Das Rennschneckenphänomen

Ihr wisst ja, ich laufe. Also, für Sport. So richtig. Gut, eigentlich nicht richtig, aber schon regelmäßig, und auch seit mehreren Jahren.

Trotzdem lässt die Performance optisch wohl noch immer zu wünschen übrig. Elegant wie eine Gazelle? Eher nicht. Flink wie ein Reh? Würde ich nicht sagen.

Fakt ist allerdings, dass die regelmäßige Übung sich bemerkbar macht. Und besonders bemerkbar ist sie, wenn ich im Wald einen anderen Läufer überhole. Jetzt ist das vielleicht ein subjektiver Eindruck, aber dieses spezielle Problem habe ich in erster Linie mit Läufern, noch nie mit Läuferinnen. Ist vielleicht eine Testosteronfrage, oder …

Wovon ich rede?

Vom Läuferehrgeiz. Ich stelle mir das so vor: Der Mann federt durch den Wald, sportlich, kraftvoll, überschäumend vor Energie. Dann kommt von hinten so eine kleine, rundliche Frau mit zuppeliger Frisur und ausgelatschten Schuhen angescrollt. Und was macht die? Überholt den Mann einfach so! Sie atmet hörbar, Schweiß läuft ihr über das Gesicht und eigentlich sehen ihre Beine auch gar nicht aus, als würde sie gerade einen Hochleistungslauf hinlegen. Trotzdem ist sie, während der Mann das alles überlegt, schon einige Meter vorausgehüppelt.

Der Mann legt einen Zahn zu. Er hat sich heute Abend ein wenig gehen lassen. Liegt wahrscheinlich weit hinter seiner üblichen Geschwindigkeit. Er nähert sich dem Laufopfer, während ihm ein merkwürdiger Druck in den Kopf steigt.

Die kleine Frau hüppelt weiter. Obwohl sie sich garantiert anstrengen muss, um soviel schneller als normal zu laufen, wird sie weder lauter noch roter. Ihre Schuhe sehen ziemlich schlimm aus – voller Schlamm, mit rissigen Nähten und abgeknickter Ferse. Mehr kann der Mann nicht mehr erkennen, denn die Luft geht ihm aus, und er fällt zurück. Als er die Kontrolle über seinen Atem lockert, hört er ein Altmännerkeuchen. Irgendwas stimmt da doch nicht. Morgen geht er sicherheitshalber mal zum Arzt, sich gründlich durchchecken lassen.

Los, gebt es mir!

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