Du, es und ich – wer erzählt?

Die Erzählperspektive ist Gegenstand konstanter Diskussion. Welche ist die beste? Welche darf man keinesfalls verwenden?

Zunächst einmal: „Dürfen“ darf man als Autor*in alles. Aber können sollte man es schon. Es lohnt sich also, die Regeln zu lernen – vor allem, wenn man sie brechen will. Andererseits muss man auch nicht jeden Fehler selbst machen. Lieber aus den Fehlern anderer lernen und dafür superkreative neue eigene Fehler machen.

Vor nicht allzu langer Zeit las ich einen Artikel, in dem argumentiert wurde, viele Autoren würden „es“ ja „falsch“ machen – sie würden in der dritten Person erzählen, seien aber nicht dicht genug an der Person dran.

Nein, es gibt immer noch kein „falsch“. Wie dicht oder nicht dicht man an der Figur dran ist, bleibt jedem selbst überlassen … und es eröffnet viele tolle neue Möglichkeiten.

In älteren Büchern kann man oft miterleben, wie die Perspektive innerhalb weniger Absätze mehrfach wechselt. Erst ist man in einer Figur, dann wird ein Absatz in allwissender Perspektive (quasi „von oben draufguckend“) erzählt, dann gleitet man in die nächste Person. Heutzutage gilt das als eher verpönt – stattdessen wird empfohlen, wenigstens für komplette Textsegmente in einer Sichtweise zu bleiben. Ich persönlich finde beide Vorgehensweisen reizvoll. Wichtig ist für die schreibende Person vor allem, sich darüber bewusst zu sein, aus welcher Perspektive man gerade schreibt. Wenn man wirklich „in“ einem Charakter ist, wird man weniger Zeit darauf verschwenden, das Aussehen der Figur zu beschreiben, denn: Die Person weiß ja, wie sie aussieht. Als allwissender Erzähler hat man eine gewisse Distanz zu den Gefühlen der agierenden Personen, darf dafür aber auch verraten, was man will – Vorahnungen, Rückblenden, Dinge, die ein bestimmter Charakter noch nicht weiß, … (das erhöht die Spannung).

Manchmal ist es interessant, wie in alten Märchen aus der Sicht einer Figur zu erzählen und gleichzeitig eine gewisse Distanz zu wahren. Dann können die Leser sich selbst überlegen, wie die Figur sich wohl fühlt und was sie denkt.

Ebenfalls beliebt ist die Ich-Erzählerin. Gut, einige Leute halten das für ein „No Go“, aber einmal mehr: Alles ist erlaubt, solange es gut umgesetzt ist. Beim Ich-Erzähler kann man sich aussuchen, ob man „aus der Situation heraus“ erzählt oder ob man das Ganze im Rückblick erzählt, wie eine Geschichte am Lagerfeuer. Die erste Version kann mehr Tempo aufnehmen, die zweite erlaubt Anspielungen und Vorgriffe.

Eher selten sind Geschichten, die in der zweiten Person erzählen – also „du“ und „ihr“. Einmal durfte ich an so einer Ausschreibung teilnehmen, das war eine interessante Erfahrung. Leider gibt es nicht viele Situationen, in denen sich so eine Perspektive lohnt. Andererseits … wer ist gegen Schreibexperimente?

Am Wochenende habe ich übrigens Wasteland von Judith C. Vogt und Christian Vogt ausgelesen. Die Geschichte (sehr empfehlenswert, btw!) wird aus zwei verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt und setzt einen wichtigen Punkt exzellent um: Die verschiedenen Stimmen. Denn natürlich erzählen unterschiedliche Leute auf unterschiedliche Weise. Dies betrifft die Wortwahl, den roten Faden, das Tempo, die Wahrnehmung, … – und wenn man einen beliebigen Absatz aus dem Buch liest, erkennt man direkt, wer von beiden erzählt.

Wir fassen also zusammen: Ihr dürft zum Erzählen jede Perspektive einnehmen, die euch gefällt. Allerdings müsst ihr euch auch wirklich darüber im Klaren sein, was ihr aus der jeweiligen Perspektive sehen/wahrnehmen/wissen/erleben könnt.

Los, gebt es mir!

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