manche Leute mir nicht zuhören. Oder das, was ich sage, nicht ernstnehmen, denn es ist ja so leise.

Tja, und nun?

Wenn ich lange genug auf ein Problem hingewiesen habe – egal, ob beruflich oder privat – und die Leute das immer wieder abtun, mache ich mir irgendwann ein Protokoll und eine Notiz und lasse das alles auf sich beruhen.

Für den großen Moment.

Den „Ich hab’s euch ja gesagt!“-Moment.

Der dauert nie besonders lange. Dann krempeln wir die Ärmel hoch und machen uns daran, ein Problem zu beseitigen, dass es (so) wahrscheinlich gar nicht gäbe, wenn man nur direkt auf mich gehört hätte.

Leider gibt es dafür keine Auszeichnungen. Und auf den Lerneffekt – dass jemand sagt: „Oh, die war in der Vergangenheit sehr schlau! Wir sollten auf sie hören!“ – warte ich auch noch vergeblich.

Sagen wir so: Ich hege großes Mitgefühl mit Kassandra von Troja. ^^

Was soll ich groß schreiben?

Ich bin keine politische Expertin. Mein historisches Wissen ist begrenzt.

Doch wer hätte gedacht, dass man im 21. Jahrhundert noch einmal explizit sagen muss:

KRIEG SCHLECHT. MACHT DAS NICHT.

Angestrichener Lattenzaun: Oben hellblau, unten gelb, in der Mitte eine weiße, spitzenartige Borte
Bild von Tina Hartung, gefunden auf Unsplash

Ich bin fassungslos und verstehe nicht, wie man heutzutage darauf kommen kann, in ein fremdes Land einzumarschieren. Klar: Die Propaganda, die Ablenkung, die geopolitischen Überlegungen, die Allmachtsfantasien. Aber das hat nichts mit Verstehen zu tun – das ist die Analyse, das ist mein Kopf.

Ich hoffe, dass die furchtbare Situation in der Ukraine sich schnell möglichst friedlich und mit möglichst wenig Verlusten bereinigen lässt. Ich hoffe, dass die Ukrainer*innen ihre Heimat möglichst schnell wieder bewohnen und genießen können. Und ich hoffe, dass die Verantwortlichen mit allen Konsequenzen zur Rechenschaft gezogen werden.

Emily in Paris kann mich mal – oder was Autor*innen und Leser*innen in die Geschichte mitbringen

Blick auf die Seine und den Eiffelturm im Zwielicht.
Foto von Chris Karidis, gefunden auf Unsplash

Vor einigen Tagen empfahl eine Bekannte, man müsse doch unbedingt Emily in Paris gesehen haben. Und obwohl das jetzt nicht unbedingt nach etwas klingt, das ich gerne gucken würde, lasse ich mich doch durchaus gelegentlich vom Gegenteil überzeugen – ich mag Überraschungen. Allerdings habe ich es seitdem noch zweimal probiert, und ganz im Ernst: Es ist nicht meins.

Möglicherweise war das Problem, dass wir mit der ersten Folge von Staffel 2 angefangen haben. Und da wurden zwei Dinge ziemlich schnell klar: Die Protagonistin hat genau drei Gesichtsausdrücke. Und sie ist mir unglaublich unsympathisch. (Achtung, es folgen Spoiler. Winzige Spoiler.)

Halt, halt, halt! Das hat nichts mit „nicht wie andere Mädchen“ zu tun – auch wenn ich selbst nicht viel mit Mode etc. anfangen kann, gönne ich anderen Menschen ihre Freude daran an den meisten Tagen ohne garstige Kommentare. Aber es wurde relativ schnell erwähnt, dass Emily mit dem Partner ihrer angeblich besten Freundin geschlafen hatte. Und unabhängig von den Umständen (wie gesagt, ich habe die erste Staffel nicht gesehen) empfinde ich das als ziemlich unverzeihlich. Mit einer Figur, die so etwas tun kann, möchte ich nicht mehr Zeit verbringen als unbedingt nötig.

Hurra, ein moralisches hohes Ross, auf das ich mich setzen kann! Und sogar mit Anlauf, denn vor einigen Jahren war ich selbst in einer vergleichbaren ungünstigen Situation. Nicht in der von Emily, sondern in der ihrer Freundin. Als ich davon erfuhr, war die entsprechende Beziehung schon seit einigen Jahren vorbei und ich wusste ziemlich genau, auf was für eine traurige Version Mensch ich damals meine Gefühle ausgerichtet hatte. Dass allerdings eine Person, der ich lange und gründlich vertraut hatte, dazu in der Lage gewesen war, mit meinem Ex zu schlafen, als er noch nicht mein Ex war, hat mir auch lange danach den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich habe ziemlich daran geknabbert, mein Weltbild und diese Freundschaft wieder auf ein einigermaßen stabiles Fundament zu hieven. Und deswegen fällt es mir jetzt lächerlich schwer, für Emily irgendeine Form von Sympathie zu empfinden.

Viele Schreibratgeber empfehlen, man solle seinen Charakteren Schwächen und Fehler mitgeben. Das ist eine tolle Idee, denn es macht sie menschlich. Wir können uns leichter mit Figuren identifizieren, die nicht rundum perfekt sind. Schau mal, die sind ja fast wie wir! Aber natürlich läuft man dann auch Gefahr, dass Lesende ihre eigene Vergangenheit mitbringen, wenn sie die Geschichte lesen, und auf negative Aspekte stärker reagieren, als man es beim Schreiben beabsichtigt hat. Für schwerwiegende Themen gibt es die Möglichkeit, Triggerwarnungen oder „Content Notes“ für die jeweilige Geschichte bereitzustellen (bei meinen Geschichten stehen sie auf der jeweiligen Unterseite hier). Bei kleineren Dingen, die weniger traumatisch sind, muss man es bis zu einem gewissen Punkt in den Händen der Lesenden lassen, wie sie damit umgehen.

Wenn du mal eines (oder auch mehrere) meiner Bücher gelesen hast, weißt du, dass ich meine Charaktere nicht schone. Sie erleben furchtbare Dinge, sie müssen schreckliche Entscheidungen treffen und manchmal machen sie Fehler. Aber es gibt Dinge, die meine Charaktere nicht tun, weil ich mit ihnen dann keine Zeit mehr verbringen wollte. Grausam zu Tieren sein beispielsweise, unnötig Gewalt anwenden, oder eben Freund*innen die Partner*innen ausspannen.

Bei welchen fiktiven „menschlichen Schwächen“ ist für dich die Grenze erreicht? Was tolerierst du von Figuren in Büchern oder Serien/Filmen und was nicht?

Die Schrift macht die Musik

Gräuliche Backsteinwand mit unzähligen unleserlichen Graffiti-Tags und einer Ananas.
Foto von Pineapple Supply Co., gefunden auf Unsplash

Als ich noch zur Schule ging, bekam ich oft Schelte wegen meiner Handschrift.

Überrascht?

Also, ich nicht. Meine Handschrift war nie wie die vieler Mädchen, die wunderschöne geschwungene Bögen und kleine Herzchen oder Smilies auf ihren Buchstaben hatten. Ein wenig krakelig, ein wenig schief, und ich habe bis heute ein überraschendes Arsenal von Buchstabenvarianten. Außerdem fällt es mir schwer, ohne Hilfsmittel gerade Zeilen zu schreiben.

Schön war (und ist) das wirklich nicht.

Aber um eine Sache habe ich mich immer bemüht: Leserlich zu schreiben. Auch wenn es viel Text ist oder ich unter Zeitdruck stehe. Denn ich finde es unglaublich unhöflich, unleserlich zu schreiben. Schließlich ist Schrift ein Kommunikationssystem. Wir wollen, dass das, was geschrieben wird, beim Empfänger ankommt.

Bei manchen Kolleg*innen gleicht die Handschrift eher der Beilage eines Rätselspiels. Dann muss man entweder minutenlang rätseln – und unabhängig davon, dass ich Rätselspiele mag, hat niemand da auf der Arbeit Zeit für. Also muss ich dann hinübergehen und den*die Kolleg*in fragen, WAS ZUM HENKER DA WOHL STEHT. (Ja, in diesem Ton.) Neulich habe ich einen besonders schludrigen Schuldigen gefragt, ob er sich zufällig an der Hand verletzt hätte.*

Manchen Leuten fällt es schwer, sauber oder „schön“ zu schreiben. Das ist gar nicht wild. Aber wer unleserlich schreibt, obwohl er*sie es besser könnte, sagt damit doch letztendlich: „Ist mir doch egal, ob du das lesen kannst, ich bin zu wichtig, um mit dir ordentlich zu kommunizieren – meine Zeit ist kostbarer als deine.“ Und deswegen finde ich, dass unleserliche Schrift unhöflich ist.

Wie seht ihr das – bin ich zu streng?

*Hatte er übrigens nicht.

In diesem Winkel sind alle TOT! TOT! TOT!

Ich weiß nicht, wie lange er uns erhalten bleibt, aber klickt doch mal probehalber auf diesen Link. Keine Angst, da passiert nichts Schlimmes. Aber das Problem, worauf in dem verlinkten Video hingewiesen wird, liegt mir schon seit langem sehr am Herzen.

Ihr wisst ja, ich bin Gelegenheits-Radfahrerin und Viel-Geherin. Außerdem, auch das habe ich bestimmt schon das eine oder andere Mal erwähnt, bin ich früher oft mit meinem Vater im LKW mitgefahren. Und wenn man in so einer Kabine sitzt, merkt man erst, was man alles nicht sieht.

Der Mann glaubt mir das auch nicht (dem habe ich den Link direkt im Chat geschickt), aber die toten Winkel an LKW und ähnlich verbauten Gefährten (Transporter, Busse, …) sind riesig. Was dort steht/geht/fährt/kraucht, sieht der Fahrer einfach nicht, egal, wie sehr er sich verrenkt. Und in genau diesen Winkeln befinden sich die meisten Leute, über deren tragisches Ableben man anschließend in den Zeitungen liest.

Meist ist das Geschrei groß: LKW von der Straße! Diese rücksichtslosen Fahrradschubser!

Und ich stehe dann immer ein wenig unentschieden daneben, denn mir tun beide leid – der*die Verunfallte und der*die Unfallverursacher*in. Schließlich kenne ich einige LKW-Fahrer, und glaubt mir: Niemand von denen nietet gern Leute um. Was man nicht sieht, kann man gar nicht absichtlich auf die Haube (oder unter die Räder) nehmen.

Meiner Meinung nach sollten alle Leute, die einen Führerschein machen, wenigstens einmal selbst in einer LKW-Fahrerkabine gesessen haben, um die toten Winkel live zu erleben (NICHT, indem sie jemanden überfahren!). Das Video da oben ist die nächstkleinere Möglichkeit, sich das vor Augen zu führen.

Und während es durchaus helfen könnte, alle Fahrzeuge mit noch mehr Fahrassistenzsystemen auszustatten, habe ich zusätzlich eine Bitte an alle anderen Verkehrsteilnehmer: Bleibt aus den toten Winkeln möglichst einfach raus.

Wie ihr die erkennt?

Werft einen Blick in den Rückspiegel des LKW. Wenn ihr dort den Fahrer sehen könnt, kann er euch auch sehen. Ansonsten … rettet Leben, haltet Abstand. Ich schwör, beim Armdrücken mit einem Brummi verlieren alle.

Schreib-Beef: Wie professionell muss ein Buch sein?

Seit ein paar Tagen tobt auf Twitter, meiner liebsten kurzweiligen SoMe-Plattform, eine schwierige Diskussion. Viele Leute fühlen sich angegangen, diskriminiert, beleidigt und/oder missverstanden. Und ich kann, ehrlich gesagt, beide Seiten ein wenig verstehen. Deswegen setze ich mich hier mal länglich zwischen alle Stühle und verscherze es mir potenziell mit allen.

Wenn ich den Überblick richtig im Kopf habe, fing es an mit einer Autorin, die ein SP-Buch (also eines, das ohne Verlag veröffentlich wurde), kritisierte. Sie nannte weder Autor*in noch Titel, aber unterlegte ihre Kritik mit Zitaten und Beispielen. Unter anderem ging es um ein unvollständiges Impressum, einen merkwürdigen Disclaimer, der im Widerspruch zum Buchinhalt stand, und grammatische Probleme. (Wer das nachlesen möchte, kann das aktuell hier tun. Ich fasse aber auch noch kurz zusammen.)

Dieser Kritik, soweit ich sie gelesen habe, stimme ich erst einmal zu. Die kritisierende Autorin hat gute Argumente. Sie brachte auch Vorschläge, wie man solche Dinge im eigenen Buch vermeiden könne – etwa durch ein professionelles Lektorat und Korrektorat sowie Recherche zu Gestaltung und juristischen Dingen.

Andere Leute fühlten sich diskriminiert – weil nicht jeder das Geld für professionelle Dienstleistungen hat; weil manche Eigenschaften (im weitesten Sinne) wie Lernschwächen oder Neurodivergenzen es schwierig machen, den üblichen Wegen zu folgen; weil es beim Schreiben mehr um Kunst gehen solle und weniger um Regeln. Auch diese Kritikpunkte kann ich gut verstehen.

Was ich weniger verstehen kann, sind die persönlichen Beleidigungen, die da schnell flogen (oder die einige Leute sich selbst aufluden, weil sie einen persönlichen Angriff lasen, wo es wahrscheinlich – was weiß ich denn, was in den Köpfen anderer Leute vorgeht??? – keinen gab).

Mal schauen, wie wir das alles dekonstruieren können.

  1. Korrekte Sprache, inkl. Grammatik: Es gibt sprachliche Regeln. Die sind wichtig, weil Sprache letztendlich ein Zeichensystem ist, auf dass Menschen sich geeinigt haben, um zu kommunizieren. Viele Aussagen kann man auch noch verstehne, wenn es geringe Abwaichugnen gibt. Allerdings werden Texte schwieriger zu verstehen, wenn die Fehlerquote steigt, und je anstrengender es ist, etwas zu lesen, desto weniger Vergnügen und Entspannung bietet der Text. Da das Lesen von Geschichten idealerweise ein schönes Hobby ist, sollten solche unnötigen Anstrengungen meiner Meinung nach weitestgehend vermieden werden. Mir ist klar, dass ein fehlerfreies Buch ungefähr so oft vorkommt wie ein Einhorn, das im Lotto gewonnen hat. Als schreibende Person sollte man sich trotzdem die größtmögliche Mühe geben, die sprachlichen Regeln zu lernen, um sich möglichst präzise ausdrücken zu können. Da sind auch Lernschwächen etc. keine gute Ausrede – ich bin selbst von Dyslexie betroffen (weswegen ich sprachlich falsche Texte nur mit größter Mühe lesen kann!), was ihr allerdings in meinen eigenen Texten nicht merkt. Dazu gehört harte Arbeit. Dinge wie Kommasetzung oder die korrekte Verwendung von Zeiten kann man lernen und üben. Je besser man in diesen grundlegenden Fähigkeiten ist, desto eher kann man sich beispielsweise ein Korrektorat sparen. Damit kommen wir zu …
  2. Lektorat und Korrektorat: Wenn ihr nicht genau wisst, was das ist – bei einem Lektorat klopft eine bösartige sehr genau lesende Person einen Text auf strukturelle und inhaltliche Schwächen ab. Gibt es Logikfehler? Verschwindet ein Bleistift von einer Szene zur nächsten? Wiederholen bestimmte Momente sich oft? Etc. pp. Beim Korrektorat wird später der endgültige Text auf sprachliche Fehler und Schwächen abgeklopft. Das sind Dienstleistungen, die für Selfpublisher*innen zu verschiedenen Preisen von mehr oder weniger professionell vorgehenden Personen angeboten werden. Sogar bei günstigen Preisen steht auf der Endrechnung bei einem Roman schnell ein vierstelliger Betrag. Den hat nicht jede*r von uns eben zuhause rumliegen und übrig – vor allem dann nicht, wenn das entsprechende Buch diesen Betrag höchstwahrscheinlich kurzfristig nicht einspielen wird.
  3. Professionalität in der Kunst: Das ist ein anderes Ding. Dieses Sprichwort, dass Kunst angeblich von „können“ stammt, hasse ich heiß und innig. Ist so eine Grundsatzfrage, denn diese Denkweise impliziert, dass nur die Leute Kunst betreiben dürften, die überdurchschnittlich gut in dieser Kunst seien, dass es eine absolute „Güteskala“ für Kunst gebe und dass Kusnt auch immer unter kapitalistischen Gesichtspunkten betrieben werden solle – Lohnt sich das überhaupt? Wir alle kennen die Geschichten von malenden Elefanten, die sich garantiert nicht darum scheren, ob jemand ihre Bilder gut findet – die malen einfach und amüsieren sich dabei wie Bolle. Ist das dann Kunst oder nicht? Wann malt jemand nur ein Bild resp. wann wird jemand beim Malen zum Künstler? Da hängt irgendwo ganz tief verschwurbelt so ein Genie- und Elitebegriff drin, der macht mir unbehaglich.

Gut, aber wie lösen wir diese Dinge denn jetzt?

Erst einmal ein Geständnis: Wenn ich selbst veröffentliche, nehme ich als einzige professionelle bezahlte Dienstleistung die Covergestaltung in Anspruch. Nicht, weil ich in allem anderen so genial wäre, sondern weil ich einfach keinen Dukatenscheißer daheim habe und mein Schreiben sich selbst finanzieren (und idealerweise sogar lohnen) soll. Optische Gestaltung von Dingen fällt mir generell schwer, deswegen war das die erste Baustelle, die ich frohen Herzens Fachmenschen überlassen habe. Lektorat und Korrektorat haben meine Texte nur, wenn ein Verlag dahintersteckt, der genau das leistet. Könnten sie mit den entsprechenden Hilfestellungen besser sein? Eventuell. Möglicherweise. Ach, was sag ich – wahrscheinlich. Sind sie auch ohne lesbar? Das muss jemand anders entscheiden (aber die Rückmeldungen sind überwiegend positiv und eventuelle Kritik meist berechtigt). Meine nächste Baustelle, auf der ich dazulernen will, ist der Buchsatz, aber dieser Plan hat gerade nicht die höchste Priorität. Kommt schon noch.

Und wie schaffe ich das also?

Alles, was auf Sprachebene läuft, habe ich mir beigebracht, und gelegentlich lerne ich sogar heute noch etwas Neues. Ich habe ein paar Tricks, um gängige Expressionen der Dyslexie abzufangen, und muss an der Stelle eben härter arbeiten als manch andere Person. Mit der Zeit wird es einfacher. (Das ist meine persönliche Erfahrung, andere Menschen mögen das anders empfinden.) Natürlich könnte ein Korrektorat wohl noch Dinge finden, aber ich gebe mir härteste Mühe, einen einigermaßen sauberen Text zu produzieren.

Wenn die Deadline mich jagt, mache ich mein eigenes Lektorat. Geht nicht, sagen einige. Geht doch, sage ich – wenn man ein wenig vergesslich ist und sehr gründlich (und selbstkritisch!) arbeitet. Am liebsten verwende ich Ausdrucke und Listen, um mich zu organisieren. Falls mehr Zeit ist, wende ich mich gerne an meine Testleser, die allerdings auf freiwilliger Basis arbeiten (ich bezahle sie in Dankbarkeit und Kinkerlitzchen) und natürlich auch kein professionelles Lektorat ersetzen sollen. Ab und zu tausche ich Hilfestellungen mit anderen Autor*innen oder hole mir Rat.

Und endlich zur Professionalität – das Internet ist voll guter und gutgemeinter Ratschläge. So lästige Dinge wie die Impressumspflicht, Finanzamtquerelen und Do/Don’t-Listen für öffentliche (SoMe-)Auftritte als Autor*in sind von viel klügeren Leuten als mir zuhauf besprochen und analysiert. Natürlich muss man alles ein wenig vorsortieren und kritisch lesen, einige Dinge ausprobieren und wieder verwerfen. Glücklicherweise wird es dank dieser Fülle an leicht zugänglichen Informationen immer einfacher, auch als Laie mit begrenzter Zeit und Geduld ein halbwegs professionell aussehendes Buch zu präsentieren. Und falls mir später auffällt, ich hätte etwas besser machen sollen – gut, dann mache ich es beim nächsten Buch besser. (Ich halte mich selten damit auf, bereits veröffentlichte Bücher noch einmal – und noch einmal und noch einmal – zu überarbeiten. Wasser auf dem Weg zur Küste und so.)

Meiner Meinung nach ist es letztendlich egal, wie ihr euer bestmögliches Buch erreicht. Wichtig ist nur, dass ihr euch klarmacht, welche Möglichkeiten es gibt, welche Schritte unternommen werden sollten – und die dann in irgendeiner Weise umsetzt, anstatt eure Idee von eurer eigenen künstlerischen Genialität als Schutzschild gegen Lernprozesse und Kritik einzusetzen. Was ihr nicht als Service einkaufen könnt/wollt, müsst ihr eben selbst leisten, so gut es geht. Und wenn ihr etwas nicht könnt, müsst ihr rausfinden, wie es geht. Die Leute, die euer Buch am Ende kaufen, interessieren sich nämlich im ersten Moment einen lauwarmen Pups für die Hürden auf eurem Weg zum Buch. Die gucken sich nur das Buch selbst an und entscheiden dann, ob sie ihm (und damit euch) eine Chance geben oder nicht.

(Es ist übrigens auch völlig in Ordnung, nur zum Vergnügen zu schreiben und zu veröffentlichen, ohne sich stunden- und jahrelang selbst zu kasteien. Das oben gesagte gilt in erster Linie für Leute, die an sich selbst den Anspruch haben, auf einer professionellen Ebene Bücher zu präsentieren.)

Wie schnell kann/muss man schreiben?

Ich habe mich gerade über einen angeblichen Schreibratgeber geärgert. Ein US-amerikanischer Autor hat aufgelistet, wie viele Wörter er pro Tag schreibt, und sich gegen Ende indirekt darüber lustig gemacht, dass Leute, die länger als vielleicht 10 Tage für einen Roman brauchen, es als Autor*innen wohl nicht ernst meinen.

Im Ernst?

Bullshit.

Natürlich kann ich 500 Wörter in 10 Minuten schreiben. (In fragwürdiger Rechtschreibung. Aber wir bewerten nicht, wir zählen nur.)

Und natürlich könnte ich wahrscheinlich 10.000 Wörter an einem Tag schreiben.

Aber wären das gute Wörter?

Wäre das die bestmögliche Geschichte, die ich erzählen kann?

Und wer übernimmt all meine anderen Verpflichtungen, während ich diese 10.000 Wörter schreibe?

Vorab: Ich sage nicht, dass Leute, die schnell schreiben, automatisch schlechte Geschichten schreiben. Das keineswegs!

Jedoch sieht die Realität der meisten Schreibenden ein wenig anders aus.

Wir haben Leben. Zu meinem gehören neben dem Schreiben der Brotjob, der Haushalt und der Sport (und in anderen Jahren so etwas wie ein Sozialleben). Zum Schreiben bleibt mir an einem normalen Tag etwa eine Stunde.

Außerdem müssen wir manchmal über das zu Schreibende nachdenken. Oder es überarbeiten. Oder noch einmal ganz von vorn anfangen. Rein rechnerisch habe ich letztes Jahr unter anderem etwa 75.000 Wörter Kinderbuch geschrieben, unglücklicherweisewar das jedoch dreimal der Anfang des gleichen Buches, weil ich beim Schreiben neue Dinge über die Welt gelernt habe, die sich nicht durch einfaches Reparieren einfügen ließen. Normalerweise habe ich diese Schwierigkeiten nicht, aber es ist eine neue Welt UND ein neues Genre, das macht mich etwas schwerfälliger. Und das ist okay, schließlich lerne ich auch aus den nicht-veröffentlichten Dingen. Oder sagt ihr etwa: „Mensch, all diese Tonleitern, die die Cellistin zuhause privat geübt hat, das war mal wirklich Zeitverschwendung!“??

Für Autor*innen scheint die Erwartung zu sein, dass alles, was den Weg auf den Bildschirm resp. aufs Papier findet, auch veröffentlichbar ist. Und im Ernst, das ist doch Unsinn. Wer malt, stellt auch nicht jeden Farbklecks aus, den er*sie produziert.

Rein technisch ist es also durchaus möglich, einen Roman in zehn Tagen zu produzieren, und vielleicht mache ich das irgendwann dieses Jahr auch mal zum Vergnügen – mit Urlaub wird das wohl Essig, was meint ihr? – aber das ist eine Herausforderung für optimale Bedingungen und nicht die Grundlage von: „Wer langsamer schreibt, sitzt nur 15 Minuten pro Tag am Schreibtisch und meint es keineswegs ernst.“